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Jazzwerkstatt Nr. 2 
Friesen / Kropinski / Liebman / Bauer
„MADE IN BERLIN“ + „MADE WITH FRIENDS“
 

Ein Bericht von Jürgen Sprave

14. November 2006 im Kammermusiksaal Berlin.

Reist man in Berlin von einem Stadtteil in einen anderen, überquert man oft unsichtbare Grenzen. So fühlt sich ein Westberliner im Osten bisweilen fremd und umgekehrt. Schon ein Ausflug in den Nachbarbezirk kann einem Abenteuer in eine kulturelle „Terra Incognita“ gleichen. Nicht anders verhält es sich mit den zahllosen berliner Musikszenen, die in ihren jeweiligen Nischen aktiv sind, die aber außerhalb dieser Nischen oft kaum Beachtung finden. So kommt es schon mal vor, dass man Musiker, die gerade mal einen Steinwurf vom eigenen Zuhause leben und seit Jahrzehnten feste Größen in ihrem Metier sind, überhaupt nicht kennt. Der Autor muss daher zugeben, dass ihm die Berliner Uwe Kropinski und Conny Bauer bislang bestenfalls vom Namen her bekannt waren. Ebenso verhält es sich mit dem Amerikaner David Friesen. Ironischerweise war ihm immerhin der Saxophonist David Liebman ein Begriff, denn der stand vor mehr als 30 Jahren mit Miles Davis in den USA auf der Bühne. Insofern wird auch der Besuch des 2. Konzerts der jazzwerkstatt Berlin-Brandenburg mit dem Titel „MADE IN BERLIN“ zur Grenzüberschreitung.

Die jazzwerkstatt hat für ihr Programm unter anderem den Kammermusiksaal der Philharmonie als Auftrittsort gewählt, also einen Ort im kulturellen Niemandsland in der Nähe des ehemaligen Verlaufs der Mauer und des Potsdamer Platzes, der nach wie vor wie eine Bohrinsel zwischen den Bezirken vor Anker liegt. Entsprechend disparat ist das Publikum, das offensichtlich aus allen Richtungen angereist ist: Etablierte Herrschaften aus Charlottenburg treffen auf alte Getreue aus Ost-Zeiten und eine handvoll Berlin-Mitte-Kids in T-Shirt und Turnschuhen, wobei der Altersdurchschnitt insgesamt jedoch deutlich jenseits der 40 liegt.

Die erste Hälfte des Abends bestreiten Uwe Kropinski auf der akustischen Gitarre und David Friesen am Bass als Duo. Sowohl Kropinski als auch Friesen sind Virtuosen. Es geht ihnen aber um etwas anderes als Virtuosität. Beide Musiker scheinen mit ihrem Instrument verwachsen zu sein und haben ganz individuelle Ausdrucksmöglichkeiten darauf gefunden. Kropinski hat Spieltechniken entwickelt, die weit über das hinausgehen, was man selbst von virtuosen Gitarristen kennt. Er zupft, streicht, klopft und reibt nicht nur die Saiten seiner Gitarre, er begreift das komplette Instrument mit Hals und Korpus als einen Klangkörper, den er mit allen zehn Fingern bearbeitet. Dadurch ist er in der Lage eine Vielfalt perkussiver Effekte zu erzeugen, dass man meint, neben dem Gitarristen auch noch einen lateinamerikanischen Perkussionisten zu hören. Verglichen mit Kropinskis Gitarre ist Friesens Bass naturgemäß etwas schwerfälliger. Aber auch er reizt die Möglichkeiten seines Instrumentes weit über das gewohnte Maß aus. Er hat einen warmen, geschmeidigen Ton, sein Spiel ist äußerst beweglich und melodisch, so dass er den Bass von der Rolle des bloßen Begleitinstruments längst emanzipiert hat. Im improvisatorischen Zusammenspiel von Gitarre und Bass erzeugen die beiden Musiker ein fein vibrierendes, ebenso dichtes wie filigranes musikalisches Geflecht, bei dem sich die Frage, wer hier begleitet und wer soliert, überhaupt nicht stellt.

Mit Conny Bauer (Posaune) und David Liebman (Sopransaxophon und Flöte), die nach der Pause „as friends“ hinzustoßen, wird das Klangspektrum erweitert. Es ergibt sich nicht nur der schöne Kontrast zwischen den Saiten- und den Blasinstrumenten. Hier das filigran Perkussive der Saiteninstrumente, dort der kraftvolle, singende Klang der Bläser. Sondern auch innerhalb der Instrumentengruppen selbst gibt es den Gegensatz leicht und grazil einerseits (Gitarre, Sax), schwer und kraftvoll andererseits (Bass, Posaune), der einen besonderen Reiz dieses Quartets ausmacht. Den Musikern gelingt ein spielerisches Miteinander von vier prägnanten und souveränen Stimmen, die sich gleichberechtigt austauschen und die gemeinsamen musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten auskosten. Und natürlich ist dies neben dem sehr stimmungsvollen, eher kammermusikalischen Erlebnis auch ein Augenschmaus: Zu sehen, mit welcher Sensibilität Kropinski, Friesen, Liebmann und Bauer ihre Instrumente spielen und auf welch feinsinnige und lebhafte Art sie musikalisch miteinander kommunizieren, ist ein wahre Freude.

Jazz afro-amerikanischer Prägung ist hier sicher nur einer von vielen Steinen im Mosaik der musikalischen Einflüsse. Spanisches klingt an, orientalisches, gleich zu Beginn erzählt Kropinski eine Anekdote zum (ironischerweise) ersten Stück „After All Is Said And Done“, das er unter dem Eindruck eines Sonnenuntergangs in Tansania geschrieben hat, einen deutschen Hörer aber irgendwie an Wolf Biermann erinnerte. Insgesamt gibt es eine Melange verschiedenster Einflüsse, die kaum noch einzeln auszumachen sind. Am nächsten kommt das Quartet dem Jazz noch in einem von Friesen augenzwinkernd als „a very conventional 11-bar blues“ angekündigten Stück und einer Version von Ellingtons „In A Sentimental Mood“ als Auftakt der ersten von zwei Zugaben. Dies ist kein Makel, im Gegenteil: Die vier Musiker sind in ihrem eigenen musikalischen Idiom so individuell und eigenständig, dass ein Vergleich mit afro-amerikanischen Vorbildern und die ewige Frage „Ist das Jazz?“ überflüssig wird.

Der Kammermusiksaal bietet eine konzentrierte, gleichzeitig aber auch gelassene und transparente Atmosphäre und gibt dem Konzert damit einen passenden Rahmen, obwohl eine solch ehrwürdige Spielstätte nicht immer der richtige Ort für Jazz oder andere improvisierte Musik ist. Nur ein kleiner Wehmutstropfen bleibt: Der Saal ist nicht einmal zu einem Viertel gefüllt. Die wenigen Zuhörer, die da sind, erleben jedoch einen musikalischen Höhepunkt. Am Ende bleiben vier sichtlich glückliche Musiker, ein brillantes Konzert und ein begeistertes, wenn auch kleines Publikum. Bei den nächsten Konzerten der jazzwerkstatt, liebe Berliner aller Bezirke, strömt ruhig etwas zahlreicher herbei!


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