Saalfelden 2015: Von Sonne und Sound verwöhnt

09.09.2015 12:20 von jazz (Kommentare: 0)

 

 

 

Saalfelden ist schon eine idealer Standort für ein Jazzfestival: grandiose Kulisse, die bei den Almkonzerten auf besondere Weise ins Festival mit einbezogen wird,  kurze Wege zwischen den Veranstaltungen, ein sorgfältig zusammengestelltes und hochkarätiges Programm und ein Publikum, das sich zu einem guten Teil aus „Wiederkehrern“ zusammen setzt. Wenn das wie im Jahr 2015 bei prächtigstem Sommerwetter geschieht, dann kann schon allein von den Rahmenbedingungen her nicht viel schief gehen.

 

Das Jazzfestival Saalfelden steht auf vier Säulen: eingebettet in die Stadt ist die City-Stage auf der Nachmittags vor größerer Laufkundschaft kostenlose Konzerte präsentiert werden. Das Programm ist entsprechend auf einen etwas breiteren Geschmack angelegt und populär besetzt, vom Klemzer der „Klezmer Connection“ über Bands mit südländischem Flair aus Italien bis hin zu den gutgelaunten Jungs + Mädel von Hazmat Modine.

 

Die Alm-Konzerte fielen im vergangenen Jahr ins Wasser, in diesem Jahr konnte man sich bei Lust darauf in brütendender Hitze den Berg hoch kämpfen. Dass auch hier eine glückliche Verbindung zwischen hörerfreundlicher und qualitativ großartiger Musik möglich ist, das zeigten die drei Herren der Smart Metal Hornets, die neben eigenständigen Kompositionen auf alpenländisches Liedgut wie auch auf Rockklassiker wie „Suzie Q“ zurück griffen, um ihre lebhaften Holz- und Blecharrangements zu füllen.

 

Das jazzige Kernprogramm gibt es in kleineren und größeren Besetzungen. Im Kunsthaus Nexus finden ab dem frühen Mittag die „Shortcuts“ statt: kleinere Besetzungen, gelegentlich „Spin-offs“ von größeren Besetzungen, die auf der Hauptbühne zu hören sind. Auch eine Experimentierbühne bei der etwas härtere Kost dem geneigten Jazzhörer-Ohr geboten wird. Das beginnen die österreichen Jungs von Kompost 3, deren „Balladen für melancholische Roboter“ ein Gruß des freieren Teils der Jazzwerkstatt Wien senden und die sich vielleicht noch einen Tick unbekümmerter in ihrer freien Jazzwelt tummeln, als es das Trio Graewe, Reijseger, Hemingway tut. Ein langlebiges Trio, deren Musiker voller Energie zur Sache gehen, ausgesprochen individuell und sich gelegentlich zusammenfindend – drei eigenständige Stimmen – recht ernster freier Kammerjazz. Zu hören ist das Trio – am Rande bemerkt – auch beim Preisträgerkonzert des SWR Jazzpreises 2015 im Rahmen des Enjoy Jazz Festivals am 5. Oktober in Ludwigshafen.

 

Das Duo Eve Risser (p) und Yuko Oshima (dr) brachte am Freitag eine Prise fröhlicher Unbeschwertheit ins Spiel, schon der Name des Duos „Donkey Monkey“ wies den Weg.  Das Zusammenspiel der beiden Musikerinnen ist traumwandlerisch: getrieben vom rockig geprägten Schlagzeugspiel der quirligen Japanerin, gelegentlich mit elektronischen Anreicherungen ergänzt und gekontert von Eve Risser, die am Flügel nicht nur virtuos agiert sondern das Instrument mit allerlei Spielmaterial von Glaskugeln bis Transparentpapier auf den Saiten ergänzt. Und am Ende finden sich die Damen auch noch in gemeinsamem Gesang. Kein schlechtes Zeichen, wenn nach dem Konzert im nu die CDs verschwunden sind.

 

Am Folgetage war es mit dem „humor belongs in Jazz“, dann doch wieder etwas vorbei. Begonnen mit dem skandinavischen Quintett  „All Included“ um den Saxophonisten Martin Küchen, das dynamische Kollektivimprovisationen rund um den dynamischen und expressiven Frontmann sponn, mit reichlich Freiraum für die Mitspieler. Darauf folgend die Formation des Violinisten Régis Huby. Vor dem Konzert konnte man vermuten, dass Gitarrist Marc Ducret seine kleine Pedalbatterie aufgebaut hatte, er beschränkte sich dann allerdings auf relativ wenig Effekte und eher auf seine genial vertrackten Improvisationen. Die Effekte waren doch fürs Streichinstrument installiert. Angekündigt war, dass sich das neu formierte Quartett in Kürze ins Studio begeben wolle und das sehr lange Set wirkte dann auch ein wenig wie ein ausgedehntes rehearsal. Getrieben vom äußerst differenziert das Schlagzeug bedienenden Michele Rabbia an den Drums kreiierte das Quartett eine moderne Kammermusik mit festen Formen, aufgebrochen in den freien Improvisationen der Musiker. War das noch intellektuelle Kopfmusik, spielte das folgende Sao Paulo Underground Trio eine erheblich sinnlichere Musik. Rob Mazurek an der Trompete, Guilherme Granado (keys) und Mauricio Takara (dr, perc) gelingt es, einen überbordenden Mix aus lateinamerikanischen und Rock-Rhythmen mit freien Jazzelementen und elektronische Beats zu würzen und in einen stimmigen ständigen Flow zu erschaffen.

 

Im Grunde war das die Fortsetzung von Rob Mazureks überaus gelungenem Auftritt vom Vorabend, als er mit der Großformation „Rob Mazurek and Black Cube SP“ das Trio um drei weitere Musiker zum Sextett erweiterte. Thomas Rohrer an den Reeds, Rogerio Martins mit Percussions und Vocals und Rodrigo Brandao, Vocals. Der Titel ihrer Suite „Return the Tides: Ascension Suite and Holy Ghost“ wies den Weg – die Paten Abert Ayler und John Coltrane schwebten über der Musik, eine spirituelle Patenschaft, eine Geisteshaltung. Das Programmheft wies auf den Hintergrund von Trauer um geliebte Menschen hin und die Musik hatte etwas von einem schamanenhaften Totenritual, wenn Mazurek die Trompete zur Seite legt und mit einer mit Glöckchen drapierten Seilkonstruktion die hypnotischen Rhythmen unterstützte. Kollektivität ist Essenz und Antriebsmittel Treibmittel dieser Band, eine Gemeinschaft, die an das Sun Ra Arkestra erinnert, auch was die permanente intensive Rhythmusunterfütterung betrifft.

 

Ein großartiger Schlusspunkt des ersten Abends auf der „Mainstage“, der traditionell begonnen hatte mit ebenfalls einem programmatischen Werk, einer Auftragskomposition fürs Festival. In diesem Jahr erarbeitet von der Wienerin Maja Osjonik. Was bei Rob Mazurek allerdings als völlig stimmig, natürlich und ungezwungen daherkommt wirkt bei Maja Osjonik doch an einigen Stellen eher konstruiert und statisch daher. Und es ist auch ein gewisses Problem, dass das textlastige Werk von einzelnen Wortfetzen abgesehen nur teilweise verständlich war. Ein ambitioniertes Werk, das gelegentlich einen Hauch überambitioniert wirkte. Die Band „Bigmouth“ des Bassisten Chris Lightcap war mit zwei großartigen Saxophonisten besetzt, Tony Malaby und Chris Cheek, und das war gelegentlich zwar erfreulich dicht im Zusammenspiel mit energetischen Passagen, häufiger noch war es allerdings ein fröhliches „Mein Solo, dein Solo Spiel“, zwar durchaus unterhaltend aber nicht weltbewegend. Eine furiose Steigerung gab es allerdings, als  der äußerst expressiv spielende dritte Saxophonist Andrew D’Angelo bei einem Titel einstieg und einen Ausblick auf die nächste Band gab: The Bureau of Atomic Tourism“. Auch hier, in der Formation des Schlagzeugers Teun Verbruggen, war D’Angelo ein Kristallationspunkt der Musik und konnte trotzdem nicht darüber nicht hinwegspielen, dass das versprochene „es gibt keinen Moment des Stillstands, es geht immer vorwärts“ auch in einen gewissen Status des Ermüdens und fehlender Nuancen verschwinden kann.

 

Ein vermutlicher Top-Act des Samstags, Steve Coleman mit seinem Project „Synovial Joints“ konnte nicht halten, was es auf dem Papier versprach. Coleman mischte sich unter seine Band, die mit einigen Streichern aufwartete und recht nahe an der CD entlang spielte. Das hatte den Charme eines Highschool Orchesters und natürlich spielte die Band wacker aber sowenig irgendwelche Funken auf der Bühne sprühten, so wenig sprang die nicht vorhandenen Funken aufs Publikum über.

 

Ganz mühelos war der Funkensprung am Nachmittag einer vermeintlichen „Ersatz“-Band gelungen. Der Bassklarinettist Michael Riessler sprang mit Pierre Charial (Drehorgel) und Vincent Courtois (cello) für den abgesagten Auftritt von Thomas de Pourquery auf.

 

Auf der einen Seite Pierre Charial an seiner mit selbstgestanzten Lochkarten gefütterten Drehorgel, der er rasante Tonfolgen abtrotzt und gewagter Harmonien – natürlich mit einem gewissen seriellen und mechanischen Charakter – und auf der anderen Seite die beiden Improvisateure. Michael Riessler mit gewohnter Power, dynamisch mit Zirkularatmung die Linien von Charial begleitend, kommentierend und umspielend und Vincent Courtois, der den widerborstigen Part übernahm. Ein Musiker mit klassischer Musikausbildung, der sich zu einem der bedeutendsten Improvisatoren der europäischen freien Jazzszene gemausert hat. Ach wenn die Musik am Rande von improvisierter zu „Neuer Musik“ balanciert, wirkt sie lebendiger und mitreissender als einige der vermeintlich „echteren“ Jazzformationen.

 

Zu später oder doch eher früher Stunde am vorletzten Festivalabend dann „Mostly Other People Do The Killing“. Immer noch mit Moppa Elliot am Bass, aber ohne Peter Evans an der Trompete. Überhaupt ohne Trompete und stattdessen mit Ron Stabinsky am Flügel. Dem skurrilen Humor, der ohne Umwege von Elliots Ansagen in die Musik zischt tut die Umbesetzung keinerlei Abbruch. Eine Tour de Force durch die Jazzgeschichte, durch den Fleischwolf gedreht, voller Ironie aber auch Respekt.

 

Traditionell steigert sich auf dem Papier auch am Sonntag das Programm über den Nachmittag bis zum abendlichen Schlusskonzert. Und wie in den Vortagen konnten einige der Bands die vermeintliche Steigerungskurve etwas durcheinander bringen, denn auch am Sonntag war eines der frühen Konzerte besonders interessant. Christian Muthspiels Quartett nahm sich dem Werk des „Alpen-Zappas“ Werner Pirchner an. Mit Franck Tortiller am Vibraphon und Jerome Harris am Bass. Der Humor der Pirchnerschen Kompositionen kam nicht zuletzt in Muthspiels launischen Ansagen zum tragen und weniger in der Musik selbst – auch wenn im „Hosent’raga“ auch einmal eine Verbeugung der Musik zueinander eingebaut wurde. Tatsächlich gelingt es dem Trio den musikalischen Kern von Pirchners Schaffen musikalisch grandios herauszuarbeiten.

 

Dass der Altmeister James Blood Ulmer zum Schluss das Festivalhaus rockte, das war abzusehen.

(fs)

 

| www.jazzfestivalsaalfelden.com

 

Jazzpages Lofo

 

 

Zurück

Einen Kommentar schreiben