Just Music Beyond Jazz Festival - 17.-18. Februar 2017 in Wiesbaden

23.01.2017 12:58 von jazz (Kommentare: 0)

 

Just Music Festival 2017 in Wiesbaden - Logo

 

Alle Freiheit des Jazz in zwei Tagen

 

Es gehört seit Jahren zu den bestechendsten Eigenschaften des Just Music Festivals, dass es gelingt, mit vergleichsweise unspektakulären Namen immer wieder ein spektakuläres Festival auf die Beine zu stellen. Gegen die Versuchung, der andere Festivals leider allzu oft erliegen, mit Wischiwaschi-Pop-Acts das Programm aufzupimpen, sind die Kuratoren Knösche und Oberg gefeit. Schließlich ist Uwe Oberg selbst Pianist, mit Hang zu den freieren Gefilden des Jazz und „Jazzarchitekt“ Raimund Knösche auch außerhalb des Festivals im Wiesbadener Rudersport 1888 am Rhein erfolgreicher Veranstalter. Mit seiner Reihe „Ruder“, in der er seinem Hang zu zeitgenössischem und avantgardistischem Jazz frönt. Ob die beiden Impressarios ihr Programm gleich als „holprig“ beschreiben müssen, sei einmal dahingestellt: „Wenn uns nicht alles täuscht, gehen Sie diesen – auch musikalisch – oft holprigen Weg gerne mit uns.“ Dass das Publikum die von den Festivalmachern gebahnten Wege allerdings tatsächlich gern beschreitet steht außer Frage – es zeigte sich an den bestens besuchten Festivals der Vorjahre.

 

Etablierte Impulsgeber und Neue-Wege-Geher

 

Das Quintett des jungen Posaunisten Moritz Wesp eröffnet das Festival am Freitag, den 17. Februar, und „planetare Musik“ bei der Sun Ra grüßen lässt, ist angekündigt. Das macht Appetit und ist als Einstieg für jedes Festival eine Verheißung. Das folgende Solokonzert des britischen Pianisten Pat Thomas setzt zum einen eine Festivalreihe fort – Solopiano – und durchbricht sie auch ein wenig, waren es doch in den vergangen Jahren vor allem Pianistinnen, die beim Festival Akzente setzten (Eve Risser, Myra Melford…). Thomas, der sich im Spiel mit Freejazzern wie Brötzmann, Evan Parker oder Derek Bailey wohl fühlt, spielt im Wiesbadener Kulturforum eines seiner selten zu hörenden akustischen Sets.

 

Digitial Primitives - Foto: Schindelbeck

 

Der erste Festivalabend geht mit einem Highlight zu Ende: die Digital Primitives mit Cooper Moore (b, voc), Assif Tsahar (reeds) und Chad Taylor (dr) spielen eine tief in der afroamerikanischen Musik geerdete Mixtur aus Blues, Funk und rockigen Elementen – also irgendeine Art von Jazz auch - mit Moore, der sich als charismatischer und experimentierfreudiger Mastermind entpuppte. Vor einigen Jahren war das Trio im Keller des Jazzinstituts Darmstadt zu Gast und begeisterte damals schon die Besucher.

 

Let’s talk about Jazz

 

„Beyond Jazz“ – Untertitel des Just Music Festivals – ist auch Thema einer Diskussionsrunde am zweiten Festivaltag, die ab 15 Uhr in der Studiobühne stattfindet. Mit von der Partie sind unter anderem Wolfram Knauer (Jazzinstitut Darmstadt), Hans-Jürgen Linke (Jazzthetik), Moritz Wesp (Musiker), Uwe Oberg (Musiker & Kurator des Just Music Festivals). Die Güte der Teilnehmer verspricht Interessantes und vielleicht spricht man auch darüber, warum immer mehr über Jazz gesprochen wird – vielleicht gesprochen werden muss? Die Hoffnung bleibt, dass nicht wegen dieser Programm-Erweiterung der Workshop aus dem Programm im Jahr 2017 wieder verschwunden ist.

 

Die Fichten - Foto: Schindelbeck

 

Dass Humor und Avantgarde eine lässige Symbiose bilden können, dafür steht ein interessantes junges Trio aus Köln. „Die Fichten“ eröffnen den zweiten Festivaltag. Mit dem außerordentlich vielseitigen Saxophonisten Leonhard Huhn, Stefan Schönegg am Bass – den man bei Just Music schon als Teil von Sebastian Gramss‘ Bassmasse hören konnte -  und dem vor Ideen sprühenden Schweizer Schlagzeuger Dominik Mahnig. Weitere Lobeshymnen auf das Trio entfallen an dieser Stelle, weil der Autor der Zeilen gleichzeitig auch der „Labelchef“ des Trios ist (Debütalbum „Die Fichten“, fixcel records, 2014).

 

Die beiden Spanier Agustí  Fernández am Piano und Lucía Martínez am Schlagzeug, tummeln sich in den weiten Gefilden der Avantgarde und verweben dies elegant mit musikalischen Wurzeln aus Spanien und dem mediterranem Raum. Die aktuelle Veröffentlichung des Duos heißt „Desalambrado“, was so viel wie „Zäune einreissen“ bedeuten soll. Das schlägt den direkten Bogen zu den Liner-Notes der Festivalorganisatoren, die postulieren „Das sind unsere Zeichen: Tonsignale von Musikern aller Generationen, die über nationale Grenzen hinweg eine Gemeinschaft bilden und etwas vorleben, das wir gesellschaftlich nachahmenswert finden. Offenheit und Kommunikation sind dafür die Basis.“

 

Besser als mit der letzten Band des Festivals, lässt sich dieser Anspruch kaum in Musik umsetzen. Es spielt die norwegisch-schwedische Band „All Included“.

 

Martin Küchen - Foto: Schindelbeck

 

Das Quintett um den Saxophonisten Martin Küchen (und den Posaunisten Mats Äleklint) greift die  revolutionären Aufbrüche der frühen 1960er Jahre auf: Musik von Albert Ayler, Ornette Coleman, Don Cherry oder Charles Mingus stehen hörbar Pate für den wilden Sound der Band. Aus Mingus’ “Lovebird” wird der “Free Bird” ihres Debütalbums, „Reincarnation Of A Free Bird“ und die Wiederauferstehung dieses Vogels ist auch das “Wiederaufstehen” in politischer Hinsicht. Mit Titeln wie “Airstrike”, “War in a child” oder “The Indispensable Warlords”. Und mit der zweiten CD “Satan In Plain Clothes”, 2015, wurde die Band nicht leiser und deren Botschaften nicht sanfter. Wollte man dem jämmerlichen Trumpismus irgendetwas Positives abgewinnen: solche Bands treibt er weiter zu Höchstleistungen.

 

| Just Music – Beyond Jazz Festival 2017

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