Inntöne 2016 - Rückschau mit Bildern

19.05.2016 00:41 von jazz (Kommentare: 0)

 

Inntöne Scheune Diersbach - Photo Schindelbeck
Inntöne, Paul Zauners Scheune 2016

 

Die Inntöne sind in vielerlei Hinsicht ein ungewöhnliches Festival. Veranstaltet auf dem Bauernhof des Festivalmachers Paul Zauner in Diersbach, Österreich, nur rund 30 km von Passau entfernt, mit einem Festival-Programm, das vom zeitgenössischen Jazz und improvisierter Musik bis zu Blues und kaum einzuordnendem Ethnofolk reicht.

 

Wenn der Grundton auch vom Jazz vorgegeben ist - Zauner lebt seinen breitgefächterten Musikgeschmack aus. Und das kommt an, denn trotz widerwärtiger Wetterverhältnisse ist das 31. Festival in seiner riesigen Scheune ausverkauft. Ungeheizten Scheune wohlgemerkt.

 

Die wiederkehrenden Besucher erkennt man am angemessen winterlichen Outfit, die anderen bekommen gegen Bibberattacken notfalls kostenlose Leihdecken. Trotzdem: wenn selbst die Musiker auf der Bühne frieren, dann sollte man sich vielleicht überlegen, nicht doch irgendeine rudimentäre Heizmöglichkeit zu installieren oder das Festival etwas in Richtung Sommer zu verschieben. Vielleicht gehört aber auch das zum authentischen Feeling der Inntöne-Familie - gemeinsames Frieren schweißt zusammen. Interessant, wer alles aufläuft: Jazz-, Musik- und Kulturinteressierte im weiteren Sinn aber auch Ex-Moersler, die vor Jahren den Spaß dort verloren haben und die familiäre Atmosphäre und die stilistische Vielfalt der Inntöne zu schätzen wissen – oder selbst nicht so genau wissen, warum sie in Diersbach gelandet sind.

 

Der erste Festivaltag begann verhalten mit einem ruhigen Solokonzert des Pianisten Kenny Werner. Ein introvertiertes Recital mit geschmackvollen Improvisationen, nur leicht getrübt von einem deplaziert wirkenden Weihnachtslied, inspiriert vielleicht von der leichten Kühle zwischen den Stuhlreihen. Schnell aufgewärmt waren die Musiker des folgenden Rosenberg-Trios auf jeden Fall. Stochelo Rosenberg und Mozes Rosenberg, die beiden Gitarristen und Nonnie Rosenberg am Kontrabass spielten rasanten Gypsy-Jazz.

 

Überhaupt: wirklich begeistern konnten vor allem jene Bands, die ganz unabhängig vom Stil mit Begeisterung und Verve auftraten. Das begann bereits mit dem Rosenberg Trio und das folgende Trio mit Andreas Schaerer aus der Schweiz und den, aus dem Umfeld der Jazzwerkstatt Wien kommenden, Musikern Peter Rom (gt) und Martin Eberle (tp) konnte diese Begeisterung auf und vor der Bühne noch steigern. Virtuose Solisten und Komponisten mit einem Andreas Schaerer, der expressiv und mit überbordender Dynamik alles Mögliche an Tönen aus seinem Körper herausholt. Gesang und Geräusche, mal schnell den Part der Trompete übernommen während Eberle dafür die Schlagzeugbesen aus der Trompete pustet. Das hat Witz, Rasanz und ist bei allen komischen Elementen – ein Titel, der im Wesentlichen nur aus Schlussfloskeln anderer zusammengesetzt wurde nur als Beispiel – musikalisch virtuos. Kein Wunder, dass es die Zuhörer, entzückt von der Leichtigkeit des Auftritts und derart musikalischer Brillanz, nicht auf den Stühlen hielt und es den Höhepunkt des Festivals mit Standing Ovations feierte.

 

Enthusiastisch reagierte das Publikum auf das israelische Gadi Lehavi Trio, dessen Namensgeber und Pianist am Schlusstag auch Kirk Lightsey im Quartett des Saxophonisten Azar Lawrence beim Projekt "Tribute to McCoy Tyner" vertrat. Die Ursache dieser Begeisterung ist ein wenig rätselhaft. Gewiss, da musizieren drei hörbar exzellent ausgebildete junge Musiker. Jeder Ton sitzt, Shachar Elnatan streichelt sein Schlagzeug behutsam und Tal Mashich zupft vorsichtige Akzente. Alles sehr distinguiert und geschmackvoll aber könnte man den jungen Herren verraten, dass Samthandschuhe im Jazz gelegentlich ausgezogen gehören und sublimierte Jazzgeschichte auf Dauer kein Konzept für Entwicklung ist? Auch beim Tribute-Konzert von Lawrence am kommenden Tag vermisste man das zupackende Moment am Flügel, was gerade bei einer Hommage an McCoy Tyner zu erwarten gewesen wäre. Der dynamische Kopf der Band, Azar Lawrence an den Saxophonen, konnte hingegen auf ganzer Linie überzeugen, mit spirituell-kraftvollem Sound der an Coltrane und noch mehr an George Adams erinnerte.

 

Ausgesprochen gut kam beim Diersdorfer Publikum auch das Solo-Konzert von Dom La Nena an. Die junge Frau mit brasilianischen Wurzeln eroberte mit mädchenhaftem Charme das Publikum im Handumdrehen. Musikalisch war ihr Auftritt nur begrenzt überzeugend. Das live Aufnehmen von Patterns und der schichtweise Aufbau dieser Klänge und Rhythmen in Loops ist zwar technisch verblüffend gut gemacht, der Aha-Effekt verfliegt aber schon beim zweiten Stück dieser Machart. Ansonsten greift die junge Dame zu verschiedenen Instrumenten, lässt das Publikum singen und wenn es schon nicht tanzen will, muss es sich wenigstens von den Stühlen erheben. Ein wenig albern wird’s dann doch, wenn sie mit LED-beleuchteter Minigitarre durchs Publikum wandelt. Aber wer da böses schreibt, der schlägt wohl auch junge Hunde…

 

Höhepunkt des zweiten Festivaltages war das Zusammenspiel mit einem Toten. Die Sängerin Agnes Heginger, Clemens Salesny an Saxophon und Bassklarinette, Martin Bayer an der Gitarre und der Schlagzeuger Peter Primus Frosch nahmen sich der Musik des im Jahr 2005 verstorbenen Gitarristen und Multiinstrumentalisten Harry Pepl an. An sich noch nichts ungewöhnliches - die Besonderheit des Projektes lag darin, dass Pepl auch musikalisch auf der Bühne präsent war. Der Musiker konnte aus gesundheitlichen Gründen bereits viele Jahre vor seinem Tod 2005 nicht mehr live auftreten. Im Homestudio spielte er allerdings zahlreiche Stücke und Tracks ein und ein Teil davon wurde beim Konzert zugespielt. Die vier Musiker auf der Bühne spielten so exzellent mit Pepls Nachlass, dass ohne die zugehörige Geschichte und mit geschlossenen Augen ein Quintett auf der Bühne hätte stehen können. Ein überaus gelungener Tribut an einen der wichtigen Jazzmusiker Österreichs. Statt peinlich zu wirken oder sogar komplett schiefzugehen ging das Konzept tatsächlich wunderbar auf: Die vor Musikalität sprühenden Einspielungen von Pepl wurden von der Band kreativ aufgesogen und nie nur begleitet sondern im Dialog ergänzt und erweitert. Vier großartige Solisten + 1. Das Pepl-Projekt ist auf einer Doppel-CD eingespielt, erschienen bei "Fullmax Recordings" und erhältlich über www.harrypepl.com.

 

Das Trio mit Gerd Dudek (sx), Ali Haurand (b) und Daniel Humair (dr) war auf dem Papier ein Jazzleckerbissen am Schlusstag des Festivals. Zwar wirkte Ali Haurand am Bass deutlich munterer als bei seinen Ansagen und die drei Granden der Improvisationsszene Europas spielen natürlich immer noch auf höchsten Niveau, doch beschleicht einen ein wenig das Gefühl, dass man es mit einer aussterbenden Art von Jazzkonzept zu tun hat. Elaborierte Soli reiherum - gegen die experimentellen, den traditionellen Jazzbegriff stark erweiternden Ansätze einiger der Festivalbands wirkt das etwas aus der Zeit gefallen - vielleicht durfte man aber auch einen der letzten Felsen in der Brandung der Beliebigkeit dessen, was sich im Jazz-Ozean tummelt, bewundern.

 

So blieb es am Sonntag bei einem ganz unerwarteten musikalischen Highlight: die Oberöstereichische OÖ Jugendjazzorchester konnte auf ganzer Linie überzeugen. Keine Eigenkompositionen aber ein sorgfältig ausgesuchtes Programm vorwiegend der effektvollen moderneren Bigband-Literatur. Unbändige Spielfreude der gesamten Band und erstaunlich kreative Solisten mit Potential. So macht Jazz Spaß - auf und vor der Bühne.

 

Abseits des Hauptbühne gab es bei den Inntönen ein Nebenprogramm: mit Kinderbespaßung am Nachmittag, einem interessanten Vertonungsprojekt des Films „the man with the movie camera“ (1929), begleitet von der Gruppe deneb und „after hours“ und leider im Geräuschpegel des „Pig’s Club“, dem ehemaligen Schweinstall, gelegentlich untergangen:  die Jazz-Sessions. Das Johannes Enders Quartett mit Rainer Böhm am Piano, Josh Ginsburg am Bass und Schlagzeuger Klemens Marktl hätte sich durchaus auch auf der Hauptbühne bestens gemacht aber so ist ein Jazz-Festival eben auch: gelegentlich in erster Linie geselliges Beisammensein, bei dem großartige Musik zur Nebensache wird.

 

Was bleibt? Eine musikalische Wundertüte bei den Inntönen, ein aufmerksames und begeisterungsfähiges Publikum, das sich keinen musikalischen Richtungen verschloss und zum großen Glück fehlten nur ein paar Grad Wärme – vielleicht dann bei der 32. Ausgabe des Festivals im Jahr 2017 vom 2.-4. Juni.

 

(fs)

 

www.inntoene.com

 

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