Das Berliner „Trio Neuklang“ trat in Schwäbisch Hall auf

17.04.2016 21:01 von jazz (Kommentare: 0)

 

Foto: Kumpf

 

 

Melodische Suchspiele in Tangos

 

Erkennen Sie die Melodie? Klassische Gassenhauer im Tango-Format präsentierte das „Trio Neuklang“ im gut besuchten historischen Neubau-Saal von Schwäbisch Hall auf. Zum Saison-Abschluss ließ die veranstaltende „Konzertgemeinde“ mit gewitzter Musik aufhorchen.

 

Der berühmte „Libertango“ erklang schließlich als erste Zugabe. Dessen Schöpfer war der Argentinier Astor Piazzolla (1921-1992),  genialer Erfinder vom „Tango Nuevo“ - des konzertanten Tangos zum konzentrierten Zuhören. Zuvor hatte es in der südamerikanischen Tango-Tradition zunächst den Tango zum Tanzen (etwas verrucht) und dann den gesungenen Tango (ziemlich klagend) gegeben. Der Bandoneon-Virtuose Piazzolla kombinierte nun seriös die im Hafenviertel von Buenos Aires entstandenen folkloristischen Weisen mit der klassischen Musik Europas.

 

Foto: Kumpf

 

Mehr oder weniger vertraute Hits von Barock, Klassik und Romantik hat der in Moskau geborene Klarinettist Nikolaj Abramson in den Tango-Stil mit den typisch pointierten Auftakten konvertiert. Als Wahl-Berliner zieht er nun mit seinen beiden Trio-Kollegen Arthur Hornig (Violoncello) und Jan Jachmann (Akkordeon) durch die Lande – eine lustige Angelegenheit, die aber nie ins Lächerliche abgleitet. Man schöpft mittlerweile aus einem großen Repertoire, aus dem recht variabel die Aufführungen gestaltet werden können.

 

Ein eigentliches Programmheft stand auch bei der Darbietung im Neubau-Saal

nicht zur Verfügung. In seiner charmanten Conference machte Cellist Hornig über Inhalt und Herkunft der Stücke oft nur vage Andeutungen – und verwies ganz merkantil auf die detaillierten Booklets der CDs von „Neuklang“ (nicht mit dem gleichnamigen Label der Ludwigsburger „Bauer Studios“ zu verwechseln!).

 

Zu Beginn des Abends wurden Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ tangomäßig umgemodelt. Eingangs auf dem Cello solo fühlten die Zuhörer regelrecht nach den vor Kälte erstarrendem Staccati einen grausamen Winter-Wind, und danach erst folgten meteorologisch der Frühling und der Sommer samt furchtbarem Gewitter. Ein reizvolles Video vom „Trio Neuklang“ mit dieser (zuweilen in einer Autowaschanlage gedrehten) Nummer findet sich übrigens bei „YouTube“.

 

Bei Opern-Hits von Richard Wagner mogelt sich im schmunzelnden Pathos Georges Bizets „Carmen“ mit ihrem Habanera-Rhythmus ein, Ludwig van Beethoven klopft mit dem Schicksal an die Türe des Barbiers von Sevilla (Gioacchino Rossini). Das „Trio Neuklang“ bringt von Wolfgang Amadeus Mozart den Türkischen Marsch, die Kleine Nachtmusik und die große g-moll-Sinfonie (KV 550) mit scharfkantigen Tango-Rhythmen in Einklang. Besonderen Beifall gab es, als bei Edvard Griegs „Peer-Gynt-Suite“ nordische Kühle südamerikanischem Heißsporn Platz machte.

 

Das Berliner Ensemble sorgte jedoch auch für Stimmungswechsel, wenn es leise langsame Stücke intonierte, beispielsweise „Die Nacht auf dem kahlen Berge“ von Modest Mussorgski. Als weitere russische Komponisten hatten die Tango-Liebhaber noch Dimitri Schostakowitsch und Sergej Rachmaninow im Programm. Es bleibt anzumerken, dass in der verblichenen Sowjetunion sogar bei den linienuntreuen Jazz-Avantgardisten zackige Tangos sehr beliebt waren, man denke da nur an das legendäre Ganelin-Trio aus dem Baltikum.

 

Spieltechnisch überzeugte beim Haller Konzert im Neubau-Saal namentlich Arthur Hornig, der auf seinem Violoncello blitzschnell zwischen gezupften und gestrichenen Aktionen zu wechseln vermochte, den Instrumentenkorpus als Perkussionsinstrument einsetzte und sich geradezu in einen Jazz-Bassisten verwandeln konnte. Swingend Improvisiertes war partiell auch von Klarinettist Nikolaj Abramson und Akkordeonist Jan Jachmann zu hören. Vielseitige und weltoffene Musikanten gewiss.

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