
New York/Ludwigsburg/Aalen. Wenn es gegen Ende des letzten Jahrhunderts im Jazzbereich einen wirklichen Superstar gab, dann war es sicherlich Miles Davis. Nicht dass er ein makelloser und virtuoser Trompeter gewesen wäre. Sein innovatives Tun und erst recht seine Aura und seine Allüren stachen hervor. Im Konzertsaal, auf dem Festival oder im Tonstudio - seiner magischen Ausstrahlung konnten sich weder die Zuhörer noch seine Mitspieler entziehen. Vor zwanzig Jahren, am 28. September 1991, verstarb Miles Davis 65jährig im US-amerikanischen Santa Monica nach einem erneuten Schlaganfall und einer Lungenentzündung, wie damals die Agenturen vermeldeten.

Miles Davis hatte schon lange unter ernsthaften
Gesundheitsproblemen zu leiden: Drogengenuss, Hüftoperationen,
Knochenentzündungen, Stimmbänderprobleme, Zuckerkrankheit. Auf
der Bühne gab er sich in topmodischem Outfit stets vital und
jugendlich, doch „backstage" bemerkte man, wie kaputt er war.
Als er präzise sechs Monate und einem Tag vor seinem Ableben
kurzfristig ins Ludwigsburger „Tonstudio Bauer" kam, ließ der
gestresste Künstler die nervösen Techniker mehr als acht Stunden
auf sich warten. Nach drei Stunden für ihn sehr kräftezehrender
Arbeit wurde er dann mehr hinausgetragen, als dass er selber
ging. Doch die magere musikalische Ausbeute konnte danach auf
keiner CD veröffentlicht werden. Einen Tag später hatte er beim
Jazz-Festival in Aalen auch nicht mehr die Power, ein paar
Plakate, für die ich das Foto geliefert hatte, zu signieren.

Für uns Augen- und Ohrenzeugen geriet dieses Studio-Gastspiel
des extravaganten „Schwarzen Prinzen" trotzdem und gerade
deshalb zum unauslöschlichen Erlebnis: Um Mitternacht wurde
Miles Davis mit einem Rolls-Royce vorgefahren, in teurem Pelz
gewandet und sich auf einen Krückstock stützend legte er die
wenigen Meter zur digitalen Aufnahmestätte zurück, drückte
höflich lächelnd dem Senior-Chef Rolf Bauer die Hand - und
relaxte zunächst einmal fünf Minuten auf einer Liege. Dann
entlockte er seiner Trompete die ersten Töne: „Coole"
vibratolose Phrasen, sehr kurz jeweils, mit Dämpfer in
verhaltenem Glanz. Brüchig die Tongebung, oft unsauber der
Ansatz und die Einsätze.
Aber dies bleibt schließlich das ganz individuelle Markenzeichen
von Miles Davis, der vom Bebop an der Seite von Charlie Parker,
über den Cool Jazz und den Hardbop bis zum elektronifiziertem
Rock Jazz stilbildend an der Entwicklung der afroamerikanischen
Musik beteiligt war.
„Miles hat richtig gezittert, als er vor den Noten stand und
spielen sollte", erzählte mir noch im August 1991 ganz aktuell
der Pianist, Bandleader und einstige Künstlerische Leiter vom
Jazzfest Berlin George Gruntz, mit dessen „Concert Jazz Band"
beim weltberühmten Jazz-Festival in Montreux der amerikanische
Star die bekannten Gil-Evans-Arrangements - die Platten „Porgy
and Bess" sowie „Sketches of Spain" machten Jazzgeschichte -
aufleben lassen wollte.

Aus der Patsche half man sich, indem Miles Davis kundige
Notisten zur Seite gestellt wurden, die das komponierte Material
abspielten und an die sich Miles Davis „anhängen" konnte. Was
bei Miles Davis - auch hier - faszinierend blieb, war sein
Feeling, seine ganz eigene lyrische Ausdrucksweise. Auftrumpfend
und jubilierend stieß er nie in sein Horn, die Tristesse und die
Klagelaute blieben bei ihm auch bis in die Neuzeit, bis zu
Fusion und HipHop, erhalten.
Mit Magie oder mit Autorität, Miles Davis machte seine
Mitspieler zu „Instrumenten", um eine bestimmte Atmosphäre zu
schaffen. So „atmeten" seit 1981, als der damals Totgeglaubte zu
einem erfolgreichen Comeback ansetzte, seine Bands wirklich wie
ein einziger musikalischer Körper. Ein organischer Zusammenhalt,
eine musikalische Einheit.
Nun fehlt seit nunmehr zwei Jahrzehnten dem Jazzgeschehen diese
einmalig schillernde Figur. Die Bedeutung von Miles Davis, der
am 16. Mai 1926 in eine begüterte Familie hineingeboren wurde,
mag man auch daran ermessen, wieviele führende Musiker von heute
in seinen Gruppen „zur Schule" gingen. Genannt seien hier nur
die Pianisten Chick Corea und Herbie Hancock, die Gitarristen
John McLaughlin und John Scofield, die Schlagzeuger Jack
DeJohnette und Billy Cobham sowie die Saxophonisten Bill Evans
und Wayne Shorter.
Und populäre Allround-Trompeter wie der X-Factor-Star Till
Brönner haben auch nach der Jahrtausendwende ihren Miles Davis
drauf.
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Text und Photographie von
Hans Kumpf