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Till Brönner & Curtis Stigers

Till Brönner

Curtis Stigers

Patti Austin

Patti Austin mit der SWR Bigband

Nils Landgren

Joe Sample & Wilton Felder

Joe Sample

Nick Sample

Sample, Carter, Studnitzky, Landgren

James Carter |
Nach dem Rock-Gitarristen
Lenny Kravitz und dem singenden Komponisten Mike Batt
kam auf dem Pariser Platz erst am dritten Festivaltag
eigentlicher Jazz auf. Freilich auch hier eine
freundliche Musik, die nirgends aneckt - auch wenn mal
atonale Sounds auftauchen und ein starres Metrum
ausbleibt. Im Bankenareal beim Stuttgarter Hauptbahnhof
gaben sich zwei singende Instrumentalisten ein
harmonisierendes Stelldichein: der Saxofonist Curtis
Stigers und der Trompeter Till Brönner.
Im Vorjahr konzertierte der Amerikaner Stigers bei den
„JazzOpen“ noch im Club „BIX“, nunmehr durfte der Macher
des im langsamen Dreivierteltakt gehaltenen Hits „I
Wonder Why“ auf der Haupttribüne ran. Und da ließ
Stigers mit seiner im Timbre oft an Ray Charles
erinnernden Stimme nicht nur Rührseligkeiten hören.
Furiose Scat-Improvisationen und die modischen Tricks
einer Drum-Machine aus der menschlichen Kehle beherrscht
der 1965 im amerikanischen Bundesstaat Idaho Geborene
gleichfalls. Daneben vermag er in bester Hardbop-Manier
mit seinem Tenorsax zu röhren.
Aggressivere Töne bescherte scharfzüngig und growlend
auch Trompeter Jon Snider. Als musikalische Wasserträger
bei den angejazzten Versionen von Elvis Presley, Bob
Dylan, Randy Newman und Joe Jackson popularisierten
Songs fungierten zudem Pianist Matthew Fries, Bassist
Cliff Schmidt und Drummer Keith Hall.
Der smarte Till Brönner hatte schon Tage zuvor
angekündigt, dass er in Stuttgart wohl bei Curtis
Stigers „einsteigen“ werde (und umgekehrt). Nun
zelebrierten die beiden Stars vom internationalen
Weichspül-Jazz vereint eine rasante Bebop-Nummer –
Charlie Parkers „Billie’s Bounce“. Eine angenehme
Alternative.
Till Brönner selbst machte mit seinem Sextett die
Coolness eines Chet Bakers vergessen und stieß diesmal
mehr rockjazzig ins Horn, wobei er sich ohrengefällig an
„Bitches Brew“ anlehnte. Der virtuose Trompeter vom
Jahrgang 1971 gilt ohnehin als stilistisches Chamäleon,
das althergebrachte Genre-Grenzen schlichtweg negiert
und dabei beträchtliche kommerzielle Erfolge einheimst.
Nach Hildegard Knef, den „No Angels“, Carla
Bruni-Sarkozy (!) und Thomas Quasthoff sowie
Weihnachtsliedern hat es ihm nun erneut brasilianischer
Bossa-Nova angetan. Von seiner neuen „Rio“- CD
interpretierte Brönner live die weltbekannten Standards
„Cafe Com Pao“ und „So Danco“, wobei er noch seine
einschmeichelnde Stimme einsetzte.
Bei seinem schnellen „Bumpin’“, das es inzwischen sogar
als Handy-Klingelton zu kaufen gibt, schmuggelte Till
Brönner verschmitzt und gewitzt improvisatorisch
„Singing In The Rain“ ein, als es zu tröpfeln begann und
das (Jazz-)Open-Air-Publikum schon den nächsten
Regenschauer befürchtete.
Till Brönner dominierte als Instrumentalist und als
Vokalist das musikalische Geschehen, doch blieb ein
interaktiv sehr reizvolles und keineswegs reißerisches
Duo des Perkussionisten Roland Peil mit dem fränkischen
Schlagzeuger Wolfgang Haffner haften. Keyboarder Daniel
Karlsson bevorzugte Blockakkordisches, der ebenfalls aus
Schweden stammende Gitarrist Johan Leijonhufvud kreierte
Fusion und Funk. Mit dem Badenser Dieter Ilg stand Till
Brönner ein erfahrener und zuverlässiger Kontrabassist
der Jazzszene zur Verfügung.
Die Konzerte von Till Brönner und Curtis Stigers wurden
vom SWR-Fernsehen mitgeschnitten und kommen in der Nacht
vom 9. auf den 10. August 2008 ab 2.55 Uhr in zwei
einstündigen Sendungen von „3sat“ zur Ausstrahlung.
Diana Krall spielte und sang noch bei einem
ausverkauften Konzert vor fast dreitausend Zuhören, doch
am Tag danach zeigten sich die Stuhlreihen auf dem
Pariser Platz reichlich gelichtet. Grund mag sein, dass
die immerhin mit einem Grammy ausgezeichnete Sängerin
Patti Austin buchstäblich als „Lückenbüßerin“ sehr spät
ins Programm aufgenommen wurde und am gleichen Abend in
der Mercedes-Arena sich JazzOpen mit der kreativen
Vokalistin Dianne Reeves selbst Konkurrenz machte.
Da Patti Austin direkt aus Montreux kam, wo sie als
Jurymitglied tätig war und noch mit ihrem „Paten“ Quincy
Jones, dem Trompeter und erfolgreichen
(Michael-Jackson-)Produzenten, bis ins Morgengrauen
nachträglich dessen 75. Geburtstag feierte, konnten
keinerlei Proben mit der SWR Big Band durchgeführt
werden. Das Jazzorchester hatte zuvor die von Patrick
Williams gefertigten Arrangements der mit den Kollegen
vom Westdeutschen Rundfunk 2002 eingespielten CD „For
Ella“ eben ohne den Gaststar einstudiert.
Jetzt klappte doch alles wie am Schnürchen – aber
wirklich große Momente blieben aus. Die 1950 in New York
geborene Mezzosopranistin interpretierte ihre Songs mit
gewohnter Leidenschaft, sie scattete auch, allerdings
improvisierte sie nie einen Chorus. Viel erzählte Patti
Austin in Stuttgart von Ella Fitzgerald und noch mehr
kopierte sie das einmalige und unerreichbare Vorbild.
Beispielsweise bei dem Schlager „How High The Moon“, bei
dem sie Charlie Parkers auf der selben Harmonieabfolge
basierendes „Ornithology“ integrierte.
Der Pianist Olaf Polziehn leitete nun die Big Band vom
Südwestrundfunk, und mitunter begleitete er Patti Austin
mit ausgeprägtem Rubato alleine an den 88 Tasten, so bei
George Gershwins „The Man I Love“. Insgesamt eine
muntere Abfolge von gefühlsbetonten Balladen und
belebten Up-Tempo-Stücken, wobei zunächst Karl Farrent
mit gestopfter Trompete der einzige Bläser-Solist sein
durfte. Nur eine Stunde währte das reguläre Konzert,
mehr Spaß und schöpferische Unmittelbarkeit kamen in den
Zugaben („Who Cares“, „Funny Face“) auf.
Als Opener fungierte am fünften Festivaltag der
gutlaunige Afroamerikaner Karl Frierson, der sein Herz
dauerhaft in Heidelberg verloren hat. Der „DePhazz“-Mann
präsentierte hier seine achtköpfigen Band „Soulprint“.
Ein kraftvoller Shouter, der nicht nur Soul- und
Funk-Stereotype praktiziert, sondern auch Eigenes (gar
auch textlich) zu extemporieren vermag. Selbst
abgedroschenen Songs wie „Dock Of The Bay“ gewann der
agile Rhythmiker verblüffende Nuancen ab. Der Gitarrist
Werner Acker, der seine Karriere bei der „Jazz Crew“ an
der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg begann, 1984
gar am renommierten „Berklee College“ in Boston
studierte und nun an der Stuttgarter Musikhochschule
doziert, demonstrierte in seinen Soli stete
Jazz-Vitalität. Nur am Schluss betätigte sich auch der
Trompeter Igor Ruditzky improvisatorisch - mit
schmetternder Flatterzunge und ausdauernder
Zirkularatmung.
Den inbrünstigen Ohrwurm „Street Life“ setzt man
zunächst mit Randy Crawford in Verbindung. Schöpfer des
Diskothekenhits vom 1979 ist Joe Sample, der mit der
Formation „The Crusaders“ nach der Swing-Ära wieder
jazzartige Musik zum Tanzen präsentierte – jetzt mit
Soul und Funk. Die reanimierten Crusaders spielten am
vorletzten Festivaltag auf dem Pariser Platz zusammen
mit dem schwedischen Posaunisten Nils Landgren, der auch
seine eigene Formation mitbrachte.
Mehr als ein Ersatz für den „ziehenden“ Blechbläser
Wayne Henderson der Ur-Formation ist der virtuose und
allgegenwärtige Landgren gewiss. Von den „alten“ Jazz
Crusaders wirkt jetzt nur noch der Tenorsaxofonist
Wilton Felder mit kernigem und markigem Spiel mit.
Samples Sohn Nick bedient nunmehr die Bassgitarre,
wogegen Ray Parker Jr die ganze Bandbreite
technisch-elektronifizierter Tricks der E-Gitarre drauf
hat und auch mal einen Jimi Hendrix aufheulen lässt.
Recht traditionell verhielt sich hingegen am Schlagzeug
Forrest Robinson.
Überaus geschwätzig mit seinen vielen Anekdoten benahm
sich Joe Sample, als er von seiner furchtsamen Begegnung
mit dem Max-Schmeling-Kontrahenten Joe Louis, dem er
eine Ballade widmete, oder von der kuriosen Geschichte
der Hymne „Way Back Home“ seines Freundes Wilton Felder
erzählte. Wenigstens blieb man bei der Performance
dieser neuen „Crusaders“ von simplem Singsang verschont.
Ganz anders verlief es bei Nils Landgrens „Funk Unit“.
Da wurden einhämmernde Riffs exzessiv im Chor gebrüllt
und auf primitive Publikumsanmache gezielt. So drängten
sich die schwäbischen Fans tänzelnd vor an die
Bühnenrampe. Mit bei dieser „Party“ war wieder Gitarrist
Ray Parker Jr. Wie Ian Anderson von „Jethro Tull“ sang
und blies luftig Tenorsaxofonist Magnus Lindgren in
seine expressive Querflöte. Adam Karsnas sprang für den
regulären Drummer Wolfgang Haffner ein und agierte
weitgehend punkhaft starr. Flexibel und elastisch
hingegen agierte der aus Neuenbürg stammende Trompeter
Sebastian Studnitzky, der vor zwei Jahrzehnten seine
Karriere im Jugendjazzorchester Baden-Württemberg
begonnen hatte, und nun gar auf dem Keyboard
glissandierend glänzte. Die musikalische Konzeption
hatte Nils Landgren, inzwischen zeitweise Künstlerischer
Leiter vom JazzFest Berlin, seiner CD „Licence To Funk“
entnommen.
Schlussendlich nochmals eine Kooperation der „Funk Unit“
mit den „Crusaders“: „The Same Old Story“. Da zogen die
mobilen Musikanten wie eine „marching band“ von der
Bühne und ließen am E-Piano Joe Sample (Jahrgang 1939)
solo zurück, der dann ganz jazzhistorisch „stride“ in
die Tasten griff.
Eine akustische Kostprobe von Nils Landgren enthält auch
ein mit sehr schönen Fotos von Rainer Pfisterer
versehenes Doppelalbum, das zum 15-jährigen Bestehen der
JazzOpen vom Veranstalter „Opus“ veröffentlicht worden
ist.
JazzOpen ist bekanntlich nichts für Jazzpuristen. Doch
gute und eindringliche Jazz-Momente konnte man wieder in
der heimeligen Club-Atmosphäre vom Lokal BIX im
Gustav-Siegle-Haus erleben. Da trat nach Sample und
Landgren 40 Minuten vor Mitternacht der Saxofonist James
Carter auf und gewann mit freejazzigen „sheets of
sounds“ aufmerksame Zuhörer.
Bei insgesamt 44 Konzerten verbuchte das von Jürgen
Schlensog und Professor Mini Schulz verantwortete
Festival insgesamt 26 000 Besucher. Freilich: Die
meisten Gäste lockte nicht der Jazz in Reinkultur an,
sondern Paul Simon, Chicago und Lenny Kravitz.
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