12. Internationales JazzArtFestival in Schwäbisch Hall

21.03.2018 12:21 von jazz (Kommentare: 0)

 

Ambrosini / Matinier - Foto: Hans Kumpf 

Text und Fotografie: Hans Kumpf

 

Gegensätzlichkeiten harmonisch vereint

 

Wieder einmal haben in Schwäbisch Hall der örtliche Jazzclub, das Goethe-Institut, der Konzertkreis Triangel sowie das von Ute-Christine Berger geleitete Kulturbüro der Salzsieder- und Bausparkassen-Stadt in der Vorosterzeit fünf jazzige Tage mit insgesamt neun Konzerten kreiert, ein interessantes „Plus“-Programm wenige Wochen zuvor und danach inklusive. Qualitative Flops waren nicht zu konstatieren, und die aufnahmebereiten Zuhörer (nach offizieller Statistik genau 1650 an der Zahl) feierten frenetisch Ohrengefälliges als auch Neutönerisches gleichermaßen. Die Konzerte fanden – mit einer Ausnahme – allesamt in der profanisierten Hospitalkirche statt.

 

Joachim Kühn - Foto: Hans Kumpf

 

Traditionsgemäß startete auch die 12. Ausgabe vom JazzArtFestival mit einem junggebliebenen Alten. Heuer war dies der Pianist Joachim Kühn (Jahrgang 1944), der mit einer Generation jüngeren Sidemen konzertierte, nämlich mit dem kanadische Bassisten Chris Jennings und dem Schlagwerker Eric Schaefer. Eine trotz scheinbarer Widersprüche sehr stimmige Musik –  von naiver Tonalität bis zu forschen Free-Jazz-Ausbrüchen. Der bestens gelaunte und eigens aus Ibiza eingeflogene Kühn erwies sich wieder einmal als visionärer Fusionär querbeet durch Stile und Genres.

 

Weniger komplex als Kühn und weniger polyphon filigran als sein berühmter Bruder Keith ging der nun in der Südpfalz wohnende Tastenkünstler Chris Jarrett zu Werke. Mit viel Wucht ertönte da wiederholt Marschmäßiges, wie bei manch anderen Acts wurde aber auch der phrygischen Tonskala (Flamenco!) gefrönt und elegisch-romantisch fantasiert. Dem vorwitzigen Perkussionisten Erwin Dietzner war es zu verdanken, dass immer wieder Unvorhergesehenes und Unerhörtes auftauchten, obgleich seine quiekenden Plastikschweinderl  diesmal nicht zum Einsatz kamen.

 

Ditzner - Foto: Hans Kumpf

 

Variantenreich agierte das Quartett der 1986 im nordrhein-westfälischen Werl geborenen Schlagzeugerin Eva Klesse. Von verträumtem Cool Jazz bis zum derben Free Jazz reichte die Ausdrucksskala, feine Klangmalereien als auch geräuschhaftes Getöse fanden (wie beim Trio von Joachim Kühn) eine harmonische Einheit - und in dieser Art von unbekümmerter Fusion-Musik waren auch mal harte Rock-Rhythmen erlaubt.

 

Von ihrert CD „Obenland“ spielte die Gruppe in der Haller Hospitalkirche das aufregende Stück „Klabautermann“ – ein wahrer Hörkrimi fürs Kopfkino, eine Geisterstunde mit etlichen Horroreffekten. Reizvolle Sounds schufen da zu Beginn der Pianist Philip Frischkorn (indem er im Saiten-Inneren des Steinways hantierte), Stefan Schönegg mit zirpenden Flageoletts auf dem gestrichenen Kontrabass, Altsaxophonist Evgeny Ring mit quietschenden Obertönen und Eva Klesse durch intensives Reiben auf den Trommelfellen. Insgesamt eine höchst dramatische Programmmusik mit heftigen Klangattacken, melodiösem Katastrophengemetzel - und friedlich ruhiger Stimmung zum Finale.

 

Eva Klesse erweist sich nicht nur als eine einfallsreiche Komponistin, sondern auch als höchst versierte Instrumentalistin. Weltweit führt die Riege von den immer noch wenigen Schlagzeugerinnen die - inzwischen mit dem Gitarristen Carlos Santana verheiratete - Cindy Blackman an, in Deutschland stach als erste bedeutende Frau an der sogenannten Schießbude Carola Grey hervor. Nun also Eva Klesse: Pausen und leicht verzögerte Akzente sind ihr wichtig. Die enorme Spannung ist bei der Virtuosin auch visuell erlebbar.

 

Klesse - Foto: Hans Kumpf

 

Der aus Russland stammende Saxophonist Evgeny Ring, seit seiner Studienzeit in Deutschland wohnend, hat nicht nur ganz cool den süßlichen Schöntöner Paul Desmond drauf, sondern kann mit seinem Alt auch multistilistisch zupacken. Tastenmann Philip Frischkorn verhehlt seine klassische Ausbildung nicht und bewerkstelligt häufig mittels rechten Pedals subtile „Nachhalltigkeit“ samt feinen Schwebeklängen. Am Kontrabass stand als Ersatzmann der in Konstanz aufgewachsene Stefan Schönegg. Respektabel schnell hat sich Schönegg in das ausgetüftelte Konzept des Quartetts der Dame an den Drums eingearbeitet.

 

Das Quintett „Seba Kaapstad“ des letztjährigen baden-württembergischen Jazzpreisträgers Sebastian Schuster (Kontrabass) legte bei seiner Frühjahrstour auch in Schwäbisch Hall Station ein und lieferte äußerst professionell eine fulminante (Vokal-)Musik mit Quellen in Südafrika und den USA ab.

 

Harcsa - Foto: Hans Kumpf

 

2016 konzertierten die Vokalistin Veronika Harcsa und der Gitarrist Bálint Gyémánt erstmals beim Haller Jazz-Art-Festival, und dies mit positivster Resonanz. Die nun 35-jährige Ungarin verfügt über eine überaus angenehme Sopranstimme, die dem Scatten nicht abhold ist, und geht intellektuell und emotional voll in ihrer Musik auf. Mit reizvollen elektrotechnischen Tricks (nach der Devise „mit gegen sich selbst“) veredelt Bálint Gyémánt sein Akustik-Korpus-Instrument.

 

Beim Quartett des norwegischen Trompeters Nils Petter Molvaer hieß es erwartungsgemäß Elektronik über alles, von Stockhausen bis Techno, und die Skandinavier lenkten sich vom eigentlichen Musizieren selber ab, als sie fortwährend mit den Blicken nach unten an den mannigfaltigen Reglern drehten. Die Trompete von Molvaer war mit einem drahtlosen Mikrofon versehen, in das der Bläser zuweilen auch hineinsang und einen Ein-Mann-Chor herbeizauberte. Besonders der Bandleader war mehr mit der aufwendigen Gerätetechnik beschäftigt, auf eigentliche instrumentale Virtuosität verzichtete er.

 

Einen Kontrast zu den weiten Fjordklanglandschaften bildeten die permanenten glissandierenden Bottle-Neck-Country-Sounds, von Geir Sundstøl produziert mit einer tischartigen Steel-Guitar. Der Bassgitarrist Jo Berger Myhre traktierte sein Instrument ausgiebig mit einem klassischen Bogen, und Drummer Erland Dahlen  brachte glänzende Silberglocken zum Klingen. Zum Schluss des Abends harter Rock und als Zugabe ein einlullender Schmusesong.

 

Sehr freundlich und gar nicht aggressiv agierte das niederländisch-deutsche Torque-Trio mit Koen Schalkwijk (Piano), Mathias Polligkeit (Bassgitarrre, auch mit  Cellobogen gestrichen) und Antoine Duijkens (Schlagzeug).

 

Nach der mittelalterlich-kammermusikalischen Duo-Matinee in der ausverkauften Kunsthalle Würth (mit dem französischen Akkordeonisten Jean-Louis Matinier und dem Italiener Marco Ambrosini auf der historischen Nyckelharpa alias Tastengeige) verlief am Sonntag auch das Abendkonzert in der angestammten Hospitalkirche absolut „unplugged“, also wirklich total steckdosenfrei.

 

Fukumori - Foto: Hans Kumpf

 

Der 1984 in Osaka geborene Schlagzeuger Shinya Fukumori ließ sich ganz bewusst am Ort seiner heißgeliebten Plattenfirma ECM nieder, nämlich in München. Und Produzent Manfred Eicher nahm inzwischen mit einer internationalen Formation des ehrgeizigen Japaners tatsächlich eine CD auf: „For 2 Akis“. Da erklingen nun sanfte Lieder aus seiner alten Heimat, volkstümlich oder von Zeitgenossen komponiert. Freilich, auf das weltberühmte Kirschblütenlied „Sakura“ verzichtet Fukumori, und seine Musik kommt keineswegs plump folkloristisch daher. Subtile Nuancen dominieren sein künstlerisches Tun, und sogar bei einem unbegleiteten Schlagzeugsolo entwickelte er keine ohrenbetäubenden Superlative. Ganz im Gegenteil: Überaus feinnervig und im Pianissimo sowie mit viel Gefühl für Raum und Zeit behandelte der Meister aus Fernost sein konventionell bestücktes Jazz-Drumset. Die besorgten Haller Denkmalschützer brauchten diesmal keine Angst haben, dass in dem barocken Bau die malerischen Fresken vor lauter Krach von der himmlischen Decke fallen…

 

Auf einen „Timekeeper“ am Bass verzichtet der Schlagzeuger, um – einem starren Metrum ausweichend - ausgiebig agogisch und rubato agieren zu können. Seine beiden Mitstreiter führen eigene Bands an: Pianist Walter Lang, der bereits 2012 beim Haller Festival mit dem „Trio ELF“ spielte, und Saxophonist Matthieu Bordenave. Der Franzose pflegt auf dem Tenor zumeist klassisch-keusch die Ästhetik eines eines Altsax, wie dies beispielsweise auch der Pole Maciej Obara praktiziert. Aber sporadisch so richtig röhren und blöken vermag Bordenave zudem.

 

Walter Lang - Foto: Hans Kumpf

 

An die traditionelle japanische Koto-Zither erinnert der variable Klaviertastenmann Lang bei der Komposition „Hoshi Meguri No Uta“ („The Star-Circling Song“) des mystischen Universalgenies Kenji Miyazawa (1896-1933). Allenthalben japanische Pentatonik, repetierender gleichbleibender Orgelton des Flügels; das Tenorsaxophon dezent und delikat mit absichtlich nicht wohltemperierten kurzen Phrasen, behutsame Besenarbeit am Schlagzeug. Das Trio interpretiert nicht nur, es gestaltet kreativ.

 

Bei dem Stück „The Light Suite“ hörte Shinya Fukumori ausgiebig den nachschwingenden Obertönen seiner mit Filzschlägeln traktierten Trommeln nach, bevor Walter Lang in der Hospitalkirche auf dem Steinway choralhafte Melodien anstimmte und romantische Gefühlhaftigkeit als auch altjazzige „blue notes“ einbrachte. Bordenave lamentierte zunächst leise auf seinem silberfarbenen Instrument und streute alsdann abstrakte Bebop-Linien ein. Nach dem kontemplativen Beginn dann doch ziemlich phonstarkes Feuer.

 

Gegensätze sind Trumpf und erzielen Abwechslung für den Rezipienten. Das folgende Lied „Ai San San“ beinhaltete in der Fukumuri-Version multikulturell sowohl Impressionistisches im Sinne Claude Debussys als auch feierliche Hymnen und klare Akkordfortschreitungen.

 

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