23. Jazzopen Stuttgart 2016 - Kumpfs Kolumnen

18.07.2016 22:14 von jazz (Kommentare: 0)

 

Foto: Kumpf

Text und Fotografien: Hans Kumpf

 

 

Jazz in den Nischen, Rock für die Massen

 

„Nach zehn fulminanten Festivaltagen gingen mit dem Konzert von Jamie Cullum am Sonntagabend die 23. Jazzopen mit einem Besucherrekord zu Ende: 36.000 Gäste feierten internationale Stars, Grammy-Gewinner und spannende Neu-Entdeckungen auf fünf Festivalbühnen. Die Bühnenauslastung lag bei 97 Prozent.“ So jubilierte der Veranstalter, die „Opus GmbH“, am 17. Juli.

 

Der Ehrenhof des Stuttgarter Schlosses mit fast siebentausend Sitz- und vor allem Stehplätzen, das Eventcenter der als Hauptsponsor tätigen Sparda-Bank, der Jazzclub BIX und auch wieder die Liederhalle haben sich als Veranstaltungsorte bewährt. Das reizvolle Amphitheater vor dem Mercedes-Museum stand heuer nicht mehr zur Verfügung, nachdem der Autobauer als Geldgeber ausgestiegen ist. Dafür kam als neue Spielstätte das „Scala“-Theater, ein vormaliges Kino, im zwanzig Kilometer entfernten Ludwigsburg hinzu. 30 Veranstaltungen, wobei sich die Konzerte mehrmals zeitlich überschnitten (und dann mitunter trotzdem ausverkauft waren). Rein finanziell geriet das diesjährige Jazzopen-Festival nicht mehr zum finanziellen Minusgeschäft – der Pop-Ausrichtung sei’s gedankt.

 

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So waren erfreulicherweise die 2100 Stühle des Beethovensaals der Liederhalle allesamt besetzt, als dort zwei amerikanische Super-Formationen auftraten. Das reguläre Quartett des Sopran- und Tenorsaxophonisten Branford Marsalis wurde durch den scat-improvisationsfreudigen Kurt Elling ergänzt, der mit seinem modulationsreichen Bariton gesangslos das beliebte Gedicht „Momma Said“ von Calvin Forbes rezitierte, während die Instrumentalisten (Pianist Joey Calderazzo, Bassist Eric Revis und Drummer Justin Faulkner) dazu freitonal klangmalerisch agierten. Ein kommunikatives Musizieren auch bei den „normalen“ Songs.

 

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Chick Corea, 75, brachte eine Allstar-Band mit und erinnerte (auch) an die Miles-Davis-Zeiten. Er selbst hantierte zunächst elektronisch am Yahmaha-Motif-XF8-Keyboard und zeigte schließlich am akustischen Flügel seine pianistische Meisterschaft. Trompeter Wallace Roney stieß strahlend ins Horn, Altsaxophonist Kenny Garrett integrierte sich willig ins Team, Christian McBride bediente beherzt den Kontrabass und Marcus Gilmore (30) eiferte seinem Großvater Roy Haynes am Schlagzeug nach. In Stuttgart spielte dieses Quintett sein einziges Deutschland-Konzert des Jahres.

 

Zwei israelische Gruppierungen wurden von Fachleuten und Publikum gleichermaßen begeistert gefeiert: Der Bassist Avishai Cohen mit seinem Trio (SpardaWelt) und die Vokalistin Esta Rada (BIX Jazzclub). Sein gewohnt fulminantes Programm lieferte zeitgleich im Ludwigsburger Scala der mittlerweile 65jährige Stanley Clarke (Bassgitarre und Kontrabass) ab.

 

Der aus New Orleans stammende Trompeter Christian Scott blies beim Festival nicht nur im Jazzclub, sondern auch auf dem riesigen Schlossplatz – als jazzender Gast des schwäbischen Pandamaskenrappers „Cro“ alias Carlo Waibel. Ein Pop-Event eher für die junge Generation.

 

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Die Oldies strömten hingegen, als David Gilmour (70) seine Pink-Floyd-Historie und mehr in einer fast dreistündigen Performance reflektierte. Als „Gitarrengott“ wurde der Brite monotheistisch gepriesen – von den Fans und in den Medien. Und Carlos Santana? Der 1947 in Mexiko geborene Saitenkünstler hat ja seinen unverkennbaren Sound („Maria, Maria“, „Black Magic Woman“). Als eine gute musikalische Zutat erwies sich seine neue Ehefrau: Cindy Blackman, in der Jazzszene bestens bekannt und verehrt. Als besonderer Überraschungsgast erschien der exotisch aufgemachte Dr. Lonnie Smith mit seiner Hammond-B3-Orgel nochmals auf die Spielfläche. Gilmour und Santana - hier wie da ein monströses Bühnenbild mit großen Tele-Beam-Projektionen oder LED-Wänden, die im „close-up“ die Gitarristenhände „live“ zeigten und alte Video-Clips vorführten.

 

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Der Reigen der fünf Open-Air-Massenveranstaltungen hatte mit dem Nordiren Van Morrison begonnen, stimmlich nicht besonders intonationsrein und auf dem Tenorsaxophon nicht gerade umwerfend. Überzeugender, zumindest für die Jazzleute, wirkte seine Vorgruppe: Lizz Wright, im Stimm- und Körpervolumen gewachsen, besann sich auf „field hollers“ und die gute alte Gospel-Tradition. Begleitet wurde die Vokalistin von einem vitalen Quartett, das der Pianist David Cook anführte.

 

Zum dritten Mal hintereinander bestritt der Brite Jamie Cullum das fantastische Finale – ein gewitzter Wirbelwind mit viel Show am Piano und am Gesangsmikrophon.

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