Drummer Karlheinz „Pat“ Maas (87): „Die Musik hält mich jung“

24.08.2016 09:18 von jazz (Kommentare: 1)

 

Salt City Stompers / Foto: Kumpf

Text und Fotografien: Hans Kumpf

 

 

Von den Salzsiedern zu den „Salt City Stompers“, gegründet vor 60 Jahren

 

Schwäbisch Hall. Vor 60 Jahren spielten in der „Salzstadt“ Schwäbisch Hall die „Salt City Stompers“ erstmals vor großem Publikum  auf – im einstigen Solbad-Saal. Immer noch mit dieser Band jazzend aktiv ist der Schlagzeuger Karlheinz „Pat“ Maas (87).

 

Die Original-Einladungskarte, welche zum freien Eintritt berechtigte, hütet „Pat“ Maas wie ein Schatz. Diese lud auf Samstag, 25. Februar 1956, in den Solbad-Saal (der sich damals auf dem Park „Unterwöhrd“ an der Stelle des heutigen Biergartens befand) zu einem Konzert mit den „Salt City Stompers“ ein. Doch gejazzt wurde in der Salzsiederstadt schon zuvor. Der damals mit von der Partie gewesene Drummer Karlheinz Maas erinnert sich: „Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich eine Gruppe jazzbegeisterter junger Haller Gymnasiasten zusammen gefunden, um der Jazzmusik zu frönen. Nach Gründung des ersten Haller Jazzclubs und der Einrichtung eines Jazzkellers in der Gelbinger Gasse wurden dort die ersten Erfahrungen mit dem Jazz gesammelt. 1952 folgte der erste öffentliche Auftritt unter dem Namen ,Swinging Cats‘.“

 

Foto: Kumpf

 

Dann die „Salt City Stompers“: Die aus gutsituierten Familien entsprossenen Instrumentalisten huldigten - in der eigentlichen Modezeit von Bebop und Cool Jazz – dem traditionellen Jazz. Geprobt wurde im Musikgeschäft Erlewein am Spitalbach (wo gegenwärtig „Trend-Optik“ residiert) - Klaus Erlewein blies nämlich die Klarinette. Der Trompeter Fritz Leonhardt stammte sozusagen aus einem großen Bekleidungshaus an der Henkersbrücke, Posaunist Peter Weller kam von einer Zahnarztpraxis. Der damalige Pianist Joe Kienemann, ein Pfarrerssohn, sollte später Karriere als Redakteur beim Bayerischen Rundfunk machen. Des Weiteren waren an der Urbesetzung beteiligt der Banjozupfer Heinz Feuchter, der Kontrabassist Dieter Teichmann - und natürlich Karlheinz „Pat“ Maas, damals bereits Familienvater. „Den Spitznamen ,Pat‘ legte ich mir zu, weil die Amerikaner in ihren Hessentaler „Dolan Barracks“ nicht ,Karlheinz‘ aussprechen konnten“, erklärt er verschmitzt.

 

Die alsbaldigen „Salt City Stompers“ lauschten intensiv den amerikanischen Schallplatten, speicherten die Melodien, Rhythmen sowie Harmonien im Kopf ab und gaben diese „head arrangements“ auswendig wieder, ohne das Improvisieren zu vernachlässigen. Irgendwelche gedruckten Jazz-Noten zu ergattern - dies war damals im Normalfall ein Ding der Unmöglichkeit, von einem speziellen Jazz-Unterricht ganz zu schweigen. Die ersten Trommelschläge vollführte Karlheinz Maas zünftig bei den Siedern, die swingvolle Beherrschung des umfangreichen Drumsets brachte er sich autodidaktisch bei. Zudem bediente er als versierter Musik-Profi auch Vibraphon und Gitarre. Das unstete Musikantenleben hatte für „Pat“ ein vorläufiges Ende, als er 1959 ganz „bürgerlich“ hauptberuflich büromäßig zur Bausparkasse ging. Nun machte er aber als emsiger Freizeitjazzer weiter. Vorwiegender Aktionsraum war Hohenlohe.  

 

Die Oldtime-Formation blieb von Abspaltungen und Umbesetzungen nicht verschont. 1981 wurde erfolgreich ein Neubeginn gestartet. „Pat“ zur Seite standen und saßen nun vor allem Helmut Schaffert (Piano), Helmut Hamberger (Klarinette), Dieter Gunst (Banjo) und Burckhard Gunter (Trompete). Nicht nur für die Band bedeutete es einen herben Verlust, als 2010 der gerne auch zum Kornett greifende Ex-Schulamtsdirektor Gunter bei einem Mexiko-Urlaub plötzlich verstarb. „Es ist schwierig, im Haller Raum qualifizierte Dixieland-Trompeter zu finden“, konstatiert Maas. So konnte zu einigen Engagements der nun in Sindelfingen wohnenden Dr. Hartmut Gessinger, ein Sohn des in Hall bekannten Komponisten Julius Gessinger, gewonnen werden.

 

Mehr als drei Jahrzehnte jazzt jetzt aber Norbert Raidel kontinuierlich mit den Hallern. Daheim ist der fetzende und growlende Blechbläser im romantischen Rothenburg ob der Tauber, wo er innerhalb der Stadtmauern ein Gästehaus betreibt. Bei den Stompers ist er mit der Posaune am Zug, mag jedoch auch zur Trompete wechseln, wenn Personalnot herrscht. Auch der Klarinettist Robert Kern und der Bassist Gerhard Wiederer kommen übrigens aus dem bayerischen Rothenburg und sind seit geraumer Zeit feste Mitglieder des schwäbisch-hällischen Ensembles.  

 

Pat Maas / Foto: Kumpf

 

Und „Pat“ Maas? Er sitzt im Hintergrund und agiert dezent am Schlagzeug. Als Poltergeist tritt der gelernte Polsterer ganz und gar nicht auf. Mit ruhiger Hand organisiert er sein Team und die Musik – und setzt sich erst richtig in Szene, wenn er die markant krächzende Stimme seines Idols Louis Armstrong nachahmt und singend durch die Zuhörerreihen wandelt. „What a wonderful World“ wird zur wonnigen Wohlfühl-Weise. Eine Freude gleichermaßen für Künstler und Publikum.

 

Die 87 Jahre sind dem rüstigen Rentner keinesfalls anzumerken. „Musik hält eben jung“, freut er sich und vergisst dabei nicht, dass es der populäre New-Orleans-Trompeter „Satchmo“ Armstrong – „dank“ Alkohol und Drogen - nur auf 69 Jahre bringen konnte. Ihn konnte „Pat“ bei einem Stuttgarter Konzert noch leibhaftig erleben. Den Maas ebenfalls sehr imponierenden Benny-Goodman-Drummer Gene Krupa kennt er nur von Plattenaufnahmen. Vom legendären Quartett des „King of Swing“ schätzt „Pat“ besonders noch den Vibraphonisten (und Schlagzeuger) Lionel Hampton – dieser schwang übrigens im hohen Alter seine Schlägel ja nur noch im Zeitlupentempo. Als im November letzten Jahres der englische Posaunist Chris Barber, der bereits seit 1954 Bands unter eigenem Namen führt, nochmals im Haller Neubau-Saal auftrat, war Maas auf der Empore ein kundiger und begeisterter Rezipient.

 

Freilich kommen die „Salt City Stompers“ nicht mit derart komplexen Arrangements daher, wie sie der smarte „Ice Cream“-Mann neuerdings praktiziert. Exzessive und hochvirtuose Solobeiträge sind bei den „Salt City Stompers“ ebenso wenig gewollt. Das mittlerweile klavierlose und deshalb mobile Sextett gefällt durch swingend unterhaltende Musik – mit obligatorischem Drive. Die reguläre Besetzung besteht aktuell aus Gerald Kresse (Trompete), Robert Kern (Klarinette und Altsaxophon), Norbert Raidel (Posaune), Wolfgang Scholz (Gitarre und Banjo), Gerhard Wiederer (Bassgitarre) – und natürlich „Pat“ Maas an den Drums und am Gesangsmikrofon.

 

Internet: www.saltcitystompers.de

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Kommentar von Dr.Hartmut Gessinger | 29.08.2016

Sehr schön: die Reminiszensen an die Anfänge des Jazz in der Salzsiederstadt Hall in Franken und die Erinnerungen daran von Pat Maas in den "jazzpages" (…und auch im "Haller Tagblatt".)
Als "Addendum" wäre für mich und die Annalen allerdings noch die Tatsache wichtig, dass mindestens von 1958 bis ca. 1964 die Band mit dem etwas unterschiedlichen Namen "Salty Jazz Youngsters" äußerst aktiv und erfolgreich in Schwäbisch Hall war. Auftritte im Jazzkeller in der Gelbinger Gasse ebenso wie regelmäßiger Faschings-Jazz mit gutem Bühnenbild und "candlelight"-Sessions bzw." jazzband ball"s im Solbad-Saal auf dem Unterwörth waren immer gut besuchte Veranstaltungen……wie Fotos, die ich zur Verfügung stellen kann, ausweisen. Ich selbst habe Trompete gespielt, mein Bruder Sigwart (Siwa) Gessinger Posaune. Wir hatten Julius Keilwerth-Instrumente (Toneking) vom Musik-Erlewein.
Die weitere Besetzung war: Hans-Christoph (Knopp) Suhr (Schüler von Pat) an den Drums,
Jörg Eichler (Sohn vom Haller Dekan Eichler) am Bass, Helmut (Schaffi) Schaffert am Piano,
Dieter (Guschi) Gunst am Banjo und später auch Peter Leyh an der Gitarre. Zunächst hat wohl Klaus Erlewein Klarinette gespielt. An die Namen der späteren Klarinettisten kann ich mich leider nicht mehr erinnern!
Mit freundlichen Grüßen,
H. Gessinger

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