Bei der zweiten Haller Jazznight spielten die Pianisten Rainer Böhm und Clara Haberkamp

30.10.2016 21:02 von jazz (Kommentare: 0)

 

Böhm - Haberkamp - Foto: Kumpf

Text und Fotografien: Hans Kumpf

 

Vom Song bis zur kollektiven Interaktion

 

Eine herbstliche „Jazznight“ organisierten der Jazzclub und das Kulturbüro erstmals im letzten Jahr mit dem Kontrabassisten Dieter Ilg, der swingend Verdi, Wagner und Beethoven bearbeitete. 2013 war ein ganzes Wochenende dem Dresdner Drummer Günter „Baby“ Sommer zugeeignet. Jetzt also ein zweiter konzertkompakter Samstag, heuer dem Label „Edition Longplay“ gewidmet. Rainer Haarmann, 1991 Initiator des hanseatischen Festivals „Jazz Baltica“ im Herrenhaus Salzau, gründete die Plattenfirma für Freunde des Vinyls. Nachdem schon das Ende der physikalischen Tonträger prophezeit wurde, erfreuen sich ausgerechnet LPs wieder steigender Beliebtheit – sogar Discounter nehmen analoge Wiedergabegeräte in ihr Weihnachtsangebot auf. Dietmar Winter, unermüdlicher Vorsitzender vom Haller Jazzclub, ist ja ein ausgesprochener Fan der schwarzen Scheiben. Haarmann erstellte auch audiophile Aufnahmen von Clara Haberkamp und Rainer Böhm. Die beiden Klavierkünstler wurden nun von Winter nach Schwäbisch Hall eingeladen.

 

Die 1989 geborene Clara Haberkamp entstammt einem sehr musikalischen Elternhaus, beide Elternteile blasen Saxophone. Vater Thomas dient als Manager des Landesjugendjazzorchesters Nordrhein-Westfalen, während Mutter Ilona die Geschichte des Saxophons in der alten Sowjetunion erforschte und sich intensiv mit  Paul Desmond („Take Five“) und Jutta Hipp (eine deutsche Pianistin in New York) auseinandersetzte. Das Töchterlein wurde Clara benannt – nach der Romantikerin Clara Schumann, und nicht etwa Carla (nach der Free-Jazz-Pianistin Carla Bley).

 

Avantgardistisch spielt Clara Haberkamp schon gar nicht auf. In Hall betätigte sie sich mit ihrem angenehmen Mezzosopran, dessen Timbre nichts mit Verruchtheit und Verrauchtem am Hut hat, als englischsprachige Song-Vokalistin samt eigener Begleitung an den 88 Tasten. Alles hat hier noch seine Ordnung, in den Balladen setzt sich der B-Teil harmonisch und atmosphärisch klar vom bestimmenden A-Teil ab. Auf Refrains wird hier nicht herumgeritten.

 

Insgesamt eine Performance mit einem gewissen Chanson-Charakter. Ob Übernahmen aus der Swing-Ära oder Selbstkreiertes – inhaltlich gaben sich die Texte überwiegend problemgeladen und besinnend. In hohen Tönen wurde tiefe Traurigkeit besungen. Instrumentaltechnisch ist Clara Haberkamp versiert – und mag sich klanglich sogar zuweilen an Clara geborene Wieck orientieren. Letztendlich ein überaus herzlicher Applaus und zwei Zugaben.

 

Foto: Kumpf

 

Rainer Böhm, Landesjazzpreisträger des Jahres 2010, wirkte bereits in der allerersten Jazznacht mit – eben im Trio des Bassisten Dieter Ilg. Nun kam der gebürtige Ravensburger mit eigenem Quartett nach Hall, dessen Besetzung aber nicht mit der auf der „Edition Longplay“-Scheibe „Familia“ voll identisch ist. Der Schlagzeuger blieb Peter Gall, neu in der Viererformation sind zwei alte Bekannte Böhms: Matthias Nowak am mächtigen Korpusbass, den dieser elegant zupft, und der Berliner Tenorsaxophonist Ben Kraef mit beseeltem und angerautem Ton.

 

Fabelhaft, wie aufmerksam miteinander kommuniziert wird – eine permanente Interaktion, quasi eine kollektive Improvisation, ein zeitloser Jazz. Die Themen erschienen da fast zweitrangig, obwohl bei Kompositionen, die Böhm seinen Eltern zugedacht hatte, Dankbarkeit und Zuneigung nicht zu überhören waren.

 

Als Tastenlöwe gefällt sich Rainer Böhm nicht. Er geht ganz in der Gruppendynamik des Musizierens auf. Da findet auch mal ganz schlicht Choralhaftes seinen Platz.

 

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