

Robert Cray
Ein konstanter Faktor und sicherer Publikumsmagnet bei dem
Stuttgarter Sommerfestival bleibt die jazzlose Sängerin Katie
Melua. Zu ihr strömten 5000 zahlende Zuhörer, Hunderte sparsamer
Schwaben lauschten der Britin georgischer Abstammung vor den
Absperrungen auf den (Liege-)Wiesen. Auch Gitarrist George
Benson lockte da die Massen an, aber nicht so sehr. Mit modernem
Blues hatten vor ihm seine – ebenfalls noch mit dem Kehlkopf
tätigen - Instrumentalkollegen Robert Cray und Keb’Mo‘ dem
Publikum eingeheizt.
Ähnlich wie bei der mexikanischen Malerin Frida Kahlo
(1907-1954) sollte auch bei der US-amerikanischen Sängerin
Melody Gardot ein schwerer unverschuldeter Verkehrsunfall nicht
nur ein harter persönlicher Schicksalsschlag sein, sondern sich
maßgeblich auf das künstlerische Tun auswirken. Die Anfang 1988
in New Jersey geborene Melody Joy Gardot leidet immer noch unter
den Folgen des Crashs, den sie 19-jährig als Radfahrerin mit
einem ihr die Vorfahrt nehmenden Jeep hatte. Äußerliche Zeichen
sind nach den Kopf- und Wirbelverletzungen die obligatorische
Sonnenbrille und ein Krückstock. Zudem lässt sich das ewige
Kranksein in der PR-Arbeit geschickt vermarkten. Dass Melody
Gardot bei extra inszenierten Video-Drehs und Foto-Shootings
nicht mit Sex-Reizen geizt, hat sie aber nicht nötig – ihre
Musik ist trotzdem gut, vor allem live.

Melody Gardot
So schreckten die gepfefferten Eintrittspreise das Publikum im
Hof des Neuen Schlosses nicht. Man war schließlich gekommen, um
Hits wie "Mira", "Les Etoiles" oder "Baby, I'm A Fool"
unmittelbar erleben zu können. Freilich, die akkreditierten
Fotografen wurden auf deutliche Distanz zur Bühne vergattert.
Ein derartiges Show-Gehabe gab es auf Stuttgarter Festivals auch
schon bei Juliette Gréco und Carlos Santana.
Schon gar nicht geknipst werden durfte beim ersten Stück, bei
dem die zierliche Künstlerin inbrünstig ganz solo eine Art „fieldholler“
intonierte. Afroamerikanisches Timbre von Melody Gardot, in
deren Adern auch polnisches Blut fließt. Vor allem als versierte
Vokalistin präsentierte sich die mittlerweile 27-Jährige,
instrumentale Einlagen am Steinway-Flügel und an der E-Gitarre
blieben eher die Ausnahme. Den Vorwurf, seichte Barmusik zu
produzieren, konnte man ihr jetzt nicht machen. Da entwickelt
Melody Gardot eine burschikose Kratzbürstigkeit in der
ausdrucksstarken Stimme, auch wenn ihr das Nachrichtenmagazin
„Der Spiegel“ eines der „schönsten und erotischsten Vibratos der
Gegenwart“ attestierte. Mal textfreier Scat-Gesang, mal ein
Gurren wie bei Eartha Kitt. Furios zelebrierte die weitgereiste
Amerikanerin mit ihrer achtköpfigen Band eine wirkliche
Weltmusik - argentinischer Tango, Gospel, Arabisches,
Brasilianisches, Klezmer, Flamenco und sogar klassischer
Operngesang inklusive.
Obgleich die Konzert-Konzeption sehr ausgeklügelt war
(Lichteffekte und Trockeneisnebel steuerten die visuellen
Zutaten bei), blieb für improvisatorische Momente noch genügend
Freiraum. Da raunzte Irvin Hall auf dem Tenorsax geradezu
freejazzig heraus, und Charnet Muffet trickste virtuos am
gezupften und gestrichenen Kontrabass. Subtil-kammermusikalisch
kamen die Einwürfe von Gitarre und Cello.

Jill Scott
Zuvor hatte sich beim Festival in Stuttgarts guter
Open-Air-Stube Jill Scott als vehemente Power-Frau gezeigt. Vor
40 Jahren in Philadelphia geboren, praktiziert die arrivierte
Sängerin ordentlich Soul und erinnert so an die Wahl-Schweizerin
Tina Turner. Beträchtlich sind ihr Stimmumfang und ihre
Oberweite. Auch Jill Scott heizte auf dem Schlossplatz mit einem
abwechslungsreichen Programm ein – samt Background-Vokalisten
und stürmischen Bläsern. Besonders afro-amerikanische Landsleute
gerieten da aus dem Häuschen.
Kleiner dimensioniert kamen die Veranstaltungen am
Mercedes-Benz-Museum daher. Esperanza Spalding, wie Melody
Gardot 27 Jahre alt, spulte nicht etwa einzelne Songs herunter,
sondern betonte bei allen Pop-Avancen, wie wichtig ihr auf
Bassgitarre und Kontrabass und mit der Stimme das interaktive
Improvisieren ist. „Prickelnd“ nennt die „Süddeutsche Zeitung“
ihre CD „Radio Music Society",und furios jazzte sie vor und mit
ihrer kleinen Big Band drauflos.

Larry Coryell
Ein besonderes Erlebnis war, was Larry Coryell auf seiner
Korpusgitarre absolut solo aus Maurice Ravels
Instrumentationsstudie „Bolero“ machte und dabei noch heftig mit
dem Falmenco flirtete. Eine entsprechende Intensität legte auch
Joey DeFranceso auf seiner Hammond-B3-Orgel hin, während
Trio-Drummer Jimmy Cobb relativ cool blieb. Larry Carlton ist
zweifellos auch ein begnadeter und wirklich vielseitiger
Saitenvirtuose, strömte aber in seiner Performance weniger
Charisma aus.
Über alle Jazz-Zweifel erhaben ist natürlich Dianne Reeves, die
nun zum dritten Mal unter dem guten Stern im modernen
Amphitheater grandios ihre Stimmbänder strapazierte.
Wie im Literaturbetrieb so herrscht auch in der Jazzszene mittlerweile eine massive Inflation von Preisverleihungen. Selbst auf nationaler Ebene sind die vielen Auszeichnungen kaum mehr zu registrieren. Da mag man sich fragen, wem eine derartige Zeremonie mehr dient – dem Künstler oder dem Geldgeber, der sich nicht ganz uneigennützig große Medien-Öffentlichkeit und gesellschaftliche Anerkennung erhofft.

Monty Alexander
2001 erkor die Sparda-Bank Baden-Württemberg für die „German
Jazz Trophy“ Erwin Lehn (1919-2010) aus. Der legendäre
Big-Band-Chef vom Süddeutschen Rundfunk wurde zu Recht für sein
swingendes Lebenswerk geehrt. In den Folgejahren erhielten die
beiden Pianisten Wolfgang Dauner und Paul Kuhn diese Würdigung
für „A Life for Jazz“.
Danach erschien es oft so, dass nach Stuttgart zum Festakt und
zum Konzert in eigener Sache ausländische Musiker geladen
wurden, die gerade ohnehin in Deutschland auf Tournee waren.
Trompeter Kenny Wheeler (2006), Pianist Dick Hyman (2006),
Komponistin/Pianistin Carla Bley (2009) und Bassist Dave Holland
(2011) beispielsweise.
Nachdem die Sparda-Bank nun zum Hauptsponsor von Jazzopen wurde,
setzt sie zum feierlichen Schlusspunkt des Festivals im
Konzertsaal der Musikhochschule die Verleihung der einst von
Bildhauer Otto Herbert Hajek geschaffenen „German Jazz
Trophy“-Skulptur an. Für 2012 suchten sich die Finanzleute,
vereint mit der „Kulturgesellschaft Musik + Wort e.V. Stuttgart“
und der in Regensburg erscheinenden „Jazzzeitung“, den
jamaikanischen Pianisten Monty Alexander als Preisträger aus.
Montgomery Bernard Alexander, geboren am 7. Juli 1944 in
Kingston, griff während der letzten vier Jahrzehnte in der
Stuttgarter Region vielfach in die 88 Tasten – aber nie bei
einem großen Festival der Landeshauptstadt. Unkomplizierter
Mainstream, schön swingend, war schon immer Monty Alexanders
Vorliebe. Pralle Akkordik und fingerfertige Parallel-Läufe
unterstreichen nach wie vor seine meisterliche Beherrschung des
Instruments. Anfangs musste er sich noch den Vorwurf gefallen
lassen, er sei lediglich ein Plagiator von Oscar Peterson, wenig
später artete seine Schmusemusik in Beliebigkeit aus.
Authentizität bewies Monty Alexander allerdings, wenn er an das
musikalische Erbe seiner karibischen Heimat anknüpfte.
Nachdem der 68-Jährige in Stuttgart etliche Swing-Klassiker samt
einigen Zitaten intoniert hatte, interpretierte er auch seine
ganz eigene Version von Bob Marleys Reggae-Hit „NoWoman, No Cry“.
Allerdings: Seine Begleiter Hassan Shakur (Kontrabass) und Frits
Landesbergen (Schlagzeug) agierten jetzt nicht so perfekt wie
vormals seine früheren Trio-Partner John Clayton und Ed Thigpen.
Andreas Kolb, Chefredakteur der „Jazzzeitung“ unterstrich in
seiner Laudatio, dass die Plattenkarriere von Monty Alexander
vor vier Jahrzehnten beim legendären Label Saba/MPS in Villingen
begonnen habe. Bank-Boss Helmut Renner, selbst Hobby-Pianist,
freute sich, dass die zwölfte German Jazz Trophy wieder an einen
Klavier-Virtuosen ging. Markus Brock vom SWR oblag
traditionsgemäß die muntere Moderation der von „Musik+Wort“-Geschäftsführer
Götz Bahmann organisierten Veranstaltung.
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Text und Photographie von
Hans Kumpf