Auftaktkonzert vom Musikfest Stuttgart im
Beethovensaal
Nationaler Nachwuchs interpretierte drei neue
Werke

BuJazzo mit Dennis Russell Davies
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Stuttgart. Unter
dem Oberbegriff „Third Stream“ ertönten im Beethovensaal
drei „Oldies“ und drei Novitäten, die allesamt Jazz und
Sinfonik verbanden. Unter der Stabführung von Dennis
Russel Davies hatten sich das Bundesjugendjazzorchester
(rund 90 Mitglieder) und sein swingendes Pendant, das
derzeit 19-köpfige BuJazzO, vereinigt. Vier Tage zuvor
gab es mit den Teenagern und Twens im Berliner
Konzerthaus echte Uraufführungen, in der Stuttgarter
Liederhalle handelte es sich demnach „nur“ um
Erstaufführungen. Jedoch wurde das Konzert von
sämtlichen Kulturwellen der ARD-Radiosender „live“
übertragen und zeitgleich gar von diversen
Hörfunkprogrammen des Auslands - bis nach Australien -
übernommen.
Im Mai 1974 ließ Dauner erstmals seinen „Urschrei" los -
bei einer Studio-Produktion mit dem Rundfunkorchester
Hannover. Er bezog sich auf das gleichnamige Buch des
Psychologen Arthur Janov und gedachte, die darin
geschilderten psychischen Zustände und Prozesse
musikalisch nachzuzeichnen. Doch für seinen
Kompositionsauftrag für das Berliner Jazzfest 1976 fand
der Stuttgarter Komponist zu seinem ursprünglichen
Instrumentalwerk Worte, die er meist vom Tonband
einspielte.
Nun wollte er die Wut des Jazzers über die
Plattenproduzenten artikulieren. Fielen damals die
Gesamturteile der Kritiker kontrovers aus („Höhepunkt
des Festivals", „ungewöhnlich aufgeblähtes Opus"), so
eckte Dauner 1987 in der Sindelfinger Stadthalle mit
seiner stark überarbeiteten Fassung nicht mehr an.
Beschränkte Freiheiten wurden zuweilen den
Orchestermusikern gewährt, wenn sie beispielsweise die
Tonhöhen nach eigenem Gusto bestimmen konnten,
entsprechend der Aleatorik in der Neuen Musik. Alle
sollten, nach Partiturangabe, „eindringlich flüstern"
und so die historischen Zwänge entlarven: „Musik ist das
Schönste. Wir spielen erst für den Klerus, dann für die
Fürsten, dann für das Bürgertum, dann für die
Arbeiterklasse, dann für den Rechnungshof". Dies alles
gewitzt instrumental polystilistisch ergänzt.
Vor zwei Jahren erfolgte unter Wolfgang Gönnenwein als
Dirigenten zusammen mit dem Interregionalen
Sinfonieorchester (IRO) eine CD-Aufnahme einer weiteren
Bearbeitung für „Beethoven-Besetzung“ (Dauner).
tituliert als „Auftakt zum Urschrei“.
Jetzt also das „Second Prelude to the Primal Scream“ –
in englischer Sprache auch, da die beiden
Jugendensembles gleich nach dem Auftritt im
Schwabenländle via Dubai nach Südafrika zu einer Tournee
düsten, wo dann Bernd Ruf als Dirigent fungierte.
Diese Gesamtkunstwerk provoziert heuer gewiss nicht
(mehr), und Dauner (73) versteht sein Handwerk:
U(nterhaltung) und E(rnstes) sind keine Gegensätze. Das
Allermeiste ist nun – oft im romantischen bis
impressionistischen Gestus – gewissenhaft auskomponiert.
Immerhin dürfen Saxofone improvisieren.
Der 1978 in Hamburg geborene und viel gelobte Saxofonist
Niels Klein ist aktueller Chef des 1988 von Peter
Herbolzheimer gegründeten Bundesjugendjazzorchesters,
das in Stuttgart auf der Bühne rechts hinten
positioniert war. Kleins Stück „Refractions“ wurde
soeben von einer Publikumsjury in Berlin mit dem
Europäischen Komponistenpreis ausgezeichnet. Das subtile
und unaufgeregte Opus lässt die Sounds der Sinfoniker
und der Big Band lieblich verschmelzen. Filigrane
Cluster mutieren zum Hörgenuss, Fehlanzeige für
althergebrachten Jazz.
Helmuth Rillings Internationale Bachakademie Stuttgart
erteilte für ihr diesjähriges Musikfest, das das Motto
„Licht“ trägt, dem Heidelberger Komponisten Moritz
Eggert einen Kompositionsauftrag. „Illumination“ nennt
der 45-Jährige sein Werk auf militanter Marschbasis.
Beleuchtet werden da alle möglichen Genres, die Zitate
sprießen, illustrative Versatzstücke von Georg Friedrich
Händel bis Richard Strauss.
Den Anfang des konzertanten Reigens machte Dennis
Russell Davies in seiner Eigenschaft als Solo-Pianist
mit dem George-Gershwin-Klassiker „Rhapsody in Blue“.
Davies, von 1980 bis 1987 Generalmusikdirektor bei den
Württembergischen Staatstheatern und damals dort
Gastgeber für die Jazzer Keith Jarrett und Ralph Towner,
dirigierte hierbei das aus Mitgliedern des
Bundesjugendorchesters und des
Bundesjugendjazzorchesters zusammengesetzte
Kleinensemble vom Flügel aus. Hier erklang das das
völlig improvisationslose Stück weniger zickig als bei
der Uraufführung 1924. Zwischenzeitlich bedeutet für
Musiker der klassischen Zunft der Jazz mit lässigem
Feeling in „swing“ und „drive“ keine „terra incognita“.
So führten die Streicher bei der von Matyas Seiber und
Johnny Dankworth 1959 gemeinschaftlich penibel
gefertigten Komposition „Improvisations for Jazzband and
Orchestra“ rhythmisierte pizzicato-Aktionen ganz „cool“
aus.
Dank der doch stilistischen Universalität der jungen
Instrumentalisten gerieten auch die „Synthesis“ des
englischen Filmmusikkomponisten Lawrence „Laurie“
Johnson (geb. 1927) relativ homogen.
„Gerade für uns vom BuJazzO“, meinte der aus Kirchheim
unter Teck stammende Leadtrompeter Christian Mück (24),
„war es anfangs sehr ungewohnt, nach klassischem Dirigat
zu spielen. Nach den ersten Probentagen in
Frankfurt/Oder fanden die beiden Orchester musikalisch
immer besser zusammen, und auch sonst war die Stimmung
bestens.“
Und Johannes Ludwig (21) aus Osterburken ergänzte
euphorisch: „Ein Wahnsinnsprojekt, weil man
normalerweise so etwas nicht immer bekommt – mit so
vielen Musikern und so lange und interessant auf Tour zu
sein. Es ist eine unglaubliche Erfahrung, weil dies
alles ungewohnt ist, sich in diesem Kontext zu bewegen.
Es macht jedem Spaß!“
Jazz und Sinfonik bieten im 21. Jahrhundert keinen
Anlass zur Konfrontation und Kontroverse. Dies
demonstrierten diese beiden deutschen Spitzenensembles
der jungen Generation.

BuJazzO, Dennis Russell Davies, Wolfgang Dauner


Dennis Russell Davies


Moritz Eggert

Christian Mück

Bernd Ruf
(August 2009)
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Text und Photographie von
Hans Kumpf