Jazz in Washington, DC
von
Thomas Schindelbeck


Photographien: Frank Schindelbeck


Es gibt Leben außerhalb der Mall!


Washington ist besser als sein Ruf. Wer natürlich im "Zentrum" des Regierungsviertels um die Mall herum nach Nachtleben Ausschau hält, wird bestenfalls auf den Straßenstrich stoßen. Auch von den "Vororten" hat man, vielleicht mit Ausnahme von Bethesda in Maryland und Alexandria in Virginia, nicht viel zu erwarten.

Dies sind Städte für sich, in denen die Angestellten von Regierung, Militär und nationalen Konzernzentralen ihre Eigenheime haben. Die dortigen Bewohner wollen mit der abgehalfterten Innenstadt mit ihrer Armut und ihren Drogenproblemen nichts zu schaffen haben. Und zum Teil haben sie recht. DC ist die Hauptstadt des Rauschgifts und der Morde, selbst der Bürgermeister ist ein bekannter Kokainschnupfer. Crack und Weed sind leichter erhältlich als Bier und Wein. Wer mit einem Bier auf der Straße angetroffen wird, verbringt obligatorisch eine Nacht im Gefängnis. Jugendliche unter 16 Jahren haben ab 22 Uhr Ausgangssperre! Faustregel: Northeast und Southeast Washington meiden. Wie überall sagt einem auch hier der gesunde Menschenverstand wie weit man gehen kann.

Aber der District hat noch mehr zu bieten als protzige Regierungsgebäude und heruntergekommene Slums. Ein internationales Flair geprägt sowohl durch Einwanderer aus Afrika, Asien und Lateinamerika als auch Studenten, Wissenschaftler (z.B. vom NIH, dem größte Forschungsinstitut der Welt), Mitarbeiter internationaler Organisationen und Konzerne und natürlich auch jeder Menge Touristen. Und die wollen sich schließlich auch mal amüsieren.

Für Musik/Jazzfans interessant: in der Hauptstadt gibt es Organisationen der verschiedensten Art, die Kultur fördern. Das bedeutet, daß ständig irgendwo z.T.hochkarätige Konzerte für wenig/kein Geld angeboten werden, in Amerika eher ungewöhnlich. Nur zwei Beispiele: 4th of July Jazz Konzerte auf dem
Freedom Plaza im Rahmen des jazzart festivals und die Konzerte in der National Gallery, Sonntags 19 Uhr - fast ausschließlich Klassik, aber das passt auch zur Wanddekoration von Rembrandt und Rubens.
Allgemeine Veranstaltungshinweise findet man am Besten im kostenlosen
CityPaper, erscheint Donnerstags, desweiteren in der Wochenendausgabe der Washington Post oder im Washingtonian.


Georgetown:
(Wisconsin Ave, M-street westlich RockCreek Parkway)

"Historisches" Stadtviertel, Georgetown University, Schickimickiviertel, hier fährt der betuchte Senatoren/Börsenmakler/Manager-Sohn am Wochenende sein BMW-Cabrio spaziern. Viele (teure) Restaurants, mehrere Jazz- und Blueskneipen. In einer kleinen Nebenstraße:
Blues Alley [1073 Rear Wisconsin Ave,(202)337-4141], Club im Stil der "großen" New Yorker mit sehr gutem Programm für sehr viel $$$.

Etwas außerhalb Georgetowns in Richtung Weißes Haus das altehrwürdige One Step Down [2517 Pennsylvania Ave, (202)955-7141] . Guter Mix aus lokalen und regionalen Musikern,vernünftige Preise. Ebenso am Rande Georgetowns:


Das
Kennedy Center. Ähnlich dem Lincoln Center in NY eigentlich eher den "höheren "Künsten geweiht, gibt es hier doch ein einigermaßen regelmäßiges und ambitioniertes Jazzprogramm unter der Leitung von Billy Taylor. Eine der wenigen Lokalitäten an der Ostküste, wo man auch mal experimentellen und europäischen Jazz zu hören bekommt. Vernünftige Preise.

Dupont circle:

Gay Washington, Kneipen, Cafes, Plattenläden etc., keine Clubs mit regulärem Programm, aber in einigen Kneipen wie z.B dem "
Food for thought" ständig Amateure, lokale Musiker.

Adams Morgan:
(18th street + Columbia Rd)

Die höchste Dichte äthiopischer Restaurants außerhalb Addis Abebas!
Überall Musik, lokale Musiker, viel Reggae; Jazz u.a. im
Cafe Lautrec [2431 18th, (202)265-6436 oft Latin, Samba], felix [2406 18th, (202)483-3549, eher rockig]. Adams Morgan Festival im September.

U-street:


Schnittpunkt von weißem und schwarzem Washington. Klassischer Jazz wird gelegentlich im
Lincoln Theater [1215 U-street] mit sehr guten Musikern bei vernünftigen Eintrittspreisen gepflegt. Ansonsten ist hier das Reich des Rock- und v.a. Acid- und HipHop Jazz. Große Clubs: 9:30 club , [815 V-street, (202)3-930-930] Rock, Pop, selten (Rock-, Acid-)Jazz, $$$; Black Cat [1831 14th-street, (202)667-7960] gelegentlich Jazz, Rockjazz, Acidjazz, $$; etwas kleiner: State of the Union: [1357 U-street, (202)588-8810] regelmäßig Jazz und Acid-, HipHop- jazz, $; sonst vor allem am Wochenende viel live music in verschiedenen Kneipen.

Verstreutes:

The Nest at the Willard Hotel [1401 Pennsylvania Ave, (202)628-9100], Gehobenes Hotel Nähe Weißes Haus, gutes bis sehr gutes Programm, nicht billig, aber in Anbetracht der Lokalität noch erschwinglich.
Twins Lounge [5516 Colorado Av, (202)882-2523]: Netter JazzClub, lokale und regionale Musiker, etwas abgelegen, leider auch nicht billig.
Takoma Station: riesige Drinks; Jazz und anderes, i.A. lokale und regionale Musiker, ab und an auch mal ein Marsalis oder Freddy Hubbard; erschwinglich, keine Gegend zum Spazierengehen.
Gelegentliche Konzerte in den Auditorien der George Washington und District of Columbia Universitäten;
The Burps: In Alexandria ist das
Birchmere [3701 Mt Vernon Ave, (703)549-7500] ein größerer Club mit gelegentlich Jazz, ansonsten verschiedene Jazzkneipen in Oldtown; In Bethesda das Twist+Shout [4800 Auburn Ave, (301)652-3383], meistens eher Square Dance als Jazz;
empfehlenswert im Sommer:
Wolf Trap Open Air Gelände mit gelegentlichem Jazz und Blues [orange line nach Vienna + shuttle bus].

 


Schindelbeck Nov. 1997