Review: Gaia Mattiuzzi - Laut

14.11.2013 15:06 von Klaus Mümpfer (Kommentare: 0)

 

Gaia Mattiuzzi - Laut / Cover
 

Improvvisatore Involontario, ii 0036

 

Ihre Stimme setzt die Sängerin Gaia Mattiuzzi wie ein komplettes Theater-Ensemble ein. Sie singt, scattet, flüstert, spricht mal allein, mal mit sich selbst im Duo. Sie schmachtet im nahöstlichen Folk, schraubt ihren Gesang im oft vorherrschenden Belcanto in ungeahnte reine Höhen. Sie explodiert in Kehlkopfakrobatik. Die Italienerin Gaia Mattiuzzi ist ohne Zweifel eine der besten und kreativsten jüngeren Vokalartisten des modernen freien Jazz und der E-Avantgarde.

 

Auf ihrer neuen CD „Laut“ beginnt sie mit einer rhythmisch treibenden und energetischen Fassung eines „Bettelliedes“ von Brecht / Eisler in einer melodramatischen Deklamation, die mit ausdrucksstarker und wandlungsfähiger Stimme der Musiktheaterfassung von Autor und Komponist gerecht wird. Theater und Jazz verschmelzen auf unnachahmliche Weise. Überhaupt ist jeder Song dieser CD ist ein Minitheaterstück.

 

Auf sehr freie Weise interpretiert die Künstlerin mit Anklängen an eine Opernarie, mit geschickt eingesetzter Elektronik,  aber doch mit dem Fundament von Blues und Gospel Nina Simones berühmten Song „Images of a wayward“. Aaron Coplands „The world feels dusty“ bietet der Künstlerin mit dem Faible fürs Theatralische (im positiven Sinn) die Möglichkeit zu flüsternden Sprechgesang mit sich selbst im Duett. In Steve Lacys swingendem „Prospectus“ scattet die Sängerin, mit lyrischer Ästhetik interpretiert sie das traditionelle „Morenica“ zu den sanften und harmonisch reizvollen Bassfiguren von Stefano Senni. Treffend kommt Gaia Mattiuzzi dem folkoristischen Geist der Rabih-Khalil-Komposition „Nightfall“ nahe. Völlig frei mit Geräuschcollagen, sowie geheimnisvoll und lyrisch in der Stimme ist „Ibla Balms“, ein Song ihrer komponierenden Begleiter.

 

Der Pianist Fabrizio Puglisi sowie der Schlagzeuger und Elektroniker Cristiano Calcagnile mit Klangschichtungen und freiem sowie paradoxerweise zugleich streng formalem Spiel sind ihr auf „Laut“ inspirierende und kongeniale Begleiter. Ungeachtet dessen sind Freiheit und Strenge in Matiuzzis Gesang sicher auch das Resultat ihrer Ausbildung am Darmstädter Lichtenberg-Institut für Stimmphysiologie sowie Ihres Studiums bei Maria Pia de Vito in Turin.

 

Die CD „Laut“ der Sängerin Gaia Mattiuzzi zählt für mich zu den aufregendsten Einspielungen des Jahres 2013.

 

(km)

 

 

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