Klaus Mümpfer spricht mit dem Gitarristen Nicola Hein über das Kölner Improvisationskollektiv „IMPAKT“

15.11.2015 13:01 von jazz (Kommentare: 0)


Nicola Hein  - Foto: Mümpfer

Impakt- ein Kollektiv aktueller und freier Improvisation: Geräusche besitzen Tonqualität

 

Geräuschkollagen kennzeichnen die musikalischen Improvisationen des Duos mit dem Gitarristen Nicola L. Hein und dem Schlagzeuger Paul Lytton auf der CD „Nahezu nicht“. Der Titel ist in diesem Fall zugleich Programm, denn die beiden Künstler schaffen Assoziationen und Imaginationen praktisch aus dem Nichts.

 

Paul Lytton mit Table Drums und Elektronik, sowie Nicola L. Hein mit der Gitarre, die in Verbindung mit Objekten wie Hölzern und Metallstäben ihre eigentliche melodischen Funktion verfremdet, ja fast verleugnet, sprengen die Grenzen, die ihnen ihre Instrumente setzen. Auf der CD sind neben, Geräuschen, Gluckern und Kratzen, neben Glockenklängen und Rasseln auch reine Sinustöne zu hören. Motorische Sounds und Pulse prägen das rhythmische Grundgeflecht, auf dem die beiden Künstler agieren. Das Geräusch wird als Tonqualität verstanden, sagt Hein. In der Improvisation ersetzen Klänge die traditionellen Akkorde. Tempowechsel  und Sounds bauen Spannungsbögen. Solche Soundexperimente verlangen nach offenen Ohren und der Bereitschaft, sich den Klängen hinzugeben.

 

Angeregt durch die CD von Nicola Hein und Paul Lytton sprach Klaus Mümpfer mit dem Gitarristen, der an der Musikhochschule Mainz studierte und sich als „Soundartist“ versteht, über die Hintergründe des Kölner Kollektivs „Impakt“. Hein gehört inzwischen zu diesem Zusammenschluss gleich gesinnter Musiker in der Jazz-Hochburg am Rhein. „IMPAKT steht für „Improvisation und aktuelle Musik“. Die Mitglieder treffen sich im spontanen Dialog und in der Auseinandersetzung von individuellen Stimmen. Bislang haben sie in vielen Winkeln des Kölner und Internationalen Kulturbetriebes gewirkt und sich jetzt aber zur Positionierung und Schärfung der jungen Improvisationsszene zusammengeschlossen.

 

FRAGE: „IMPAKT“ ist kein Gruppenname, sondern die Bezeichnung für ein Kollektiv junger und jüngerer Musiker aus Köln, die sich alle auf improvisierte Musik konzentrieren?

 

HEIN: IMPAKT hat sich gegründet, um die jungen Protagonisten dieser Musik in Köln unter einem Namen zusammen zu bringen und sie der Öffentlichkeit gegenüber sichtbarer zu machen. Es geht darum, der sowieso lebendigen Improvisationsszene einen Namen zu geben. Immerhin ist Köln für diese Musik sicherlich der mit Abstand lebendigste Standort in Deutschland neben Berlin. Unser Anliegen ist also die Betonung der Ästhetik von improvisierter Musik in der Tradition der europäischen frei improvisierten Musik. Ich denke an Evan Parker oder Derek Bailey. Auch die FMP (Free Music Production) hat viel mit dem zu tun, was wir machen. Zu dem Dunstkreis, in dem wir uns bewegen, gehört auch die Wuppertaler Aktivität des Peter Kowald Studios und das Loft Köln, das für uns eine Art Mittelpunkt und Freiraum bietet. Die Neue Musik, ihre Klangästhetik und Verfahrensweisen spielen für diese Art der improvisierten Musik sicherlich eine ebenso große Rolle wie der Jazz.

 

[Im deutschen Free-Jazz der 60er Jahre gibt es Musiker wie Albert Mangelsdorff, die zwar die Grenzen der Harmonik sprengen, aber dennoch im dialektischen Sinne des „Aufhebens“ die Tradition bewahren wollten. Also das, was Mangelsdorff einmal „spontanes Komponieren“ nannte. Hein stimmt zu.]

 

FRAGE: Wie versteht Ihr eure Spielweise?

 

HEIN: Die Spieler zeichnen sich alle dadurch aus, dass sie Geräusche und Geräusch-Ton-Gemische mit in ihr Spiel einbeziehen. Wir alle spielen sehr viel frei Improvisierte Musik, also improvisierte Musik ohne vorher zurechtgelegte Strukturen oder Kompositionen. Darüber hinaus haben die Mitglieder des Kollektivs sehr heterogene Hintergründe: Jazz, Neue Musik, Alte Musik, Blues, Oldtime, Funk, Pop etc. Ich denke, dass diese Heterogenität der stilistischen Hintergründe und Denkweisen, bei gleichzeitiger Übereinstimmung über eine Improvisationspraxis die Stärke der Gruppe bildet.

 

FRAGE: Seit wann gibt es IMPAKT?

 

HEIN: Wenn man ein Datum festlegen will, dann ist es der 17.September 2014, als sich die Musiker von Impakt zum ersten Mal mit einem Festival im Kölner Stadtgarten  der Öffentlichkeit präsentierten. Seitdem gibt es eine Konzert-Serie mit dem Namen “IMPAKT: KONTAKT“, die etwa einmal im Monat einlädt und jeweils von einem anderen Mitglied des Kollektivs gestaltet und programmiert, wird.
Darüber hinaus haben wir eine Reihe von drei Konzerten im Kölner Loft mit Namen „IMPAKt : 3 Generationen - Junges Loft“. Diese Konzertserie wird großzügiger Weise vom „2nd Floor e.V.“ finanziert. In dieser Konzertserie spielen je unterschiedliche Musiker von Impakt zusammen mit einem eingeladenen, international renommierten Solisten. Für diese Konzerte konnte wir den großartigen französischen Perkusssionisten Lê Quan Ninh, die fantastische französische Pianistin Eve Risser und den legendären Evan Parker - einer der Ahnväter der Frei Improvisierten Musik – gewinnen.

 

FRAGE: Welches Publikum soll angesprochen werden?

 

HEIN: Die Konzerte haben es sich zum Ziel gesetzt, ein junges Publikum anzusprechen, welches sich für improvisierte Musik in Köln selten findet und zugleich weiß, welche Art von Musik sie erwartet. Dafür werden wechselnde Orte gewählt und die Konzert-Reihe entsprechend kuratiert. Im vergangenen Jahr gab es vier Konzerte, in diesem Jahr sind es insgesamt sieben Konzerte.

 

FRAGE: Neben der Gewinnung eine aufgeschlossenen, vor allem jungen, Publikums steht hinter dem Konzert doch sicher noch eine weitere Absicht?

 

HEIN: Hier treffen unterschiedliche Musiker aus Köln und aus anderen Städten aufeinander, aber es gibt auch befruchtende Begegnung der Improvisationsmusik mit anderen Kreativ-Genres wie Tanz, Poesie, Bildende Kunst und Philosophie.

 

FRAGE: Kannst Du einige Beispiele nennen?

 

HEIN: Eines der Events dieser Reihen präsentierte den Züricher Schlagzeuger Christian Wolfahrt, der ein Solo auf drei Schlagzeugbecken spielte. Danach gab es im selben Konzert einen improvisierten Vortrag des Musikwissenschaftlers Leopoldo Siano, der über den Komponisten Giacinto Scelsi sprach. Anschließend folgte das Trio mit dem Saxophonisten Timothy O`Dwyer, dem Schlagzeuger Fabian Jung (der hauptsächlich präparierte Bassdrum spielt) und mir an der Gitarre. Die Gegenüberstellung sollte eine Meditation über die isomorphen Rezeptionsprozesse bei der Begegnung mit Sprache und Musik bewirken, aber auch die Nähe des ästhetischen Wirkens der (wissenschaftlichen) Sprache und der (improvisierten) Musik veranschaulichen.

 

[Ähnliches konnte ein zahlreiches Publikum in diesem Sommer auch an der Musikhochschule Mainz erleben, wo Wolfram Knauer vom Jazzinstitut Darmstadt mit dem Philosophen und Musiker Daniel Martin Feige sprach und Du einen Improvisationspart mit Gitarre und Objekten übernahmst.]

 

FRAGE: Doch zurück nach Köln und „Impakt“. Wie viele Musiker gehören dem Kollektiv an?

 

HEIN: Die improvisierende Musik hat in den zurückliegenden Jahren viele junge Spieler gewonnen. Zum Kollektiv zählen aber dreizehn Mitglieder, die sich alle einen Namen innerhalb der nationalen und internationalen Szene erspielt haben, zum Teil an deutschen und niederländischen Hochschulen unterrichten und/oder Förderpreise, wie das Host und Gretl Will Stipendium (Leonhard Huhn und Philip Zoubek) erhalten haben.

 

FRAGE: „Impakt“ ist also ein Kollektiv, dessen Schnittmenge frei Improvisierte Musik sein soll. Wie teilt sich dies dem Zuhörer mit?

 

HEIN:  Zunächst: Es gibt ein Publikum, das aufgeschlossen ist und an dem man andocken kann. Ihm eröffnen sich musikalische Momente, in denen die Persönlichkeit der Musiker, ihre Ideen und ihre Klangvisionen durchscheinen.

 

[Vielleicht kann man in Zukunft von einer „Kölner Schule“ sprechen. Damit steigen die Chancen auf Fördergelder von Stadt und Land. Dies wäre auch wichtig im Hinblick auf die Förderung junger Musiker.]

 

(in [] gesetzte Passagen sind Anmerkungen des Autors)

 
Konzertdaten der beiden IMPAKT Konzertserien:

 

IMPAKT : KONTAKT:

 

28.10.2015, Kunsthaus Rhenania, Köln:  IMPAKT feat. KAMMERELEKTRONIK

12.11.2015, Baustelle Kalk, Köln: Kunst ist nie genug. 

10.12.2015, Stadtgarten, Köln: MOST PEPOLE HAVE BEEN TRAINED TO BE BOREDGustava Costa), Blutiger Jupiter (Julius Gabriel (Tenorsaxophon), Florian Zwissler (Synth), Constantin Herzog (Bass), Fabian Jung(Schlagzeug)), MEGAH3RTZ (Valentina Boneva)

 

IMPAKT : 3 Generationen (Loft, Köln)

 

21.September 2015: IMPAKT feat. Lê Quan Ninh (Perkussion)

17.Oktober 2015: IMPAKT feat. Eve Risser (Piano)

30. November 2015: IMPAKT feat. Evan Parker (Tenor- und Sopransaxophon)

(weitere Informationen unter: http://impakt-koeln.de)

 

CD:

 

Nicola L. Hein & Paul Lytton

Nahezu nicht

CS 326 CD Creative Sources Recordings

 

 

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