Axel Schlosser- Ein Interview, geführt von Klaus Mümpfer

02.08.2015 13:01 von jazz (Kommentare: 0)


Axel Schlosser  - Foto: Mümpfer

Oliver Leichts Electric Clarinet flirrt, Rainer Böhm legt mit dem Fender Rhodes einen Teppich unter die Melodie, Christian Jaksjø bläst sonor das Tenorhorn. Axel Schlosser hat sich in dem Arrangement für die hr-Bigband des traditionellen Volksliedes von der „Schwäbischen Eisenbahn“ angenommen. Die Musik drängt voran und pulsiert. Altmeister Emil Mangelsdorff ist begeistert von diesem Konzert, in dem die Bigband fast ausschließlich Kompositionen und Arrangements des Trompeters spielt. „Schlosser ist ein Musiker, dem der Jazz in die Wiege gelegt worden sein muss“, lobt der Senior.

 

Der Trompeter und Komponist Axel Schlosser wurde am 18. September 1976 in Aalen geboren. Er wuchs in Oberkochen auf und wurde sehr früh durch seinen zehn Jahre älteren Cousin zur Musik gebracht. Dieser spielte Klarinette und Saxophon im örtlichen Musikverein sowie in einer Dixieland-Band. Daher beschäftigte sich Schlosser, dessen Eltern zwar die Musik liebten, aber selbst keine Musiker waren,  bereits im Kindesalter mit New Orleans Jazz und Blasmusik. „Ich bin in einem Haushalt groß geworden, in dem die Musik keine beherrschende Rolle spielte“, erklärt Axel Schlosser im Gespräch mit Klaus Mümpfer für die „jazzpages“.

 

Zunächst erhielt er mit sechs Jahren Unterricht auf der Blockflöte; später kam die Klarinette hinzu. Im Alter von 12 Jahren wechselte er zum Flügelhorn, auf das er sich dann konzentrierte. „Meine Eltern haben mich schon als Kind zu Konzerten in die Stadthalle Aalen geschleppt, wo die Bands von Chris Barber oder Charly Antolini spielten.“

1994 wurde der inzwischen 17-Jährige Mitglied des Bundesjazzorchesters (Bujazzo) unter Peter Herbolzheimer, dem er bis 1998 angehörte; parallel spielte er auch in dem von Bernd Konrad geleitetem Jugendjazzorchester Baden-Württemberg. Nach dem Abitur mit Musikpreis am Gymnasium studierte er von 1997 bis 2001 Jazz an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim. Während des Studiums gehörte er als Lead-Trompeter dem von Albert Mangelsdorff geleiteten Deutsch-Französischen Jazz Ensemble an.

 

„Meine Eltern haben mich sehr unterstützt“, erinnert sich Schlosser. „Sie zeigten Verständnis für das große Interesse und akzeptierten meinen Ehrgeiz, der nicht zu bremsen war.“

 

Axel Schlosser lernte zwar Noten zu lesen, aber beeinflusst durch seinen Cousin und durch das Zusammenspiel mit älteren Musikern spielte er auch nach Gehör. „Man ist da auf eine Art freier. Zudem schärft es die Gabe, Musik schnell zu verstehen.“ Man kommt nach Schlossers Meinung zwar nicht unbedingt schneller zum Improvisieren, aber er glaubt, dass jemand Vorteile daraus zieht, wenn er extrem gut hört. Allerdings warnt der Trompeter zugleich davor, sich ausschließlich darauf zu verlassen. „Sonst gerät man irgendwann in eine Sackgasse.“

 

Nach dem Studium arbeitete Schlosser zwei Jahre lang an der Hermann-Frieb-Realschule in München als Trompetenlehrer und Blasorchester-Coach - eine Realschule mit musikalischen Schwerpunkt. Daneben war er als Mitgründer und Mitglied des Quintetts L 14, 16 tätig, dem auch Saxophonist Steffen Weber, Pianist Rainer Böhm, Bassist Arne Huber und Schlagzeuger Lars Binder angehören. Die ersten beiden Alben der Formation wurden jeweils mit dem Vierteljahrespreis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Seit 2002 ist der Solo-Trompeter Mitglied der hr-Bigband. Ein halbes Jahr später wurde er als Dozent für Jazz-Trompete und Ensemble an die Musikhochschule der Mainzer Universität berufen und dort 2012 zum Honorarprofessor ernannt. Derzeit leitet er eigene Gruppen – so ein Quartett, das sich Louis Armstrong und Duke Ellington verpflichtet fühlt, ein anderes mit schwedischen Partnern, sowie zwei Duo-Projekte mit dem Pianisten Olaf Polziehn und dem Trompeter Sava Stoianov vom Ensemble Modern. In den letzten Jahren konzentrierte er sich verstärkt auf Komposition und Arrangement.

 

Frage: Die Stücke oder Arrangements, die Du schreibst, sind die mehrheitlich notiert oder lassen sie überwiegend Raum zum Improvisieren?

 

Schlosser: Das ist von Stück zu Stück verschieden. Ich schreibe zum Beispiel gerade einen Konzert-Opener für die hr-Bigband, den wir im Juli spielen. Da ist gar nichts improvisiert. Doch das ist eher selten. Die Combo-Stücke sind in der Regel freier angelegt. Aber selbst da gibt es Unterschiede. Manche sind rhythmisch komplex oder die Linien der Melodieinstrumente sind mit dem Arrangement der Rhythmusgruppe verzahnt. Das wird natürlich ausnotiert, weil die Koordination stimmen muss. Aber bei den improvisierten Parts ist alles freier.

 

Frage: Akinmusire breitet im Konzert immer wieder Notenblätter aus. Er spielt dann offensichtlich vom Blatt, räumt sich aber dennoch Platz zum Improvisieren ein. Ist das bei Dir auch so?

 

Schlosser: Im Prinzip ja. Im Idealfall lerne ich aber meine Stücke auswendig. Wenn man sie selbst geschrieben hat, geht dies meistens schnell. Aber ich muss mich dennoch hinsetzen und sie üben. Ich finde es von Vorteil, wenn man nicht durch das Noten lesen abgelenkt wird. Aber wenn ich ein neues Programm erarbeite, dann ist es durchaus so wie bei Akinmusire.

 

Frage: Wenn Du Stücke komponierst, heißt dies, dass du sie bereits vorher ganz oder teilweise im Kopf hast, oder entwickelt sich das Stück quasi während des Schreibens?

 

Schlosser: Die Idee ist meistens schon Tage oder gar Wochen im Voraus geboren.

 

Frage: Das ganze Stück oder nur ein Thema oder ein Melodiefragment?

 

Schlosser: Das ist auch verschieden. Manchmal sind es Fragmente, dann wieder Klangfarben oder Akkordfolgen. Manchmal fällt mir ein Stück in seiner ganzen Form ein. Und ich kann nicht sagen, wo es her kommt. Natürlich kann ich es nicht direkt in den Computer schreiben, sondern nur in der Rohform.

 

Frage: Spielst Du eigentlich Klavier?

 

Schlosser: Jein.

 

Frage: Die Frage zielt darauf, dass man Ideen auf dem Klavier testen kann. Geht dies eigentlich auch auf der Trompete?

 

Schlosser: Bedingt ja. Aber ich probiere vieles auf dem Klavier aus, an dem ich experimentiere. Meistens mache ich mir Notizen auf Papier, bringe sie in eine reinere Form und beginne dann, sie auf den Computer zu übertragen. Also ich tüftle und sammle Ideen tatsächlich am Klavier.

 

Frage: Gibt es Musiker, die Dich beeinflusst haben?

 

Schlosser: Gibt es viele. Wo fange ich an?

 

Frage: Am besten bei den Trompetern.

 

Schlosser: Ein Trompeter, der mich von Anfang an in seinen Bann gezogen hat, obwohl ich ihn nie live erlebte und nur von der Platte her kannte, war Freddie Hubbard.

 

Frage: Er war ja ein Künstler der kraftvoll spielte und die High-Notes beherrschte. Ist dies eine Weise, die Dir entgegen kam? Deine Kompositionen auf dem neuen Vinyl-Album Northbound/Southbound sind ja mehrheitlich getragen.

 

Schlosser: Ich mag an Hubbard, dass er ein energiegeladener Spieler ist, der vehement auf die Tube drücken kann. Er kreiert aber auch unheimlich schöne Balladen, die anrühren. Ich kenne Aufnahmen von ihm, die sind wahnsinnig emotional. Dann spielt er virtuos, wenn auch nicht unbedingt schnell oder hoch. Hubbard hatte in jeder Gattung etwas zu sagen und das bewundere ich. Ich mag Musiker, wenn sie wandlungsfähig sind. Zweites Vorbild – wenn auch nicht an zweiter Stelle, denn ich nenne sie in zwangloser Reihenfolge -, ist Louis Armstrong. Meine Begeisterung für ihn kam etwas später, hat sich aber über die Jahre immer mehr vertieft, weil er für mich ähnlich vollkommen wie Hubbard ist. Man muss bedenken, zu der Zeit in der er lebte, hatte er viele Kollegen in New Orleans, Chicago oder sonstwo, aber er war in dem, was er machte, immer Vorreiter. Davor gab es keinen, der so gespielt hat. Das halte ich, in die heutige Zeit übertragen, für ein Phänomen. Wenn man zum Beispiel an seine Einleitung zu „West End Blues“ denkt, so etwas hat es bis zu jener Zeit noch nicht gegeben. Auf Armstrong stehe ich unheimlich. Bei der Verbindung aus beiden landet man sehr schnell in einer Ecke mit Wynton Marsalis oder Nicholas Payton - also Zeitgenossen, die mich ebenfalls beeinflusst haben. Als „Gegenpol“ begeistern mich aber auch Kenny Wheeler und Don Cherry. Ich versuche, mir überall etwas zu holen, was meinem Spiel nützt. Dabei  interessiert mich das Ganze, denn ich suche nach einem ganzheitlichen Konzept.

 

Frage: Was macht eigentlich mehr Spaß: das Arrangieren für eine Bigband, das Spielen mit einer eigenen Gruppe oder das Improvisieren als Solist? Was ist die größere Herausforderung?

 

Schlosser: Im Moment ist die größere Herausforderung das Schreiben für die Bigband. Weil ich das noch nicht so lange mache, sammle ich hier jede Menge Erfahrung. Eine solch umfangreiche Arbeit nimmt viel Zeit in Anspruch. Diese Aufgabe fordert mich im Moment sehr. Das Spielen als Solist bereitet mir immer einen Riesenspaß. Da blühe ich so richtig auf. Ich beschäftige mich sehr gerne mit Musik, wenn ich weiß, was kommt und ich mich entsprechend tiefgründig darauf vorbereiten kann. Ich könnte also nicht sagen, dass es für mich Arbeit ist.

 

Frage: Welche Möglichkeiten hast Du denn beim Schreiben für Bigbands, wenn die einzelnen Stimmen geschrieben werden müssen? Wieviel Freiheit kannst den Instrumentalisten lassen oder muss alles notiert werden? Verwendest Du auch grafische Notation?

 

Schlosser: Man hat da schon Möglichkeiten. Man kann beispielsweise für ganze Ensembles nur Klangfarben festlegen oder nur Rhythmen. Oder man kann Töne aussuchen und diese die Musiker in beliebiger Reihenfolge selbst kombinieren lassen. Grafisch notiere ich eigentlich nichts. Das habe ich noch nie gemacht. Andererseits kann ich gewisse Unschärfen einfließen lassen, indem ich es den Musikern überlasse, ob sie bestimmte Töne früher oder später spielen. Das sind kleine Freiheiten, die dann am Ende ein Klangbild ergeben, das frei klingt, aber dennoch eine Form besitzt. Bildlich formuliert, ich kann ein Klangbild erzeugen, das wie ein brodelnder Kochtopf klingt, obwohl alles weitgehend notiert ist.

 

Frage: Wie sieht es beim Komponieren für eine Combo, ein Quintett oder Quartett aus?

 

Schlosser: Da ist meistens der ausnotierte Anteil nicht so groß. Die Musiker haben mehr Freiheiten – logischerweise -, aber da mache ich mir dennoch viele Gedanken über die konkreten Voicings, die der Pianist spielt. Manchmal notiere ich auch die Basslinien und -figuren. Ich liebe es, wenn die Bläserläufe mit der Rhythmusgruppe verzahnt sind und alles zu einem Gruppensound verschmilzt.

 

Frage: Ich habe in Deinen Kompositionen mehrfach Mehrstimmigkeit und orchestralen Sound registriert. Wie macht man das?

 

Schlosser: Ich glaube, wenn eine kleine Gruppe orchestral klingt, dann liegt es vor allem an den Voicings des Pianisten und an den Intervallen der Bläser – bestimmte Intervalle, die groß klingen. Zum Beispiel Quinten, die einen nach oben offenen Sound vermitteln. Das findet man mit der Zeit heraus.

 

Frage: Viele Musiker bauen Spannungsbögen mit Ostinati und Harmonievariationen auf. Das habe ich bei Dir seltener gehört.

 

Schlosser: Ich habe dies früher oft genutzt und mag es immer noch. Aber ich habe  das Gefühl, dass man sich früher oder später in Ostinati verfangen kann. Und irgendwann wollte ich davon weg. Ich hatte einst die Vision, Musik für eine Gruppe zu schreiben, die an einem Punkt anfängt und an einem anderen endet, ohne dass sich etwas wiederholt. Es gibt dann auch keine Chorusse. Das habe ich teils mit meiner Band Secrecy vor sechs oder sieben Jahren praktiziert. Es wiederholte sich so gut wie nichts, aber man hatte am Schluss ein Problem, das Stück zu definieren.

 

Frage: Welche Kniffe nutzt Du?

 

Schlosser: Ich mag Vamps, weil man darüber viel entwickeln kann und sie gleichzeitig eine farbenreiche Komposition an bestimmten Punkten setteln können.

 

Frage: Zurück zur CD mit der hr-Bigband. Bis auf eine Ausnahme stammen die Kompositionen und die Arrangements von Dir. Ist das eine Sache, um die man sich bewirbt?

 

Schlosser: Schon seit einigen Jahren gibt man Mitgliedern oder Arrangeuren aus der Band die Chance, für das Orchester zu schreiben und es zu leiten. Eine Reihe der Musiker wie Oliver Leicht oder Manfred Honetschläger haben diese Gelegenheit  schon ergriffen. Irgendwann hatte ich auch Lust dazu und dies dem Orchestervorstand vorgetragen. Als es dann spruchreif wurde, hatte ich noch ein Jahr Zeit für die Arbeit. Man sagte mir: „Mach´ es“ und ich habe mich in die Arbeit gestürzt.

 

 

Frage: Ein Bekannter hat dieses Konzert, bei dem die CD entstanden ist, gehört und war begeistert. Wie haben die Kollegen der Bigband reagiert?

 

Schlosser: Die waren Gott sei Dank extrem positiv eingestellt. Ich glaube, es hat ihnen gut fallen. Alle haben an einem Strang gezogen. Ich habe ein gutes Feedback bekommen. Beim Komponieren für die Bigband ist Duke Ellington ein Vorbild, denn er hat die Charaktere der Musiker berücksichtigt und ihnen Parts auf den Leib geschrieben. Das habe ich auch versucht, so gut ich konnte. Ich habe mir vorgestellt, wer könnte diese oder jene Line am besten spielen - und das haben die Musiker gemerkt.

 

Frage: Zum Schluss die Frage: Was gibt es an persönlichen Projekten für die Zukunft?

 

Schlosser: Das Herzblut steckt immer in dem, was ich gerade mache. Es stehen in nächster Zeit zwei kammermusikalische Projekte an. Das eine existiert bereits. Es ist ein Abend füllendes Programm für zwei Trompeten mit Sava Stoianov. In diesem Duo steht jeder auch mal allein auf der Bühne. Ich habe beispielsweise ein fast 20 minütiges Solo. In dieses Projekt investiere ich viel Energie. Dann zieht noch ein zweites Projekt am Horizont auf - ein Duo mit dem Pianisten Olaf Polziehn. In beiden Duo-Projekten verwenden wir keinerlei Elektronik. Vom Letzteren möchte ich im kommenden Jahr gerne eine CD aufnehmen. Von Northbound/Southbound, einem deutsch-schwedischen Quintett, das ich zusammen mit Jean Paul Höchstädter leite, erscheint in Kürze ein neues Vinyl-Album bei Edition Longplay. Diese LP werden wir bei JazzBaltica präsentieren. Ich schreibe aber nach wie vor auch Bigband-Kompositionen. Die hr-Bigband steht nun mal im Zentrum meines musikalischen Lebens. Das ist eine durchgehende Sache, die mich an mehreren Tagen in der Woche fordert. Das bedeutet, dass ich sozusagen in meiner „Freizeit“ ständig übe, ja üben muss. Es liegt mir daran, alles was ich mache, so gut wie möglich auf die Bühne zu bringen. Wie gesagt, ich sehe dies alles als ganzheitliches Konzept. Ich habe das Gefühl, man lernt bei allem für die anderen Dinge im Leben.

 

Discografie: (Auszug)

Axel Schlosser: Tales From The South (Double Moon Records DMCHR 71130)

Secrecy (Jazz4ever  Records JAE 4792)

Sounds From My World (Jazz4ever Records JAE 4780)

Touching The Moon (Jazz4ever Records JAE 4775)

Axel Schlosser & hr-Bigband: Into The Mackerel Sky (Double Moon Records DMCHR 71148)

Neuerscheinung am 1.6.2015:

Northbound/Southbound – Schlosser, Almqvist, Böhm, Huber, Höchstädter (Edition Longplay 13)

 

 

Jazzpages Logo

 

 

Zurück

Einen Kommentar schreiben