Anke Helfrich im Gespräch mit Klaus Mümpfer, Juni 2017

20.06.2017 12:38 von jazz (Kommentare: 0)

 

Anke Helfrich - Foto: Klaus MümpferDie Weinheimer Jazzpianistin Anke Helfrich erhielt 2003 als Erste den „Jazzpreis der Stadt Worms“. Sie gilt als eines der großen Talente des deutschen Jazz. Mit ihrem unverwechselbaren, vitalen Stil, der teilweise an ihr großes Vorbild Thelonious Monk erinnert, aber auch mit ihren zahlreichen Eigenkompositionen und ihrem Engagement für den Jazz überzeugte die 50-Jährige die Juroren unterschiedlicher Gremien. 2016 erhielt sie als Beste in der Kategorie nationale Instrumentalistin Piano/Keyboards den „Jazz-Echo“, zuvor gewann sie bereits mit ihrem Trio die „European Jazz Competition“ sowie den „Hennessy Jazz Research“ und im Mai dieses Jahres zeichnete sie Boris Rhein, der Kultusminister des Landes, mit dem „Hessischen Jazzpreis“ aus. Das Preisträgerkonzert ist für den 27. Oktober im Staatstheater in Kassel vorgesehen.

 

Der mit 10.000 Euro dotierte Preis wird seit 1990 an Persönlichkeiten oder Ensembles verliehen, die besondere Verdienste um die Entwicklung der hessischen Jazzszene erworben haben. Rhein lobte die in Horb am Neckar geborene Künstlerin als „eine herausragende Jazzmusikerin Europas und als wichtige Botschafterin für die Jazzstadt Frankfurt“.

 

Mit dem Journalisten Klaus Mümpfer sprach Anke Helfrich auf dem Balkon ihrer Wohnung in Weinheim (unter dem zustimmenden Gezwitscher der Vögel) über die zahlreichen Auszeichnungen, die ihr kreatives Schaffen als Musikerin, Komponistin und Pädagogin hervorheben. Schließlich engagiert sich Anke Helfrich mit Leidenschaft in Workshops, wie im pfälzischen Freinsheim, und mit voller Kraft als Dozentin im Frankfurter Dr. Hoch´s Konservatorium.

 

 

 

Frage: Was bedeuten Ehrungen wie zuletzt der Hessische Jazzpreis für Dich? Schließlich hat der Minister Dich nicht nur als „umtriebige und kreative Pianistin“, sondern auch als „engagiert und energisch in der Vermittlung der Jazzmusik“ gelobt.

 

Anke Helfrich: Ich bin glücklich über die Anerkennung meiner Arbeit und die Wertschätzung als Musikerin. Gleichzeitig ist es ein Ansporn. Nach der Pianistin Elvira Plenar, die 1993 ausgezeichnet wurde, bin ich die erst die zweite Frau, der eine solche Ehrung im Land widerfährt.

 

Frage: Mit welchen Musikern spielst Du beim Preisträgerkonzert in Kassel?

 

Anke Helfrich: In der Besetzung mit Adrian Mears an der Posaune, Dietmar Fuhr am Bass und Jens Düppe am Schlagzeug. Ich selbst werde natürlich am Flügel sitzen.

 

Frage: Wirst Du für dieses Konzert ein eigens komponiertes Stück spielen?

 

Anke Helfrich: Genau, das habe ich mir bereits vorgenommen.

 

Frage: Deine Verdienste als Musikerin und Komponistin belegen auch die zahlreichen CDs und Konzerte mit dem eigenen Trio sowie in verschiedenen Ensembles. Es begann 2000 mit der viel beachteten Debut-Einspielung „You´ll see“ über die CDs „Better times ahead“ und „Storm proof“ im Jahr 2009 und endete bislang bei der außergewöhnlichen und Aufsehen erregende Aufnahme „Dedication“. Wie steht es mit der Lehrtätigkeit?

 

Anke Helfrich:  Viele Jahre war ich als Dozentin an der Hochschule für Musik in Mannheim tätig und seit 2011 habe ich mich sehr beim Aufbau einer Jazz-Abteilung des Dr. Hoch´s- Konservatoriums in Frankfurt engagiert. Heute lehren dort namhafte Künstler wie Eva Mayerhofer für Jazzgesang, Heinz-Dieter Sauerborn für Saxophon, Rhythmik und Big Bands, Axel Pape für Schlagzeug, Dietmar Fuhr für Bass und Ensemble, Jürgen Schwab für Historie und Gitarre und Peter Feil für Posaune – um nur einige zu nennen. Ich selbst bin für Jazzpiano, Gehörbildung und Theorie und für die Leitung der Jazz-Abteilung zuständig.

 

Frage: Wofür willst Du die 10.000 Euro Preisgeld verwenden?

 

Anke Helfrich: Ich habe bereits Ideen für eine neue CD, und dafür kann ich das Preisgeld natürlich sehr gut gebrauchen. Außerdem benötige ich ein neues Keyboard, das ich an den Computer anschließen kann – zu später Stunde bin ich am kreativsten. Dafür ist das gute, alte Fender-Rhodes leider nicht geeignet.

 

Frage: „Dedication“ ist eine außergewöhnliche, Aufsehen erregende Einspielung. Hast Du lange daran gearbeitet?

 

Anke Helfrich: Ja, in dieser CD steckt sehr viel Zeit, Energie und Leidenschaft. Allein die Idee und die Beschäftigung mit Martin Luther Kings Leben und die Transkription seiner „I have a dream“-Rede, als auch die Kontaktaufnahme mit dem ML King-Center wegen der Verwendungsrechte haben fast zwei Jahre gedauert. Ich wurde von der Initiative Musik gefördert, wofür ich sehr dankbar bin. Aber den Antrag zu stellen, der Projektabschluss und alles, was damit zusammenhing, waren natürlich ebenfalls sehr zeitaufwendig und Nerven raubend. Natürlich hatte ich glücklicherweise sehr viele Unterstützer und Helfer wie den Bassisten der CD - Martin Wind - meine Schwester Wibke, die die CD-Aufnahme in New York dokumentierte und die Fotos für das Booklet machte, Matthias Winckelmann von der Plattenfirma ENJA, die wunderbaren Musiker, Tontechniker, die Grafikdesignerin, meine Familie und Freunde – aber  vieles habe ich selbst gemacht und das war sehr viel Arbeit. Umso größer ist die Freude, dass die CD so gut angenommen und mit einem ECHO ausgezeichnet wurde.

 

Frage: Deine normale Besetzung – wenn auch in den Partnern wechselnd (so im Frühjahr mit dem Bassisten Martin Wind) – ist das Trio mit Dietmar Fuhr am Bass und Jens Düppe oder Jonas Burgwinkel am Schlagzeug. Manchmal wird es durch weitere Solisten erweitert. In diesem Jahr soll es der Posaunist Adrian Mears sein. Bei „Dedication“ war es Tim Hagans. In der Planung sind für dieses Jahr Duo-Aufnahmen mit der Saxophonistin Angelika Niescier. Was reizt Dich besonders an den Duos?

 

Anke Helfrich: Mich reizt das Spiel im Trio, Trio mit Gastsolisten oder auch andere Besetzungen, wie Solo und Duo. Das Spielen im Duo ist ein Dialog von zwei musikalischen Partnern, die miteinander kommunizieren. Man kann flexibel aufeinander eingehen, hat in vieler Hinsicht mehr Freiheiten, aber auch eine besondere Verantwortung. Mit Angelika bin ich bereits in mehreren Konzerten aufgetreten. Sie spielt super und wir haben immer sehr viel Freude auf der Bühne.

 

Frage: Um auf „Dedication“ zurückzukommen. Neben dem amerikanischen Bürgerrechtler Martin Luther King ist die Musik auch dem südafrikanischen Aktivisten und Politiker Nelson Mandela und seinem Jahrzehnte andauernden Widerstand gegen die Apartheid gewidmet. Du zitierst sein Lieblingsgedicht „Invictus“. Die Bewunderung für den ersten farbigen Präsidenten erinnert Dich an Deine Kindheit im Nachbarstaat Namibia, wo Deine Eltern mit Dir als Kind ein paar Jahre lebten. 2009, als die CD „Storm proof“ erschien, hattest Du die Gelegenheit die alte Schule in Windhuk zu besuchen.

 

Anke Helfrich: Ja, das war eine sehr berührende Reise in meine Vergangenheit. Neben zwei Konzerten in Kapstadt haben wir auch in Windhuk in meiner ehemaligen Schule und in Swakopmund gespielt. Ich habe einige Menschen aus meine Jugend wieder getroffen, war seit Jahrzehnten wieder im Etoscha-Nationalpark und habe sogar mein Elternhaus in Windhuk besucht.

 

Frage: Welche Pläne haben dieses Jahr bereits konkrete Inhalte?

 

Anke Helfrich: Im Oktober werde ich mit meinem Trio wieder in Italien auf Tour sein und dann Ende des Monats das Preisträgerkonzert in Kassel spielen. Anfang November bin ich im Rahmen der Reihe „Jazz at Berlin Philharmonic“ in die Hauptstadt eingeladen, zusammen mit interessanten, internationalen Jazzmusikerinnen und unter der musikalischen Leitung der amerikanischen Schlagzeugerin Terri Lyne Carrington. Danach werden wir mit meinem Trio in Russland spielen. Das Ganze ist neben der künstlerischen auch eine logistische Herausforderung. Schließlich muss ich beispielweise viele Formulare ausfüllen, die Visa beantragen und sämtliche Flüge buchen. Das nimmt natürlich sehr viel Zeit in Anspruch.

Frage: Für eine Jazzpianistin, die international agiert, sind so genannte Multi-Kulti-Projekte besonders interessant. Du schwärmst in diesem Zusammenhang von der European Jazz School, einem Projekt des Marburgers Gero Braach.

 

Anke Helfrich: Das Projekt „European Jazz School“, an dem namhafte Jazz-Musiker und junge Talente der hessischen Partnerregionen gemeinsam musizieren, wurde von Gero Braach im Jahr 2007 ins Leben gerufen. Das Konzept: Je fünf Jugendliche aus Hessen und den Partnerregionen Aquitaine, Emilia-Romagna und Wielkopolska, treffen sich jährlich zu einem viertägigen Jazz-Workshop in Marburg und spielen zum Abschluss ein Konzert beim Hessentag. Die Ensembles werden dann so zusammengestellt, dass jeweils ein Student jeder Region vertreten ist und geleitet werden sie von renommierten europäischen Jazzmusikern. Als Dozent ist es manchmal eine Herausforderung, die unterschiedlichen - auch orientalischen – Instrumente einzubeziehen. Aber es ist eine sehr erfüllende Arbeit. Das gemeinsame Musizieren und die Begegnung der Studenten aus den verschiedenen Kulturkreisen sind nicht nur musikalisch befruchtend, sondern auch völkerverbindend. 

 

P.S. Am 14. Juli spielt beim TaT-Festival im Schlosspark Weinheim das Anke Helfrich-Trio mit Adrian Mears (Posaune und Didgeridoo) als Gast. 

 

Weitere Infos: www.anke-helfrich.de

 


TheJazzPages

Text, Foto und Interview von Klaus Mümpfer

 

 

 

 

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