
Am 5. September würde John Cage (1912-1992) seinen 100. Geburtstag feiern.
Hans Kumpf unterhielt sich im Sommer 1975 mit dem amerikanischen
Avantgarde-Komponisten speziell über dessen Beziehung zum Jazz.
Hans Kumpf: Ich habe Ihr Interview mit Michael Zwerin gelesen. Was halten Sie
jetzt vom Jazz - haben Sie Ihre Meinung geändert?
John Cage: Ja, ein bisschen. In diesem Interview mit Michael Zwerin sprach ich
von meinem Interesse für Rockmusik und vor allem für ihre Texte wegen des
revolutionären Charakters. Aber heutzutage scheint die revolutionäre Qualität
des Rock nachgelassen zu haben, deshalb bin ich nicht mehr an ihm interessiert.
Außerdem ist jene im Interview beschriebene Vorstellung nicht verwirklicht
worden, dass nämlich in einer komplexen Situation mehrere Gruppen gleichzeitig
in verschiedenen Tempi spielen. Aber ich bin nicht dafür geeignet, meine Meinung
über Jazz zu sagen, denn ich arbeite nicht als Jazzmusiker. Andrerseits sind
sich Jazz und E-Musik (seriousmusic) heute näher als früher.
Ich glaube jedoch, dass der eigentliche Mut, Möglichkeiten der klanglichen
Gestaltung unabhängig ihrer Konsequenzen zu erforschen eher im Wesen der E-Musik
liegt als im Wesen des Jazz. Denn um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, sind
die Jazzmusiker vom Geschmack des Publikums abhängig.
Der E-Musiker dagegen ist jemand, dem es nicht um den Lebensunterhalt geht - er
hat sich ganz der Musik verschrieben. Ich habe einen guten Freund, Norman O.
Brown, der einige wunderbare Bücher geschrieben hat, die es wohl auch in
Deutschland zu kaufen gibt: »Life Against Death« , »Love's Body«, »Closing
Time«. Er hat zwei Söhne und zwei Töchter. Einer der Söhne ist sehr begabt in
Mathematik und auch in Musik. Er entschied sich, Jazzmusiker zu werden und
baute eine Art Kommune auf für andere an Musik interessierte junge Leute; sie
lebten zusammen und bildeten eine Band. Jobs fanden sie oft nur dort, wo auch
getrunken wurde. Er musste also häufig in einer Atmosphäre spielen, welche
geprägt war von Menschen, die unter Alkoholeinfluss standen oder sich mit Essen
vollschlugen. Er berichtete mir folgendes: Wenn er, musikalisch gesehen,
interessanter spielte, bestellten die Gäste nicht genügend zu trinken. Daraufhin
wollten ihn die Geschäftsführer der Restaurants oder Cafes nicht mehr spielen
lassen, denn die Musik war zu interessant. Schließlich gab er die Musik auf und
ging zu seinem Bruder nach Kanada, der dort Land besitzt. Der Musiker wurde
Bauer.

Meiner Meinung nach hat sich der Jazz in den letzten - sagen wir -
acht Jahren verändert. Sie sagten in dem Interview mit Michael Zwerin, dass Sie
den gleichbleibenden beat hassen. Es gibt unter den verschiedenen Arten des Free
Jazz doch solche, die keinerlei beat haben. Wie stehen Sie dazu?
Nun, jeder, mit dem ich darüber sprach, behauptete, dass es diesen Jazz
ohne beat gebe. Jedes Mal, wenn ich dann die Möglichkeit hatte, solchen Jazz zu
hören, konnte ich einen beat erkennen. Ich habe noch keinen Jazz ohne beat
gehört, und ich habe schon einigen Jazz gehört. Ich kenne in New York einige
Musiker, die sowohl Jazz als auch E-Musik spielen. Es sind gute Musiker.
Inzwischen gehe ich weder zu ihren Jazz- noch zu ihren E-Musik-Konzerten. Der
beat ist so präsent, sogar wenn sie meinen, ohne beat zu spielen.
Es gibt einige aus Chicago stammende Musiker, die ohne strengen beat
spielen - sowie einige Musiker in Europa.
Ja, aber sie haben dann einen Ersatz für den beat, nämlich Gesten. Sie
haben ein Feeling für den Ablauf, auch ein Feeling für »Gespräche« untereinander
und vor allem ein Feeling für Expressivität. Sie sind nicht so sehr am Klang
interessiert als vielmehr an sich selbst. Und sie reagieren aufeinander. Sie
sind deshalb weniger Musiker, sondern eher Schafe. Wissen Sie, wer noch
schlimmer ist als Schafe? Die Geiger in einem Orchester! Sie kopieren immer nur
den 1. Geiger. Wenn der 1. Geiger einen Aufwärtsstrich macht, machen alle Geiger
einen Aufwärtsstrich. Das ist unmöglich...
Viele Jazzmusiker sagen, sie seien von Ihnen, Cage, beeinflusst...
Ja, das mag sein. - Der Populären Musik geht es ums Publikum. Wenn diese
Musiker an Musik als solche denken, dann sind die Elemente, die sie haben, der
E-Musik entnommen. Sie denken ja sonst nicht an Musik, ohne sie gleich mit dem
Publikum zu verknüpfen. Stellen Sie sich vor, man hat das Publikum auf der einen
Seite, den Jazz in der Mitte und die E-Musik auf der anderen Seite. Ich nenne
sie so - oder auch nur Musik.
E-Musik kann immer geschrieben werden, ohne dass an das Publikum gedacht wird.
im Ergebnis ist sie ein Geschenk für das Publikum. Denn sie wurde nicht
geschrieben, um den Geschmack des Publikums zu treffen, sondern als etwas, das
es noch nicht gegeben hat. Es ist etwas Neues.
Die Jazzmusiker denken immer in beide Richtungen, also an das Publikum und an
die E-Musik. Sie brauchen neue Ideen, und sie bekommen diese neue Ideen von
der E-Musik. Andrerseits müssen sie die neuen Ideen transformieren, um dem
Publikum zu gefallen. Sonst können Sie nicht arbeiten. Wenn ihre Musik dem
Publikum nicht gefällt, haben Sie keine Arbeit.
Aber das Neue im Free Jazz ist, dass viele Musiker nur für sich selbst
spielen und nicht für das Publikum. Viele Leute werden durch Free Jazz verstört.
Das scheint mir dasselbe Phänomen wie in der Zeitgenössischen Musik zu sein,
dass Free Jazz und Cage-Musik etwa die Zuhörer schockieren. Sogar in
Donaueschingen reagieren viele Zuhörer und Kritiker, die die Zeitgenössische
Musik kennen, auf den Jazz entsetzt. Ich glaube, Free Jazz kann auch gegen das
Publikum gespielt werden.
Wenn dies richtig ist, was ist dann der Unterschied zwischen Jazz und
Musik? Wenn beide dasselbe tun - wo liegt dann der Unterschied?
Oft gibt es keinen Unterschied.
OK. Notieren sie es?
Ja, manchmal.
Manchmal auch nicht - meistens nicht. Nehmen Sie das, was die Beatles
notierten. Ich habe das in meiner Sammlung. Das sind Gemälde, Bilder und
Gedichte. Es ist einfach etwas anderes als Musik. Zwischen Jazz und E-Musik
gibt es doch Unterschiede. Die Jazzmusiker benutzen weniger ihren Kopf, sondern
handeln sehr oft spontan.
Etwas, was für den Jazzmusiker sehr schwierig ist, ist folgendes: wenn er
arbeitet, muss er mehr oder weniger jeden Abend spielen. Infolgedessen hat er
sehr wenig Zeit nachzudenken und zu leben. Das ist hart.
Viele Jazzmusiker, die wie Sie präpariertes Klavier benützen und
Collagen machen, sagen, sie seien von Ihnen beeinflusst worden. Aber sind Sie
auch von Jazzmusikern beeinflusst worden? Manchmal haben Sie in Ihren Stücken
verschiedene Musik-Stile vermischt, in `Variations IV', aufgenommen 1965 in Los
Angeles, kommt ein bisschen Duke Ellington vor...
Es ist ein Musikzirkus, wie jede Musik...
Aber hatten Sie etwas Bestimmtes beabsichtigt, als Sie den Jazz mit
hereinnahmen?
Es gibt ein Frühwerk von mir aus dem Jahre 1942, »Credo In Us«, das auf
einer hier in Deutschland erhältlichen Platte ist. Darin habe ich einen direkten
Bezug zum Jazz als Teil der amerikanischen Szene hergestellt. Aber das mache ich
selten. Bei Ives kam das häufig vor, er bezog sich auf die Musik seiner Zeit.
Ich mache das aber nicht sehr oft; und wenn, dann nur eines humoristischen
Effekts wegen.
Sie kennen die Kassette »Music Before Revolution«? Das »Concerto For
Piano And Orchestra« wird von einer Gruppe gespielt, in der ungefähr drei bis
fünf auf der Jazz-Szene recht bekannte Musiker mitmachen. Meiner Meinung nach
entstehen dadurch ganz typische Jazz-Sounds. Kennen Sie diese Interpretation?
Ich höre mir keine Platten an.
Sie haben diese Platte noch nicht gehört?
Nein, ich habe nur »Credo In Us« auf Platte gehört, aber nicht das
Konzert. Als ich das Klavier-Konzert schrieb, habe ich mit einigen Musikern
zusammengearbeitet, von denen viele auch Jazz spielten.
In Köln?
Nein, in New York. Ich schrieb es 1958. Man könnte also sagen, dass
dieses Stück vom Jazz beeinflusst ist. Aber es klingt nicht wie Jazz und ist
auch kein Jazz. Es ist etwas anderes.
Aber einige Elemente sind wie Jazz.
Ja, fast alles ist Jazz, aber es klingt nicht wie Jazz...
...aber manches schon...
Nun ja, aber eigentlich geht es noch darüber hinaus in eine neue Welt, es
ist wie eine Entdeckung.
Ich glaube, dass das »Concerto For Piano And Orchestra« sowohl von
Musikern des klassischen Stils als auch des Jazz gespielt werden kann.
Ja, das stimmt, vorausgesetzt, die Jazzmusiker können Noten lesen. Aber
sehr oft können sie das nicht, denn sie denken fast ausschließlich an sich
selbst. Zum Jazz gehört nicht nur das Publikum, das trinkt und isst, sondern
gehören sehr oft auch Musiker, welche Drogen nehmen. Wenn man das nimmt, wird
der Verstand künstlich verändert. Ich wollte immer, dass der Geist sich aus sich
selbst verändert, gerade darum geht es mir immer.
Einmal, bei einem Konzert in der Universität von Massachusetts, kamen hinterher
einige Studenten zu mir und fragten mich, ob ich gedopt gewesen sei. Sie konnten
mein Verhalten nicht anders erklären. Auch Norman O. Brown geht es so. Er kann
so lange über Freiheit sprechen, dass die Menschen glauben, er sei gedopt. Aber
das macht keiner von uns. Wir wollen, dass der Geist, das Bewusstsein, sich
verändert, aber dazu sollte man nichts einnehmen müssen.

Sie kennen John Lennon. Er lebt doch in New York in Ihrer
Nachbarschaft. Was ist Ihre Meinung über ihn?
Ja, früher wohnte er in meiner Nachbarschaft. Dann zogen er und Yoko Ono
weg. Sie trennten sich, und ich habe gehört, dass sie wieder zusammen sind. Er
ist sehr nett. Er mag Desserts, Süßigkeiten mehr als alles andere. Er ist ein
sehr sympathischer Mensch. Wenn er mit Yoko zusammen ist, ist er immer etwas
stiller und sie führt die Konversation. Ich habe mit ihm noch kein ausführliches
Gespräch gehabt, sie redet immer...
...ich sah das in dem Film »Birdcage« von Hans G. Helms. Lernte er
etwas von Ihnen? Ich erinnere mich an Interviews von ihm im »Rolling Stone«, in
denen er davon spricht, von Ornette Coleman, Karlheinz Stockhausen und von John
Cage gelernt zu haben. Wissen Sie, was er von Ihnen gelernt hat?
Nein. Wissen Sie, ich mache meine Arbeit, und dann bekomme ich ab und zu
einmal mit, was andere, zum Beispiel John Lennon und die Beatles machten. Aber
ich beschäftige mich nicht näher damit. Und wenn ich es täte, dann nicht, um sie
imitieren zu können, sondern um etwas anderes zu entdecken. Meiner Meinung nach
ist es eher die Technologie, welche die Populäre Musik und die E-Musik
zusammenbringt.
Glauben Sie, dass es in Zukunft eine Verbindung zwischen Jazz und
Zeitgenössischer Musik geben könnte? Die Jazz-Szene ist ja gespalten: es gibt
»emotionale« Musiker und »denkende« Musiker.
Ja, bestimmt. Aber die zugrundeliegenden Prinzipien werden das Handeln der
Menschen bestimmen. Ich glaube, dass bis jetzt die E-Musik größere Freiheiten
zur Veränderung hat als die Populäre Musik, denn die E-Musik ist unabhängig von
der Notwendigkeit, den Wünschen des Publikums gerecht zu werden. Und sie ist
nicht gezwungen, durch tägliche Aufführungen einen Lebensunterhalt abzuwerfen.
Ich könnte zehn Jahre lang leben, ohne ein Konzert zu geben. Als ich jünger war
und arm, lebte ich von etwas anderem als von Musik"
...Sie illustrierten Weihnachtspostkarten!...
Ich wünsche allen etwas Gutes, so wie ich dem Sohn meines Freundes alles
Gute wünsche. Ich hörte ihn in einem Restaurant in Californien. Er machte das
recht gut und ich war damals sehr überrascht, dass er die Musik ganz und gar
aufgab, um Farmer zu werden. Wenn ich einmal ein bisschen freie Zeit habe, nur
Musik anzuhören, dann höre ich lieber Musik einer anderen Kultur als Jazz. Wenn
mich jemand fragte, ob ich lieber tibetanische Musik des 12. Jahrhunderts hören
wolle oder Jazz, würde ich wahrscheinlich die tibetanische Musik wählen. Viele
Jazzmusiker übrigens auch, glaube ich, vor allem, wenn sie das Stück noch nicht
kennen. Und diese für die tibetanische Musik typischen langen Hörner tauchen
jetzt auch in der E-Musik auf - wahrscheinlich durch die tibetanische Musik
beeinflusst - vielleicht auch im Jazz.
Kennen Sie Free Jazz-Musiker wie Cecil Taylor und Pharoah Sanders?
Nein.
(Hans Kumpf ist Verfasser des Buches „Postserielle
Musik und Free Jazz – Wechselwirkungen und Parallelen. Berichte, Analysen,
Werkstattgespräche“, aus dem dieses Interview entnommen ist.)