
Auf faszinierende Weise setzt die Vokalistin Gaia Matiuzzi ihren Kehlkopf
instrumental ein. Sie krächzt, knurrt und knarrt, schleift die Töne und scatted
rasend wie ein Saxophonist im expressiven Stakkato. Dann wiederum tönt ihre
ausdrucksstarke und gefühlvolle Stimme wie bei einem verruchten Weib, um im
nächsten Song mit kindlich schlichter Naivität oder quängelnd wie ein Gör zu
klingen. Kaum zu glauben, wie eine gerade 24 Jahre junge Sängerin mit
Leichtigkeit ihre Stimme exakt kontrolliert über Oktaven hinweg in die höchsten
Lagen schraubt, kraftvoll shouted sowie im Diskant brechen oder im Finale eines
Songs die Melodie schwebend verhauchen lässt.
Dass Gaia Mattiuzzi bei den außergewöhnlichen Interpretationen von Gospel und
Worksong oder bei Villa Lobos´ „Xango“ mit dem sizilianischen Schlagzeuger
Francesco Cusa kommuniziert, ist ein Glücksfall. Das Ruf-Antwort-Spiel des Duos
ergänzt sich ebenso sicher wie in den parallelen Linien. Es entwickelt sich eine
Musik, die sowohl kraftvoll als auch zerbrechlich, noise-artig als auch sensibel
ist. Cusas verschmitzter Humor sorgt für Kurzweile und ebenso für Spannung wie
die auf- und absteigenden Ostinati der Sängerin. Cusa, der die Tradition der
italienischen Bandas mit Freejazz-Percussion verbindet und selbst im freiem
Spiel einen unterschwelligen „Pulse“ durchlaufen lässt, nutzt praktisch alles,
was ihm in die Hände kommt zur Geräuscherzeugung: Töpfe und Deckel,
Kunststofftücher und Glocken. Er trommelt auf seinen Oberschenkeln, reibt die
Becken mit den Sticks, schlägt Wirbel auf den Metallrändern des Drumsets.
„Skinshout“, so der Name des Duos, steht für die Felle der Trommeln und das
Shouting im expressiven Gesang. Das Duo schöpft aus der reichen Quelle des
Musikethnologen Alan Lomax, der das weite Feld der folkloristischen Wurzeln der
amerikanischen Musik vom Blues bis zu Cajun und kreolischen Rhythmik
bearbeitete. Doch die Adaptionen sind eher archetypischer Art. Die melodische
Nähe zum Worksong wie in „Be my husband“ oder zum Gospel in „Go down Moses“ sind
die Ausnahme und werden harmonisch variiert. Dennoch swingt die Musik vehement,
wenn Cusa die Felle mit den Besen streichelt, groovt, sobald er drängend
trommelt und Mattiuzzi durchdringend shouted. Fernöstliche Stimmungen bestimmen
„Ba ba orio“, wenn die Sängerin über einer Synthesizer-Grundierung krächzt und
seufzt, bevor sie plötzlich hymnische Sounds intoniert.
Im Interview spricht Gaia Matiuzzi über ihren musikalischen Weg, ihre
Gesangstechnik und ihre Projekte.
FRAGE: Wie hast Du zunächst zur Musik und dann
zum Jazz gefunden?
GAIA: In meiner Familie hat es nie an Musik gefehlt, meine Eltern sind davon
begeistert und zu Hause wurde jede Art von Musik gehört, vom freien Jazz über
Klassik bis zur Folklore aus aller Welt. All dies war für mich Quelle und Ansporn
zugleich. Ich wurde von Kindheit an erzogen, unbefangen Musik zu hören. Ich
befasste mich näher mit Musik, als mit ungefähr 8 Jahren begann, Klavier zu
spielen. Danach fing ich mit der Gesangs- und Stimmausbildung an und mit der
Zeit wurde die Stimme zu meinem Hauptinstrument. Meine ersten Erfahrungen
sammelte ich als Solosängerin im Folk und Rock mit einem gewissen Interesse auch
an der Populär- und Volksmusik. Aber als ich Aufnahmen von Billie Holiday hörte,
weckte dies mein Interesse für den Jazz. Ihr intensiver, authentischer und
ausdrucksvoller Gesang war für mich eine überwältigende Entdeckung. So habe ich
das Studium des traditionellen Jazz und der Improvisation vertieft. Vor einigen
Jahren ist in mir das Bedürfnis einer noch freieren und kreativeren
Ausdrucksform gewachsen . So habe ich mich der Improvisationsmusik und dem
avantgardistischen Jazz genähert.
FRAGE: Du singst traditionelle Balladen und
Jazz-Standards, aber Du sattelst und vokalisierst auch in freien Improvisationen.
Wo liegt Deine Vorliebe?
GAIA: Ich liebe die Tradition des Jazz. Dennoch erreiche ich die absolute
kreative Intensität und Freiheit erst durch Experimentieren. Das erlaubt mir ein
breitgefächertes Spektrum an improvisatorischer Freiheit. Ich dachte nie daran,
eine Jazzsängerin zu werden. Ich finde, dass die afroamerikanische Kultur an
einen kulturellen und originären Ursprung gebunden ist, der sehr weit entfernt
ist von unserer Kultur. Ich empfinde es als unangemessen, dieses musikalische
Erbgut zu benutzen. Allenfalls bin ich geneigt, die Stimmtechnik des Jazz zu
benutzen, wenn ich in der zeitgenössischen europäischen Musik improvisiere.
FRAGE: Wie ist dann Deine Haltung gegenüber
der klassischen Musik oder gar der Oper?
GAIA: Meine große Leidenschaft und Neigung gehört der klassischen Musik, die ich
täglich übe. Die Begegnung mit meinem aktuellen Lehrer des lyrischen Gesangs,
Michelangelo Curti, war der Grund, das Studium des traditionellen Belcanto zu
vertiefen. Dieser Weg begeistert mich sehr und kommt meiner musikalischen
Auffassung nahe.
FRAGE: Wie groß ist nach Deiner Ansicht der
Einfluss der traditionellen italienischen Folklore – beispielsweise der
Banda-Musik auf den heutigen italienischen Jazz?
GAIA: Ich glaube nicht, dass sie einen großen Einfluss hat. Banda ist eine
typische Tradition aus Süditalien und viele Jazzmusiker aus dem Süden können
durchaus durch sie beeinflusst oder angeregt worden sein, ein Blasinstrument zu
lernen. Da ich Südtirolerin bin, aus dem äußersten Norden Italiens, bin ich
dagegen immun.
FRAGE: Gibt es einen weiblichen oder
männlichen Jazz-Sänger, den Du besonders bewunderst?
GAIA: Ich bewundere sehr die Sängerin Greetje Bijma für ihre Kreativität und
ihre ausdrucksvolle Freiheit. Mich fasziniert die Art, wie sie mit ihrer Stimme
mit allen Nuancen experimentiert und sich dabei einer großen theatralischen
Ausdrucksweise bedient. Auch Cathy Berberian finde ich fantastisch, wegen ihrer
verfeinerten Art der Interpretation, aber der “ kreative Minimalismus” von
Meredith Monk ist die Hauptquelle meiner Inspiration.
FRAGE: Wie würdest Du Deinen persönlichen
Gesangsstil beschreiben?
GAIA: Ich würde mich nicht als Jazzsängerin bezeichnen. Meine Stimme und damit
die gesangliche Ausdrucksform steht der freien Improvisation bestimmt sehr nahe,
aber sie ist auch der Tradition des “Belcanto” verwandt. Ich begeistere mich für
das stimmliche Experimentieren und für die Möglichkeit, einen großen Oktavumfang
zu beherrschen, indem ich verschiedene Techniken gebrauche. Auch habe ich viele
andere, nicht europäische Techniken und Ausdrucksformen aufgenommen, wie
afrikanische, indische, sephardische, pakistanische, griechische, balkanische
und weitere. Mein Interesse für die verschiedenen Formen ethnischer Musik ist
immer sehr lebendig gewesen und mein Gesang hat von ihnen die Nuancen
aufgenommen.
FRAGE: Spielst Du ein Instrument neben dem
Gesang?
GAIA: Ich spiele zwar Klavier, aber ich konzentriere mich vor allem auf meine
auf meine Stimme.
FRAGE: Spielst oder singst Du außer im
Skinshout-Duo in anderen Rock-, Jazz- oder Pop-Formationen?
GAIA: Mein Werdegang beinhaltet viele Erfahrungen in verschiedenen
Musikrichtungen: Als ich sehr jung war, habe ich in vielen Pop- und Rockbands
gesungen und in vielen Projekten ethnischer Musik, vor allen Dingen in
Süditalien. Später habe ich mich immer mehr Projekten gewidmet, die vom Jazz
bestimmt sind. Gegenwärtig singe ich in keiner Pop- oder Rockband.
FRAGE: Könntest Du etwas über Maria Pia de
Vito sagen, die ich als Mitglied der Skoda International All Stars mehrfach
erlebt habe und die schließlich auch zu Deinen Lehrerinnen zählt?
GAIA: Ich verehre Maria Pia de Vito sehr. Ich hatte das Glück, sie in einigen
Masterclass/Kursen , die sie am Konservatorium von Turin 2007 hielt, als
Lehrerin kennenzulernen. Ich habe mit sehr viel Freude daran teilgenommen. Aber
ich habe nie ihre künstlerische Ausdrucksform angestrebt.
FRAGE: Du hat die “functional methods of
speech-voice applied physiology” am Konservatorium in Verona studiert. Was steckt
dahinter?
GAIA: Im Konservatorium von Verona habe ich viele Jahre Seminare für
Stimmbildung nach Lichtenberg bei Martin Landzettel, dem Dozenten und Direktor
des Lichtenberginstituts, besucht. Auf der Basis dieser angewandten Philosophie
sind Entdeckungen verwirklicht worden, die eine neue Orientierung der
Gesangspädagogik und der Musik kreiert haben. Mit dieser Ausbildung erreicht man
eine besondere Funktion des Kehlkopfes, die es erlaubt mit besonderer
Leichtigkeit und Freiheit zu singen, und das ist nicht abhängig vom Alter der
Sängerin.
FRAGE: Also hast Du auch das Lichtenberg
Institut für Gesang und Instrumentalspiel nahe Darmstadt besucht.
GAIA: Nachdem ich lange Zeit die Seminare mit funktionaler Methodik in Verona
belegt hatte, beschloss ich, mich in “Fortbildung angewandter Stimmphysiologie”
am Lichtenberg Institut einzuschreiben. Die Ausbildung dauerte vier Jahre und hat
den Zweck, den Schülern die Fundamente des funktionalen Modells der Stimme nach
der Methode Lichtenberg zu vermitteln. Die Grundlagen wurden von einer
großartigen Sängerin und Lehrerin geschaffen: Gisela Rohmert, im Augenblick eine
der Lehrerinnen am Lichtenberginstitut.
FRAGE: Du bist die Sängerin im Skinshout-Duo
mit dem Perkussionisten Francesco
Cusa. Welche Intentionen haben Du und Dein Mitspieler?
GAIA: Mit den Duo Skinshout versuchen wir, die Musik auf das Wesentliche zu
reduzieren: Melodie und Rhythmus. Bei diesen Experimenten und dank dieses Duos
konnte ich meine Vokalität auf Bereiche ausdehnen, die für mich noch vor kurzen
unvorstellbar waren.
FRAGE: Gibt es noch andere Gruppe, in denen Du
engagiert bist?
GAIA: Ich arbeite mit verschiedenen Gruppen und Musikern zusammen, die einen
Jazz-Hintergrund haben, sowohl in Italien als auch im Ausland. Im Augenblick
arbeite ich an meinem neuen Projekt “Satiek”, ein Trio, bei dem ich
Jazzkompositionen und zeitgenössische Musik einbeziehe, im Charakter bewahre,
aber in der Improvisation abwandle. Wir bearbeiten Stücke von Komponisten, die
ich sehr schätze, wie Charles Ives, Hanns Eisler, Erik Satie oder Aaron Copland,
aber auch Stücke aus der Volksmusik und Folklore. Das Repertoire ist auch
zusammengestellt aus poetischen und literarischen Texten. In das Projekt sind
zwei großartige Musiker integriert: Francesco Cusa e Giorgio Pacorig. Beide
arbeiten mit mir an den Arrangements. Außerdem wurde ich eingeladen,
mitzuarbeiten am internationalen Projekt “Meditrio”, welches vom Marseiller
Gitarristen Jean Marc Montera geleitet wird. Das Projekt ist ein Balanceakt
zwischen antiker traditioneller Musik und zeitgenössischer Improvisation. Ein
anderes mir sehr wichtiges Projekt ist das Quartett “Vocal Skrunch” von
Francesco Cusa. Die Sängerin Marta Raviglia und ich sollen uns in Kompositionen
hineinwagen, die einen sehr interessanten polyrhythmischen und einen sehr
melodischen Charakter haben.
FRAGE: Wie unterscheiden sich Deiner Ansicht
nach die deutsche und die italienische Jazz-Szene?
GAIA: Ich finde, in Deutschland werden Musikwissenschaft und akademische
Ausbildung stärker geachtet, respektiert und gepflegt. In Italien ist fast alles
folkloristisch, etwa bei Degustationen oder in touristischen Orten. Ich
bewundere jedes mal die Professionalität, wenn ich eingeladen werde, um in Eurem
Land zu singen. In Italien gibt es sehr gute Musiker, aber ihre Bestätigung ist
der oberflächlichen Bewertung vieler Zuhörer ausgesetzt oder der professionellen
sehr weniger und schier unerreichbarer Manager.
FRAGE: Nochmals die Frage nach Auftritten in
der näheren Zukunft.
GAIA: Im November habe ich wieder das Vergnügen mit dem großen Musiker Ernst
Ludwig Petrowsky in Berlin mit meinem Projekt “Satiek” auftreten zu dürfen.
Dieses Jahr wird dieses Projekt auch ins Kulturinstitut nach Kopenhagen
eingeladen. Dort findet der “Talent Export” statt, der von der autonomen Provinz
von Bozen gepflegt wird. Außerdem arbeite ich weiterhin mit der französischen
Gruppe Meditrio zusammen. Die Gruppe setzt sich zusammen aus Jean Marc Montera
und zwei klassischen Musikern: Julien Ferrando und Jean Michel Robert. Es sind
im Herbst verschiedene Konzerte in Frankreich vorgesehen. Das Projekt basiert
auf dem Zusammentreffen zwischen mittelalterlicher und barocker Musik und eine
an den Jazz angelehnte Sprache, dem Dialog und der Kommunikation zwischen
notierter Musik und Improvisation. Diese Verbindung verleiht all dem eine sehr
interessante Klangfülle, die die Musik dazu bringt, verschiedene Bereiche
auszuloten. In Kürze werden außerdem zwei CDs veröffentlicht unter dem Label
„Improvisatore Involontario“; Die erste ist die CD von Skinshout. Hier wurde ich
inspiriert von der karibischen Musik, die von dem berühmten Musikwissenschaftler
Alan Lomax in den ersten Jahren des vergangenen Jahrhunderts entdeckt wurde. Die
zweite CD heißt “Jacques Lacan: the true musical story” mit der Gruppe
“Francesco Cusa Skrunch”.
FRAGE: Abschließend würde ich gerne wissen,
was Musik für Dich bedeutet?
GAIA: Für mich ist Musik der Ausdruck unseres Intellekts, unserer Gefühle und
unserer Seele. Sie ist eine universale Kunstform, die den Gedanken einen Körper
gibt und Gefühle erweckt und damit eine Resonanz unseres Innersten
Internet:
http://www.myspace.com/gaiamattiuzzi