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| Allgemeiner Jazz-Talk Hier geht's querbeet um alles was mit Jazz auch nur im entferntesten zu tun hat... |
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#1
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Letztens habe ich wieder meine Jazzeitschriften vorgekramt um mal wieder ein wenig zu schmökern. Das führte dazu, dass ich mich doch ein wenig beleidigt fühle als Jazzfan, weil manche Zeitschriften doch arge Fehler aufweisen oder in einem geradezu lächerlichen Stil verfasst sind:
An der Spitze dieser Misere steht das Impulse-Werbeblatt "Jazzecho", das z.B. im Ausgabe 1/3 (00) mit dem äußerst intelligenten Satz eröffnete: "Nur wer Al Jarrou liebt, mag ihn auch." Die Ausgabe 4/2 (99) bescherte mir einen Artikel über die neue Platte von Roberto Blanko und die Ausgabe 3/3 (00) enthält einen absolut unentschuldbaren Fehler. Ein Photo von Vikku Vinayakram wurde nämlich mit Zakir Hussein untertitelt, ein ziemlich peinlicher Vorfall. Die doch hier im Forum als beliebteste Zeitung gekürte Jazzpodium bezeichnete das seichte Quartet "Fourplay" als das neue "Modern Jazz Quartet" und die letzte Jazzthing bescherte uns einen sehr peinlichen, erdachten Dialog zwischen Charlie Parker und Bach. Die einzige Zeitung, die mir dieses Mal wirklich gefallen hat, ist die Jazzthetik: Witzig, informativ und mit einigermaßen guten Plattenkritiken. Nur Schade, dass jede Zeitung immer die selben Themen hat. Was mich aber am meisten stört, ist die Nichtbeachtung nichtkommerzieller Musik, also das übersehen neuerer Strömungen und Musiken, die sich eventuell nicht so gut verkaufen lassen. Ein Freund von mir, der Jazz hasst wie die Pest, hat Jazz mal als Oberschichtsmusik bezeichnet. Legt man die Zeitschriften als Maßstab an, wird einem dieser Eindruck wohl auch vermittelt. Was ich mir wünschen würde wäre eine wirkliche Nischenzeitung für die Nischenmusik. Dabei verzichte ich gerne auf Layout oder Photos cosmo P.S. Kennt einer von Euch die Musik-Doku-Reihe Pop 2000? Die ist wirklich gut! |
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#2
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Jazzpodium:
Für mich die (mit weitem Abstand) beste Jazz-Zeitschrift. Unzählig viele Informationen, vor allem auch in den 'Kurz-Nachrichten' "Jazz News", erfreulich wenig Werbung (was hoffentlich nicht langfristig die Existenz der Zeitschrift bedroht), Plattenkritiken von doch recht vielen CDs im Eigenvertrieb mit entsprechenden Adressen (womit ich gute Erfahrungen gemacht habe) und zudem die insgesamt wirklich guten SW-Fotos. Gefällt mir!! JazzThing: Meine "2. Wahl" - Aufmachung und Informationsvielfalt (auch die Verbindung zum Blues) gefallen mir, jedenfalls zeitweilig. Jazzthetik: Mit dieser Zeitschrift habe ich echte Probleme - dieses *pseudo-intellektuelle* Geschreibe und die *yuppie-moderne* Aufmachung ist nicht *mein Ding* - diese Zeitschrift empfinde ich als *elitär* und gewollt *modern*. JazzEcho: Eben Werbung ohne jeglichen kritischen Aspekte - aber kostenlos, und zeitweilig mit interessanten Promo-Beilagen. Rondo: Auch kostenlos, z.B. in den JPC-Filialen erhältlich - da zum Beispiel freue ich mich auf jede neue Ausgabe (auch wenn die Klassik, leider, an erster Stelle steht). Besonders interessant (wenn vorhanden) der "Jazz-Hörtest": z.B. in Ausgabe 2/2000 der zwischen Lee Konitz und Marcus A. Woelfle - einfach gelungen! Abschließend allgemein zu den Kritiken: Vielleicht kann uns ja Marcus dazu mehr sagen: Warum gibt es insgesamt so wenige kritische Besprechungen? Mit der Zeit lernt man *seine Kritiker* natürlich kennen. Zum Beispiel die Kritiken von Wolfgang Stiefele verfolge ich seit vielen Jahren - und ich kann inzwischen genau *herauslesen*, ob diese besprochene Platte für mich in Frage kommt (oder auch bei Klaus von Seckendorff - auch Marcus weis ich so langsam einzuschätzen) - lernen, zwischen den Zeilen zu lesen! Gruß Reinhard |
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#3
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[font size="1" color="#FF0000"]GEÄNDERT AM Oktober-18-00 UM 13:01Uhr (GMT)[/font][p]Ich muß einfach überall mitlabern - das macht mir zumindest Spaß.
Lieber Reinhard, Du sprichst mir hier nicht zum erstenmal aus dem Herzen. Die »Jazzthetik« ist vom Grundansatz her so überklug, daß es in Extremfällen in die pure Blödheit umkippt. Zwischen allen Zeilen bricht es heraus: »Nein, was sind wir doch herrlich intellektuell - und was wir nicht alles wissen! Und wer uns liest, darf sich auch für intellektuell halten«. Was nicht ausschließt, daß es dort auch immer wieder sehr interessante und gescheite Beiträge gibt. Bei Jazz-Zeitschriften ist es wie bei allen anderen Publikationen auch: Hinter dem Ganzen steht ein Anspruch, eine Haltung. So kommt »Bild« im ganzen Habitus schon anders daher als etwa die »Zeit«. Aber auch der »Zeit« sieht man ihren oberlehrerhaften Duktus schon vor dem Lesen der ersten Zeile an. Das Jazzpodium ist sehr gediegen, manchmal etwas fad, aber frei von jeglichem Firlefanz. Das intellektuelle Getue der »Jazzthetik«, das schon in dem blöden Titel »Jazzthetik« zum Ausdruck kommt, artet leider immer wieder zu betulichem Firlefanz aus. Als Verleger von Jazzbüchern macht man mit den Redaktionen und Autoren von Jazz-Zeitschriften natürlich auch sehr interessante und oft eigentümliche Erfahrungen. Unvergeßlich - das war aber tatsächlich doch im JAZZPODIUM, vor vielen Jahren: Da kam unser Art-Blakey-Buch heraus, der »Rezensent« empfahl dem Verlag, die gesamte Auflage unverzüglich einzustampfen. Nicht etwa, weil der Text nichts tauge, nein, vom dem war gar nicht die Rede. Sondern weil einige der abgebildeten Plattencover nicht »original« waren. Der »Rezensent« war nämlich Sammler von Covern. Gelesen hat er wohl noch nicht mal das Vorwort, denn da stand deutlich drin, daß es dem Autor leider nicht möglich gewesen war, an alle Originalcover heranzukommen (was für den Leser auch nur bedingt sinnvoll gewesen wäre, denn die Platten, die damals auf dem Markt waren, hatten ja gerade ein anderes Cover - genau das, das im Buch war). Aber wer rezensiert Rezensionen? Da könnte man manch einem seinen Stuß um die Ohren schlagen. Auch hier: zwischen den Zeilen kriegt der Leser schon mit, was er von dem Text halten soll, den er vor sich hat. »JazzThing« gefällt mir außerordentlich gut. Das ist hoch professionell und macht auch kein Hehl daraus, daß es kommerziell orientiert ist. Ist doch nichts dagegen zu sagen, nur so kann eine Zeitschrift auch finanziell überleben. Unsere französischen Nachbarn sind da besser dran. Da gibt es an den Kiosken mindestens zwei professionelle Jazz-Illustrierte, mit hervorragenden Fotos und Texten. Also, Cosmo, französisch lernen! Bonjour! Aus Wien bekomme ich seit einiger Zeit eine ganz hervorragende Zeitung, sie heißt JAZZ ZEIT. |
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#4
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Das die Jazzthetik eine elitäre Zeitung für Leute ist die sich darin sonnen Musik zu hören die den Anspruch hat Kunst zu sein, dass ist klar, aber insbesondere die Reviews der Jazzfestivals haben mir in der letzten Ausgabe sehr viel Spaß bereitet, wenn sie auch ein wenig kurz waren für meinen Geschmack. Das ändert natürlich auch nichts an der Blasiertheit die der Zeitung innewohnt. Sie ist mir aber allemal lieber als das unerträgliche, pseudohippe Outfit der Jazzthing. 10 DM für so wenig Informationen, besonders schlechte Plattenkritiken und ein "Bildzeitungs"-Layout, dass ist einfach zuviel. Die Artikel sind meißtens Modethemen und interessieren mich meißtens nicht, die Interviews sprechen so gut wie niche die Fragen an, die wirklich interessieren und überhaupt besteht die Zeitung nur aus Werbung (erstaunlich, dass gerade immer die Platten gut abschneiden, von denen auch eine Anzeige in der zeitung steht). Das Podium fand ich bisher einfach nicht ansprechend genug. Das Layout ist auf Schulzetungs-Niveau und die Zeitung bietet immer genau die gleichen Themen wie die anderen beiden Konkurenten. Außerdem ist die Druckqualität äußerst schlecht.
cosmo |
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#5
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Hallo Cosmo!
>und die letzte Jazzthing bescherte >uns einen sehr peinlichen, erdachten >Dialog zwischen Charlie Parker und >Bach. Ja genau, total peinlich. Schon bei der ersten Zeile hab ich weitergeblättert. >Was mich aber am meisten stört, >ist die Nichtbeachtung nichtkommerzieller Musik, >also das übersehen neuerer Strömungen >und Musiken, die sich eventuell >nicht so gut verkaufen lassen. Ich las vor kurzem, dass ein amerikanischer Jazzkritiker, der in Downbeat usw. schrieb, schon in den 90ern sagte, der Jazz müsse heute vorallem Marktkriterien genügen....Amerikanische Plattenfirmen würden nur mehr Produkte schaffen.. ....Wenn Monk oder Cherry heute die Szene betreten würden, bekämen sie dort keinen Plattenvertrag. Das ist eh schon schlimm genug. Aber ich hab auch den Eindruck, dass auch hier Jazz-Zeitungen und Jazz-Kritik entweder mitschwimmen oder zu den wirklichen Fragen stumm bleiben. Wenn schon Zeitungen die Tür für Blue Note, Verve usw. offenhalten, was ist mit den Jazzkritikern los? Beschäftigen sich die nur mehr mit Duke Ellington und schauen an der Gegenwart vorbei, etwa gar weil sie unerträglich ist? Berendt hat öfters davon geschrieben, dass es gerade Europäer waren, die dem Jazz seine wahre Bedeutung gaben. Ich denk, das waren Intellektuelle, die in der Lage waren, Wesentliches zu erkennen. - Ich hab den Eindruck, die sind weg vom Fenster. Ich schau nicht durch, was an Jazz wirklich alles passiert und was nicht, aber mir scheint, dass auf der Hörer/Kritikerseite nicht mehr Leute am Zug sind, die ein Aug für wesentliche Dinge haben. Egal was passiert, ich befürchte, auch Charlie Parker würde im Blabla untergehen. Oder sind das nur düstere Phantasien? - In einer kleinen Ecke des Jazzthing aus den Sommermonaten 1999 stand übrigens Folgendes: In den USA ergab eine Konsumentenbefragung, dass 1998 nur noch 1,9% der Plattenkäufer hin und wieder eine JazzCD kaufen, 1997 waren es noch 2,8%, 1996 3,3% und vor 10 Jahren noch 4,9%. Zu einem Großteil würden Sampler gekauft werden wie „Jazz For ......(When You’re Alone oder A Rainy Afternoon usw.)“. In Deutschland würde der Jazz schon lange nur 1,5% des Marktes ausmachen. Das macht alles ein düsteres Bild. Ist es Realität? Eine andere als die früherer Zeiten? >Ein Freund von mir, der >Jazz hasst wie die Pest, >hat Jazz mal als Oberschichtsmusik >bezeichnet. Legt man die Zeitschriften >als Maßstab an, wird einem >dieser Eindruck wohl auch vermittelt. >Was ich mir wünschen würde >wäre eine wirkliche Nischenzeitung für >die Nischenmusik. Dabei verzichte ich >gerne auf Layout oder Photos > ich auch. Manfred |
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#6
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>aber insbesondere die Reviews der >Jazzfestivals haben mir in der >letzten Ausgabe sehr viel Spaß >bereitet...< => Gerade bei diesem Punkt bietet die Zeitschrift "jazzpodium" doch deutlich mehr - und vor allem nicht nur irgendwelche 'Highlights', sondern auch immer wieder regionale Acts - ich bin mir sicher, im November oder Dezember wird auch wieder über das 'Göttinger Jazzfestival' berichtet - mal sehen, ich kann es dann jedenfalls beurteilen. >Sie ist >mir aber allemal lieber als >das unerträgliche, pseudohippe Outfit der >Jazzthing. 10 DM für so >wenig Informationen, besonders schlechte Plattenkritiken >und ein "Bildzeitungs"-Layout, dass ist >einfach zuviel. => *Pseudohippes Outfit*, *besonders schlechte Plattenkritiken* und *Bildzeitungs-Layout* - tut mir leid, aber das sehe ich völlig anders. >die Interviews sprechen >so gut wie niche die >Fragen an, die wirklich interessieren => wer entscheidet, welche Fragen interessieren ??? >und überhaupt besteht die Zeitung >nur aus Werbung (erstaunlich, dass >gerade immer die Platten gut >abschneiden, von denen auch eine >Anzeige in der zeitung steht). => Das Problem vieler Zeitschriften, nicht *JazzThing*-spezifisch. >Das Podium fand ich bisher >einfach nicht ansprechend genug. Das >Layout ist auf Schulzetungs-Niveau => die Schulzeitung möchte ich sehen! (und wenn - Hochachtung!) >die Zeitung bietet immer genau >die gleichen Themen wie die >anderen beiden Konkurenten. => ist sie deswegen schlecht(er)? >Außerdem ist >die Druckqualität äußerst schlecht. >cosmo => Genau das Gegenteil - da haben wir anscheinend unterschiedliche Ausgaben. Viele Grüße Reinhard |
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#7
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>ich befürchte, auch Charlie Parker
>würde im Blabla untergehen. Oder >sind das nur düstere Phantasien? Ich fürchte nicht >Das macht alles ein düsteres Bild. >Ist es Realität? Eine andere >als die früherer Zeiten? Realer als je zuvor! Man könnte es eventuell so erklären: Das Politische Bewusstsein der Menschen ist heute sehr viel weniger ausgeprägt, als zu damaligen Zeiten, der Protestwille und das Infragestellen der allgemeinen Ordnung, bzw. der Wille dies zu ändern ist im heutigen Menschen gar nicht mehr enthalten (oder nur in einem sehr geringen Prozentsatz). Und eben dieses Infragestellen der alten Normen führte ja im wesentlichen zur Entwicklung verschiedener Jazzweige. Es gab also ein Publikum, meist jung und mit neuen Gedanken (siehe "Das Jazzpublikum", ein Buch aus den 70ern, in dem gezeigt wurde, dass die meisten Fans Studenten oder SPD/DKP-Wähler waren.). Das soll jetzt nicht heißen, dass der Jazz eine politische Musik war, aber zum großen Teil wurde er wohl von politisch engagierten Menschen gehört, die Lust auf neues, wildes hatten, aber gleichzeitig auch etwas wollten, was Kunst ist, neue Kunst, um sich von alten "klassisch=Kunst" Vorstellung zu befreien. Da der Wille auf neues, künstlerisch anspruchsvolles aber heutzutage bei der Jugend nicht mehr besteht (ich weiß es, ich bin selber Schüler), ist es klar, dass die Verkaufszahlen rückläufig sind. (Etwas gewagte These, oder?) >>Was ich mir wünschen würde >>wäre eine wirkliche Nischenzeitung für >>die Nischenmusik. > >ich auch. >Manfred AH, ein Freund! cosmo |
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#8
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Lieber Reinhard,
zunächst einmal danke für das Lob. Warum gibt es so wenig kritische Besprechungen? Das hängt vom Magazin ab. Rondo enthält meiner Meinung nach viele kritische Besprechungen. Aber es ist auch eine Platzfrage. Wenn ich (aber das gilt auch für meine Kollegen) nur eine bis fünf Rezensionen in einem Heft unterbringen kann, dann möchte ich doch lieber die CDs vorstellen, die wirklich gelungen sind. Der Leser möchte prinzipiell lieber wissen, welche Neuheit empfehlenswert ist als zur frustriernden Erkenntnis kommen: "war alles nur Mist in diesem Monat". Ich halte es auch für wertvoller mit einer positiven Kritik talentierte Musiker zu fördern als weniger Begabte zu tadeln. Natürlich ist negative Kritik auch sinnvoll, wenn sie nicht an der Sache vorbeigeht. Ein Kollege von mir hat einmal ein Saxophonquartett völlig zur Schnecke gemacht, weil er Saxophonquartette prinzipiell ablehnt. Es ist zwar o.k., daß er diese Meinung kundtut, aber es bringt meiner Meinung nichts. Es ist es besser, man läßt so eine CD von jemanden besprechen, der Saxophonquartette mag, sich damit auskennt und daher der Sache eher gerecht wird. Wenn der Redakteur so eine CD erhält, wird er sie bevorzugt dem Saxophon-Quartett-Freak zur Besprechung weiterleiten. Es besteht zwar die leichte Gefahr, daß der dann auch weniger gelungene Produktionen dieser Art in den Himmel hebt, weil er von vorneherein positiv eingestellt ist, aber dies ist weniger schlimm. Die Käufer von Saxophon-Quarett-CDs sind ja dafür ähnlich begeisterungsfähig. Ich erhalte oft CDs von Musikern zur Besprechung, die mir prinzipiell sympathisch sind und von denen die Redakteure wissen oder ahnen, daß ich mit ihnen etwas anfangen kann. So ergibt sich automatisch ein gewisser Prozentsatz eher positiver Besprechungen. Wenn ich eine Neuerscheinung höre, die ich für vorstellungsbedürftig halte, biete ich von mir aus gerne eine Rezension an, weil ich will, daß die großartige Musik Verbreitung findet. Höre ich eine, die mir nicht gefällt, ziehe ich es vor, sie schlicht und ergreifend tot zu schweigen. Auch mit einem Artikel über etwas Mißlungenes ziehe ich Aufmerksamkeit auf mittelmäßige Musiker - Aufmerksamkeit, die all die herausragenden Könner dringend benötigen. Wir leben in einer Welt, in der selbst die besten Jazzmusiker nur einem Bruchteil der Bevölkerung bekannt sind. Das Wissen um sie muß verbreitet werden, weniger das Wissen um Nieten. Im übrigen bin ich selbst Musiker und weiß, was es bedeutet auf der Bühne zu stehen. Vielen Kollegen fehlt dafür das Gespür. Sie fragen nicht danach, was der Musiker für ein Ziel hatte, sondern haben irgend ein Muster im Kopf. Alles was nicht zu diesem Muster paßt, wird abgelehnt. Es ist ja auch so einfach. Hat man Monk oder gar Cecil Taylor als Muster, fällt Petrucciani eher durch, als wenn man Peterson oder Evans als Muster hat. Darum geht es zumindest mir nicht. Wenn ich Petrucciani bespreche, gehe ich von ihm selber aus. Die "both worlds" kam bei mir schlecht weg, weil ich seine eigenen Leistungen als Maßstab genommen habe. Der Käufer will auch nicht wissen, ob ich Petrucciani mag oder nicht. Das ist wirklich sekundär. Der Petrucciani-Käufer möchte wissen, ob es eine gelungene oder weniger gelungene Petrucciani-CD ist. Zugleich muß derjenige, der ihn nicht kennt, aus dem Text erschließen können, ob es seine Musikrichtung ist. Meines Erachtens nehmen viele Kritiker sich zu wichtig und die Musiker und die Käufer nicht ernst genug. Sie sind nicht fähig zu einem Bekenntnis wie: "Mir gefällt es nicht, aber es ist empfehlenswert für diejenigen, die diese Art Musik mögen." Sie schreiben: "Mir gefällt es nicht; daher ist es schlecht." Natürlich nicht mit so plumpen Worten, aber in genau dieser Geisteshaltung. Ich habe z.B. vor kurzem eine CD von Jimmy Scott empfohlen, und die offensichtlichen Qualitäten dieser Musik gerühmt. Gleichzeitig habe ich am Rande erklärt, daß sie mir persönlich nicht gefällt. Das ist nicht schizophren, sondern die Konsequenz daraus, wenn man sich bewußt macht, daß man weniger für sich selbst als für den Künstler und für den Käufer urteilt. Swingingly Marcus |
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#9
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>Warum gibt es so wenig kritische Besprechungen?
>Das hängt vom Magazin ab. ...weniger für sich >selbst als für den Künstler und für den Käufer >urteilt. Ich gebe dir im Wesentlichen recht, bin aber der Meinung, dass Gute und schlechtere Platten im gleichen Maße "gewürdigt" werden müssen, denn wenn man NUR gelungene CDs herausstellt kann doch eben der Eindruck entstehen, dass die Meßlatte für diese nicht besonders hoch ist, da eh jede besprochene Platte nach Ansicht der Kritiker kaufenswert ist. Aber eigentlich finde ich Plattenbesprechungen sowieso unnötig, da man sich selber ein Urteil bilden muß. Deshalb sehe ich auch Möglichkeiten einer Online-Zeitschrifft, die Hörbeispiele für jede Neuerscheinung anbietet. Sowieso denke ich, dass die Jazz-Intelligenz das Netz wirklich verschlafen hat, eine These, der diese Seite aber eindeutig wiederspricht! :-) cosmo |
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#10
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Hallo Marcus,
was 'Rondo' betrifft, muß ich dir Recht geben - im Verhältnis viele kritische Besprechungen. Liegt es vielleicht daran, daß man nicht unbedingt auf Verkaufszahlen achten muß? Und auch deine anderen Begründungen sind für mich durchaus nachvollziehbar - natürlich möchte *man* lieber Platten empfehlen als permanent abzuraten. Ich glaube, die Mischung macht es - und die wird meiner Meinung nach auch vom Leser letztendlich gewünscht und honoriert. Und so wird zum Beispiel mein Interesse an Platten besonders geweckt, wenn sie in den verschiedenen Magazinen kontrovers besprochen werden - faktisch eine Aufforderung, sich seine eigene Meinung zu bilden (und wie schon erwähnt: So lernt man dann *seine* Kritiker kennen, auf deren Meinung ich mich dann verlasse). So finde ich beispielsweise die Besprechung in der "Jazzthing", wo jeweils eine bestimmte Platte positiv wie auch kritisch/negativ beleuchtet wird, ausgesprochen interessant, spannend und meinungsbildend - ein Konzept, das sich viel mehr durchsetzen sollte (ist mir klar, da sind wir wieder bei der Platzfrage). Zur *negativen* Kritik: Diese hält den engagierten Musikfreund nicht automatisch vom Kauf ab - sie kann auch eine zu empfehlende Herausforderung sein. Und dann schreibst du: "Meines Erachtens nehmen viele Kritiker sich zu wichtig..." - dazu abschließend ein Zitat von Kurt Tucholsky aus dem Jahre 1931: "Fast jeder Kritiker hält sich in der Viertelstunde, wo er seine Kritik aufpinselt, für einen kleinen Herrgott". Cosmo schreibt in seiner Antwort auf deinen Beitrag: "Aber eigentlich finde ich Plattenbesprechungen sowieso unnötig, da man sich selber ein Urteil bilden muß" - Kritiken sind hilfreich, informierend (oder auch nicht) und auch ärgerlich - und deswegen auch wichtig. Und was, Cosmo, wäre der JazzTalk ohne die Empfehlungen (Besprechungen/Kritiken) von uns vielen *Amateuren*? Und abschließend: eine Online-Zeitschrift mit Hörbeispielen wäre für mich höchstens eine Ergänzung - auf die Zeitschrift (bzw. das Buch) in meinen Händen möchte und werde ich nicht verzichten. Grüße Reinhard |