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#1
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<font size="1"> <font color="#000000"> LETZTE BEARBEITUNG am: Mar-15-04 um 00:05Uhr (GMT)</font>
War es nur Unkenntnis oder ein Hang, interessant klingende Mythen zu tradieren oder gar in die Welt zu setzen: Im Jazzbuch von J.E. Berendt wird weißem Blues erst bei den Nachfolgern von Alexis Korner und John Mayall Authentizität zugesprochen. Nur trat Korner erst auf die Szene, als die ersten authentischen weissen Bluesaufnahmen schon 30 Jahre lang im Kasten waren. Nach meinem jetzigen Informationsstand war es Frank Hutchison, mit dem die ersten Aufnahmen eines weißen Bluesmusikers gemacht wurden. Gerade höre ich Volume I, 1926-1929. An Authentizität mangelt es diesen Aufnahmen in nichts. Einfacher Country-Blues, nur der Sänger mit Gitarre und Mundharmonika. Für mich als Mundharmonikafan natürlich besonders heiß "The Wild Horse", ein aus wenigen Riffs zusammengesetztes Stück, nur mit Mundharmonika und einfacher Gitarrenbegleitung, oder "C&O Excursion" mit Eisenbahnimitationen auf der Harp, auf anderen Aufnahmen mit Gesang ist dafür auch sein großes Können in Sachen Blues-Gitarre zu vernehmen, teils inklusive Bottleneck. Man sagt ja Berendt nach, und das nicht zu Unrecht, auf manchem Nebenschauplatz hätte er sich als Autor besser nicht äußern sollen, etwa zur Geschichte von Gospel und Spiritual. Beim Blues war zumindest sein Blick offenbar verschränkt auf die großen schwarzen Blueser, deren Musik es im Ursprung ja gewiß auch ist, und für deren festivalmäßige Würdigung er sich auch hochverdient gemacht hat, nur muß man wissen, das weiße Musiker schon Ende des 19. Jhdts. viel der afroamerikanischen Folklore auch für sich adaptiert hatten. Und so gab es offenbar im Bluesjahrzehnt 20er-Jahre eben neben den städtischen Bluesgrössen Bessie Smith, Alberta Hunter, Ma Rainey, und den ersten schwarzen Countrybluessängern eben auch weiße, von denen als einer der herausragenden Hutchison vielleicht mehr zufällig gut dokumentiert wurde. |
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#2
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Berendt hatte - wie jeder andere – gewiss nicht in allem Recht und wusste natürlich auch nicht alles. Aber die ihm hier zur Last gelegte Unkenntnis oder gar bewusste Mythenbildung kann ich dem Blues-Kapitel seines „Jazzbuches“ nicht entnehmen. Denn Berendt bezieht sich ja auf die Beat-Rock-Szene, die den Blues für sich entdeckte und das große Geschäft damit machte, während die Mehrheit der „schwarzen“ Hörer schon längst nichts mehr von dieser „Arme-Leute-Musik“ hören wollten.
Berendt sagte auch nicht, dass diese Musiker keine authentische Musik machen, dass sie nicht IHRE Art, IHR Lebensgefühl authentisch ausdrücken würden. - Nicht authentisch sind diese Musiker insofern, als sie bei der Nachahmung der Blues-Originale zumindest im Gesang nie den für den Blues wesentlichen Ausdruck, das spezielle Feeling erreichten, immer andersartig klingen. Ob man das schlecht findet, ist eine Frage der persönlichen Vorliebe. Die Mehrheit des Publikums hat gewiss kein Problem mit den „weißen“ Stimmen, im Gegenteil. Vieles in der Musik ist wohl gerade dadurch entstanden, dass Fremdes auf eigene Weise gespielt wurde. - Das Leiden an einem Mangel an Authentizität ergibt sich meines Erachtens gerade aus der Wertschätzung für das Fremde und dem Versuch, es in Besitz zu nehmen. Man kann für den Rest seines Lebens neapolitanische Lieder üben und wird sie doch nie mit dem speziellen Schmäh singen können. Das gilt meines Erachtens für alle spezifischen Idiome. Ich habe keine Chance, „echte“ Tiroler Volksmusik wirklich authentisch zu singen, obwohl ich in Tirol aufgewachsen bin, aber eben nicht im entsprechenden Milieu, mit der entsprechenden „Sozialisation“. Ich denk, bei der Musik ist das sehr ähnlich wie bei der Sprache: Die Vokabeln, die Grammatik, die Redewendungen kann man ohne weiteres lernen, aber bei der Aussprache, im Ausdruck, im Feeling ist es sehr schwer, sich bloß anzunähern. Und gerade bei einer Musik wie dem Blues liegt doch das Wesentliche im „Wie“ des Vokalen. Ich hab mir – auf die Empfehlung von Uwe Kulick in „jazz und elektronik“ – die CD „Kulanjan“ von Taj Mahal gekauft. Nach meinen Ohren ist es keineswegs so offensichtlich, dass der Blues in dieser westafrikanischen Musik seine Wurzeln hat. Ich finde es sehr schön, dass Taj Mahal da nichts zusammenzwingt, sondern die Entfernung durch einen großen Ozean und durch die lange Zeit der Jahrhunderte bestehen lässt und die Annäherung sehr sensibel erfolgen lässt. Wohl dadurch wurde die Musik so harmonisch, dass sie einfach ein Genuss ist. Bestechend ist die Idee einer Gemeinsamkeit, die nicht in musikalischen Formen liegt, sondern in einer speziellen Art von „Sensibilität“. Mir kommt vor, dass diese Musik tatsächlich eine Ahnung von einer solchen gemeinsamen „afrikanischen Sensibilität“ verschafft. Ich trau mich allerdings nicht zu sagen, ob da eine noch feststellbare Grenze zu manchen anderen Musikarten besteht oder diese Gemeinsamkeit schon etwas zu tun hat mit der World-Music-Idee. Jedenfalls finde ich, dass solche Ideen, die sich auf das Feeling beziehen, eine Musik zu einer echt aufregenden Sache machen können. Ich hab mir im Zusammenhang mit „Kulanjan“ wieder Steve Colemans „The Signe and the Seal“ angehört, bei der es ebenfalls um eine solche Idee geht, und fand die CD plötzlich wieder weit weniger problematisch, als ich noch vor kurzem geschrieben habe. Aus dieser Perspektive meine ich: Egal ob „schwarz“ oder „weiß“, entscheidend kommt mir für die Darstellung der Blues-Geschichte vor, wer auf der Feeling-Ebene eine echte Bereicherung zustande gebracht hat, was natürlich schwer zu beurteilen ist, weil es ja pure Gefühlssache ist. Allerdings ist man sich aber anscheinend doch weitgehend darüber einig, was wesentlich war. - Was Berendt sagt, verstehe ich so, dass die Beat-Rock-Blueser in dem, was man am Blues für wesentlich erachtet, keinen nennenswerten Beitrag geleistet haben, ja nicht einmal das bestehende Niveau erreicht haben und daher ALS BLUESMUSIKER keine nennenswerte Anerkennung verdienen, was aber keineswegs heißt, dass ihre Musik nicht gut wäre. – Dass es bereits in der Zeit vor dieser Beat-Rock-Welle unter den vielen Musikern, die zumindest instrumental gut Blues spielen konnten, die aber für die Bluesgeschichte nichts Wesentliches beigetragen haben, auch ein paar „Weiße“ gegeben haben mag, ist meines Erachtens nicht so wichtig, dass es in einem Blues-Kapitel eines Buches über Jazz erwähnt werden müsste. Also sehe ich keine Verdrehung der Geschichte bei Berendt. |
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#3
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<font size="1"> <font color="#000000"> LETZTE BEARBEITUNG am: Mar-24-04 um 03:35Uhr (GMT)</font>
lässt sich auch in zweidrei sätzen kommentieren: Berendt liefert eben einen äusserst kompetenten Überblick. Und wie das überall ist - in Geschichte, Mathe, Literatur etc. pp. - gibt der Überblick eben einen ÜBERBLICK! Genaue, exakter recherchierte Infos holt man sich dann in spezifischerer Fachliteratur.... lasst doch den armen Berendt zufrieden, der hats echt gut gemacht! Helge PS: zu der "echtheit" von berendts artikeln gerade im bluesbereich maße ich mir natürlich nicht die geringste form der wertung an, da scheinen meine vorredner schon einiges mehr zu verstehen... |
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