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| Allgemeiner Jazz-Talk Hier geht's querbeet um alles was mit Jazz auch nur im entferntesten zu tun hat... |
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#1
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Hier greife ich mal auf, was im Monster-Threat unten angesprochen wurde.
Da wurden zwei Pole gegeneinandergestellt: Till Brönner als Extrembeispiel für reine "Unterhaltung" und Steve Coleman, der auf jegliche "Show" völlig verzichtet und nur "Kunst" produzieren will. Keines der beiden Extreme finde ich ansprechend. Kunst und Spaß gehören beim Jazz einfach zusammen! cosmo |
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#2
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Hallo Cosmo!
Im Ergebnis stimme ich – so scheint mir - mit dir genau überein: Für mich ist es nicht Jazz, wenn es nicht anspruchsvoll ist, und es ist nicht Jazz, wenn es nicht eine Intensität hat, die letztlich aus der puren Lebenslust stammt. Deshalb bereitet mir selbst Coltranes Musik auch dort „Vergnügen“, wo sie am Rande der Verzweiflung klingt. Mir kommen nur die Beispiele – Till Brönner und Steve Coleman – falsch gewählt vor: Brönner fehlt nach dem, was ich von ihm kenne, gerade diese Intensität, die „Lust“, der wirkliche „Spaß“. Brönner finde ich viel zu lau, zu seicht nicht nur in intellektueller Hinsicht. Und Steve Colemans Verzicht auf oberflächliche Show als Ausdruck einer lustlosen Kunst anzusehen, erachte ich als sehr verfehlt: Wenn nicht so viel Lust in seiner Musik stecken würde, würde ich das nicht so oft hören. Z.B. die CD „Resistance is Futile“: Diese ungeheuer swingenden Bebop-artigen Stücke, auch Ah-Leu-Cha von Charlie Parker, der wilde Scat-Gesang, voller "Spaß", die wilden Rhythmen, das Blödeln nach „Urban“, die komplett ausgeflippte Version von „Tico Tico“ ganz am Ende der CD. - Die CD „Alternate Dimensions Series I“, die gratis zum Herunterladen ist (http://www.m-base.com/dimension_I.html): Das erste Stück beginnt mit Lachen und endet damit, zeigt eine Lust am Spielen, die echt ist, nichts mit Show-Business, Entertainment zu tun hat. – Außerdem: Die Tänzerinnen bei Steve-Coleman-Konzerten! Und allein dem Schlagzeuger zuzusehen, ist pures Vergnügen. Also keine Spur von „affigem“ (Jüergen) Ernst. – Außerdem meine ich, dass Ernst auch etwas für sich hat, Coltranes tiefer Ernst ist kostbar. Aber gerade auch weil mich das Lustvolle so anspricht, mag ich die – letztlich sogar extrem lustvolle – Musik Steve Colemans so. Für mich stimmt einfach die Formel des TV „je seichter, desto mehr Spaß“ nicht. Dieses ganze Show-, Entertainment-, Spaß-, Sexy- oder Sonst-wie-Getue ist mir komplett über, bereitet mir weniger Vergnügen als Zähneputzen. Andererseits ist mir auch diese obergescheite Ernsthaftigkeit der „modernen“ europäischen Kunst ein Graus, diese Belehrungen, diese wirklichen Lust-Räuber, die einen zum Nachdenken bringen sollen, damit wir draufkommen, was gemeint war. Es gibt neben Nonsens und Klugscheißerei doch noch etwas anderes. Warum wird Lust und Primitivität automatisch verbunden???? Wieder einmal Essen zum Vergleich: Aus „vernünftigen“ Gründen ein Essen hinunterzuwürgen, ist öde. Statt dessen einen Sack Süßigkeiten hineinzustopfen, ist aber nicht die einzige Alternative. Es gibt Gerichte, die eine höchst ausgefeilte, komplizierte Komposition von unterschiedlichen Geschmacksrichtungen (auch bitteren) darstellen und die durch diese Kultiviertheit ein optimales Lusterlebnis verschaffen. Dafür muss man aber oft erst den Sinn schärfen. Lust kann sehr wohl auch mit Anstrengung, Konzentration, Disziplin verbunden sein. Ich las einmal, dass Askese ursprünglich als Mittel zur Steigerung der Lust verstanden wurde. Liebe Grüße Manfred |
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#3
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Genau deshalb finde ich die Handy-CD so super.
Schon gehört Cosmo ? Hermann |
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#4
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Welche, bitte??
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#5
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>Statt dessen einen
>Sack Süßigkeiten hineinzustopfen, ist aber >nicht die einzige Alternative. Wobei ich von Zeit zu Zeit schon auch mal einen BigMac reinhaue ... und Spass dabei habe. |
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#6
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So langsam stellt sich mir die Frage:
Wer bitte ist Herr Till Brönner ??? Und: Herr Autschbach (bitte entschuldigen Sie die evtl. falsche Schreibweise): Ja, Sie haben Recht - ich spiele kein Instrument - von daher: Kompetenz *gleich Null*. Es gibt so viele guten Platten - und was machen wir ?? : Wir reden über weichgespülten Müll !! Es grüßt - Reinhard |
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#7
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Ich möchte es noch so sagen:
Das wichtigste „Lust-spendende“ Element des Jazz ist die rhythmische Bewegung. Und davon gibt es nirgends mehr als bei Steve Coleman. Da braucht es dann keine Rosen und keine Show mehr, das würde nur behindern. Klar kann man auch (immer wieder einmal) Lust auf Big-Mac haben. Und vielen sind wohl Rosen lieber als pure Lust. Ist natürlich auch o.k.. |
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#8
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Zu Herrmann:
Ich hab nicht nur die CD gehört, ich war auch bei einem Konzert dieser absolut überragenden, fantastischen, genialen, superben und grandiosen Band. Passt eben hier rein, weil 1. die Musik sehr komplex und vielschichtig ist, ein Sammelsurium der Errungenschaften der Avant-Garde, gepaart mit der Ursprünglichkeit des Jazz und des Blues und 2. diese äußerst anspruchsvolle Musik auf eine Weise gespielt wird, die den Hören voll in den Bann zieht und -merkwürdig eigendlich- einfach enorm witzig ist. Die Kompositionen spruhen nur so von Humor und Witz, ohne dabei platt zu werden. Die Ansagen des fantastischen Louis Mahall (auch Roter Bereich) waren einfach zum schreien komisch, so dass der Musik diese "zwanghafte" Ernsthaftigkeit genommen wurde, die der Avant-Garde meistens anhängt. Diese Gruppe ist meine ganz persönliche Supergruppe des progressiven Jazz. Und die CD ist schlicht großartig. cosmo |
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#9
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Es schadet keinem Künstler, wenn er (oder sie) sich Gedanken über die Performance macht. Nur gute Musik spielen ist o.k., aber das allein wird einer Live-Atmosphäre nicht gerecht. Das Publikum hat es verdient, das sich die Musiker mit der Situation auseinandersetzen, dass sie das Konzert nicht allein bestreiten. Kunst und Unterhaltung müssen nicht zwangsläufig ein Widerspruch sein.
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#10
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Hallo Manfred und ihr anderen,
ich schmeiß hier einfach mal zwei Antworten zu diesem und dem „Vorgänger-Thread“ in einen Topf. Wird sonst zu umständlich. >Die Behauptung, dass bei Steve Coleman >Kunst – „affiger“-weise – keinen >Spaß machen darf, ist eine >ungehörige Verunglimpfung Na ja, gut, hier habe ich vielleicht mit einem etwas zu großen Kaliber geschossen. Verzeihst Du mir? ;-) >Und das mit dem „mittelalterlichen Narren“ >ist schon eine wirklich ausgesuchte >Gemeinheit von dir, lieber Jüergen, Bitte, gern geschehen! ;-) ;-) Vielleicht ein allerletztes Wort von mir zu Till Brönner: Ich nehme zurück, daß man ihn mit Robbie Williams und „ Chillout Grooving Vol. 57“ in einen Topf schmeißen kann. Ich muß zugeben, daß ich die „Chattin’ with Chet“ bisher gar nicht kannte. Habe sie vorhin im Plattenladen mal diagonal gehört und muß sagen, daß man Robbie Williams dagegen wirklich in Schutz nehmen muß. Das ist wirklich das nackte Grauen! Dagegen besitzt Robbie Williams’ Frank Sinatra-Karaoke Platte ja noch Charakter! Aber andererseits: T.B.’s Plattenfirma wirbt auf dem Cover mit einem Sticker mit Zitaten aus Zeitschriften wie SCALA oder MARIE CLAIRE („ Mischung aus Jazz, Swing und Pop“ schau an ...). Mmmhnaja, also wenn deren Leserschaft die Zielgruppe ist, bitteschön! :-( >Für mich stimmt einfach die Formel >des TV „je seichter, desto >mehr Spaß“ nicht. Dieses ganze >Show-, Entertainment-, Spaß-, Sexy- oder >Sonst-wie-Getue ist mir komplett über, >bereitet mir weniger Vergnügen als >Zähneputzen. Andererseits ist mir auch >diese obergescheite Ernsthaftigkeit der „modernen“ >europäischen Kunst ein Graus, diese >Belehrungen, diese wirklichen Lust-Räuber, die >einen zum Nachdenken bringen sollen, >damit wir draufkommen, was gemeint >war. Es gibt neben Nonsens >und Klugscheißerei doch noch etwas >anderes. Warum wird Lust und >Primitivität automatisch verbunden???? Ich finde gerade in der Schwarzen Musik ist diese vermeintliche Trennung von „Spaß“ oder „Lust“ einerseits und „Kunst“ andererseits ja oft überhaupt nicht erkennbar, vielleicht nicht mal denkbar. Das ist da so zusammengebacken, daß sich die einzelnen Bestandteile gar nicht mehr ausmachen lassen. Mir ist schon öfter aufgefallen, daß z.B. ein ganz simpler Blues, eine James Brown Live-Aufnahme und meinetwegen Coltranes „spirituelle“ Stücke auf eine gewisse Weise sehr ähnlich sind, auch wenn die Inhalte oder besser die Beweggründe dieser Musik zumindest vordergründig völlig verschieden sind. Immer gibt’s diese Körperlichkeit, die sich steigernde Monotonie, die so eine Art Rausch auslöst, ein Jammern, ein Jubeln und ein Jauchzen! Ein James Brown-Konzert funktioniert wie ein Gottesdienst, bei dem der Priester seine Gemeinde in die Ekstase treibt. Von ergriffenr Andacht kann da natürlich keine Rede sein, das ist eine ganz andere Art von Spiritualität. Und umgekehrt: Ich habe eine Gospel-CD, da gibt’s Stücke drauf, wenn man nicht ganz genau wüßte, daß die Sänger da den lieben Gott anbeten, könnte man denken die meinen ihre Geliebte, so sexy klingt das! Und Duke Ellington war in seiner besten Zeit sicher vor allem ein Entertainer und freier Unternehmer. Das, was ich da inzwischen als Kunst zu erkennen meine, war wahrscheinlich von ihm gar nicht so beabsichtigt, der wollte und mußte zuvorderst sein Publikum unterhalten. Oder daß sich Bluesmusiker wie Robert Johnson überhaupt selbst als Künstler begriffen haben, kann man wohl bezweifeln, wahrscheinlich hatten sie dafür gar kein Bewußtsein, schon gar nicht in unserem europäischen Sinn. Gottseidank! Das ändert aber gar nichts daran, daß er in seiner Musik mal so ganz nebenbei die ganz großen Themen („Gott, Liebe, Tod“ etc. ff.) auf eine Weise abhandelt, daß sich so mancher Großdichter aber umschaut. Bezeichnenderweise habe ich auch oft das Gefühl, daß Schwarze Musik, speziell Jazz, wenn man versucht sie in einen Kunst-Kontext zu stellen, z.B. durch ein Konzert im Kammermusiksaal mit bestuhlten Reihen, überhaupt nicht mehr funktioniert. Liebe Grüße, Jürgen. |
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