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| Allgemeiner Jazz-Talk Hier geht's querbeet um alles was mit Jazz auch nur im entferntesten zu tun hat... |
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#1
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Hallo Ihr da,
ich habe kürzlich mit einem Freund auf seiner Hi-End-Anlage CDs gehört, das war schon ein Erlebnis. Ich habe ihn dann nach neuen Platten gefragt, die ihn beeindruckt haben, und da musste er passen. Er sagt, der Markt gibt im Moment nicht viel her. Dass die Plattenfirmen nur noch aufs Geld schauen, wissen wir alle, aber gibt es nicht doch noch neue (!) Perlen zu entdecken? An mir selbst stelle ich fest, dass ich weniger CDs kaufe als früher, obwohl ich damals weniger Geld hatte. Also, ich bin gespannt, welche Platten ihr empfehlt. Bedingung: Brandneu (naja, sagen wir mal , nach 2001) und äußerst hörenswert sollen sie sein. Richtige potenzielle Klassiker. Viele Grüße Peter |
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#2
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Hallo Peter, meine Tips für das Jahr 2002 und 2003: Rainer Fernes Project-da spielt dein Kollege aus Haiger/Peter Schneider die Gitarre,
Uffe Steen mit Adam Nussbaum und Lennart Ginman, Uffe Steen spielt sehr bluesigen Jazz/Rock und Standards, ist ein Gitarrist ebenfalls Chris Potter,Gratitude, ist schon von 2001, aber eine interessante Scheibe Von Gregor Hilden gefällt mir die soul Serenade auch noch sehr gut, der könnte auch mal wieder was nachlegen, kennst du ihn? Das war's erst mal Gruß Tino |
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#3
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„Resistance is Futile“ von Steve Coleman
Ich habe schon ausführlich darüber geschrieben. Im neuen JazzThing sind die „Lieblinge“ der Mitarbeiter der Zeitung aus 2002 angeführt: „Resistance is Futile“ wurde an 2. Stelle angeführt. Mein Geschmack ist also nicht komplett ausgerissen. Noch neuer (rec. März 2002), ein wenig anders, aber mindestens genau so gut ist: „Alternate Dimension Series I” von Steve Coleman. Gratis zum Herunterladen von seiner Homepage http://www.m-base.com/ Dass gratis keineswegs schlechter heißt, sondern andere Gründe hat, kann man hier lesen: http://www.m-base.org/mp3_philosophy.html Aber weil keine Firma daran verdient und daher nicht pusht, ist von dieser CD (soweit mir bekannt ist) absolut nichts zu lesen oder zu hören. „Inner Circle“ von Greg Osby Dass das wirklich großartige Sachen sind, habe ich schon zu oft zu belegen versucht. Ich finde es einfach krank, wenn man sie ignoriert (weil sie ein wenig anders, eben neu sind) und dann jammert, dass es nichts Neues gibt. Das Vergreisen großer Teile der Jazz-Szene ist wohl auch eine Folge des Vergreisens des Publikums – von uns! Warum soll das nicht ein bisschen bitter klingen? |
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#4
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Die letzte Platte von Branford Marsalis-footsteps of our fathers find ich auch besonders gut.
Gruß Tino |
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#5
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Hallo Mampf,
habe mir gerade "Common Law" angehört. Kein Zweifel, da sind Könner am Werk. Problematisch an den MP3's finde ich: Sie klingen einfach nicht. Ich kanns mir nicht mit Genuss anhören. Ich bin verwöhnt, und ich weiß (wie du natürlich auch), wie das klingen könnte, wenn die 10-fache Datenmenge flösse. Zu viele Leute scheinen eine dürftige Anlage gewohnt zu sein, auf der man kaum einen Unterschied zwischen MP3 und einer CD hört. Meiner Meinung nach gibt Steve Coleman nichts wirklich weg, wenn er die Sachen so veröffentlicht. Es ist ein gutes Demo, was für Musik er spielt, mehr nicht. Da könnte ich glatt auf die Idee kommen, auch was "wegzugeben". Die Gefahr liegt darin, dass ich viele Leute kenne, die meinen, MP3 ist "fast wie Original". Unser Lokalradio in Siegen sendet tatsächlich ausschließlich im MP3 Format. Das ist bestimmt nicht der einzige Sender. Und es klingt nicht. Jetzt ist die breite Hörerschaft schon inhaltsmäßig versaut, hoffentlich geht das nicht soundmäßig auch noch so. Mit seinen MP3's gibt Steve die Möglichkeit weg, dass seine Aufnahmen im Original-Sound gehört werden. Schade für ihn. Die Philosophie dahinter habe ich gelesen, kann ich unterschreiben. Aber - Money makes the world go 'round, ohne Geld keine neue CD. So isses auch bei mir. Ich brauche mindestens meinen Einsatz zurück, um die nächste Platte machen zu können. Der Kapitalismus regiert. Leider. |
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#6
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Fuer mich als Student ist es leider nicht immer leicht, sich mit Neuerscheinungen einzudecken, da das immer sehr ins Geld geht.
Ueber die Liste im JazzThing habe ich mich auf gefreut. Steve Coleman ist fantastisch.Thomasz Stanko: "Soul of things" habe ich mir noch nicht geleistet, steht aber schon seit laengerem auf meiner Einkaufsliste. Was mir dieses Jahr noch richtig gut gefallen hat ist Joshua Redman: "Elastic". Gruss. |
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#7
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Wenn es zum Problem, ja zum Hindernis wird, dass die Klangqualität der MP3s nicht total perfekt ist, dann ist das meines Erachtens nicht das wahre Problem:
Die MP3s sind immer noch wesentlich besser ist als all das, was man in meiner Jugend an Plattenspielern üblicherweise zur Verfügung hatte. In all den Jahrzehnten, in denen die Geräte noch wesentlich schlechter waren als heute, hatten die Menschen kein bisschen weniger Spaß an der Musik. Die Charlie-Parker-Aufnahmen haben eine wirklich miese Klangqualität. Aber wer etwas mit Parkers Musik anfangen kann, den hindert selbst das keineswegs. Die Klangqualität ist dann fast egal oder gehört sogar dazu, wie (ich glaube) Nils meinte. Denn was zählt, ist die Musik, die Ideen, die „Information“, nicht der Wohlklang. Wenn HiFi essentiell wird, dann erscheint mir das als Zeichen dafür, dass man die Botschaft nicht (mehr) hört. So als würde man mit seiner Frau nicht telefonieren wollen, nur weil ihre Stimme im Hörer nicht perfekt klingt. Klar ist es netter, wenn es ganz rein klingt, aber Musik ist für mich kein Schnuller, der immer optimal schmecken muss. Die Klangqualität der Gratis-CD zum Downloaden von Steve Coleman ist nicht perfekt, aber nicht schlechter als durchschnittlich. In der Wiener U-Bahn hängen Plakate gegen das Schwarzfahren mit der Warnung: „1001 Ausreden nützen nichts!“ und dann werden komplett absurde Ausreden zum Besten gegeben. |
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#8
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Hallo Mampf,
damit wir uns nicht missverstehen: die schlechteste Aufnahme von Charlie Parker klingt auf Schallplatte meiner Meinung nach selbst mit dem miesesten Grammophon immer noch geiler als jedes noch so gute MP3. Knackser, Rauschen etc. stören mich nicht so sehr. Wenn es Charlie Parker mit dem Sound von heute gäbe, ja dann würde ich einen Grund haben, viele europäische Steine los zu werden. Ich habe mir gerade erst einen Plattenspieler geholt. Keinen teuren, aber jetzt kann ich meine alten Platten wieder hören. Das mit der U-Bahn verstehe ich nicht. Erklär mal. An alle (auch an dich): Danke für die Tipps! |
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#9
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Dazu muss man noch sagen, dass man heute Musik mit deutlich besserer Qualitaet komprimieren kann, als Coleman das auf seiner Internetseite tut, und zwar ohne irgendeinen Extraaufwand.
Es gibt da z.B. das Ogg/Vorbis Format, das z.B. bei gleicher Kompressionsrate deutlich bessere Audioqualitaet liefert als Mp3. Das Projekt ist Open Source, d.h. jeder kann kostenlos die Encoder benutzen (im Gegensatz zu MP3 fuer das man ja Lizenzen braucht) und abgespielt werden koennen die Dateien mit den meisten Playern. Schade, dass das noch relativ wenig verbreitet ist. Aber dennoch bin ich begeistert von Colemans "freier" Musik und hoere mich so Stueck fuer Stueck durch die MP3s durch. (Was noch ganz schoen lange dauern kann) |
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#10
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Zunächst muss ich sagen: Ich habe mir die als MP3 herunterladbare CD „Alternate Dimension Series I“ jetzt bewusst wegen der Klangqualität angehört und fand immer noch nichts Störendes daran. Ich könnte mich nun noch näher damit befassen und vielleicht würde es mir dann auch irgendwann gelingen, ein Problem daraus zu machen (mit jünger Ohren tut man sich damit vielleicht ein bisschen leichter), aber das ist nicht mein Thema, um das es mir bei der Musik geht.
„Stück für Stück durch die MP3s hören“ tue ich mich auch und das dauert auch bei mir schon „ganz schön lange“. Vor kurzem hörte ich im Radio über einen Psychologen, der Experimente durchführte und dabei feststellte, dass alle Personen (auch die, die sich für unmusikalisch erachteten) sofort hörten, wenn in einem Musikstück ein „falscher“ Akkord enthalten war oder das Stück mit einem „falschen“ Akkord endete. Das heißt: Alle hatten die Strukturen unserer europäischen Musikkultur gelernt, im Kopf verankert, hörten Musik in Beziehung zu diesem System und waren insofern musikalisch. Ich hatte hier schon einmal geschrieben, dass nach meinem Verständnis Musik in Wahrheit erst im Empfinden des Hörers überhaupt entsteht. In einem sehr interessanten, neuen Buch („Musik im Kopf“ von Manfred Spitzer) fand ich das dann bestätigt. In Beziehung zum gespeicherten Musik-System im Kopf geben wir den gehörten Tönen eine Struktur, machen musikalische Gebilde daraus, die wir mit bestimmten Gefühlen verbinden. Man erwartet von einer Musik, dass sie in einem gewissen Maß diese musikalische Ordnung im Kopf bestätigt und so Befriedigung verschafft. Andererseits soll Musik auch Neues bieten, das unsere Fähigkeit, neue Strukturen im Kopf zu entwickeln, herausfordert und so anregend wirkt. Auf die Mischung aus Anregung und Bestätigung kommt es an und wohl auch auf den Grad der Komplexität der gehörten Tongebilde. Ich denke, um zum Jazz zu kommen, muss man einen Spaß an der Herausforderung finden, für ein zunächst fremdartiges Tongebilde erst einmal grundlegende Strukturen im Kopf auszubilden. Als Junger hat man für so etwas vielleicht eher den Biss dazu. Mir scheint, dass das Neue nicht immer in einer gänzlichen Neuartigkeit einer Musik liegen muss. Man kann es auch in den immer deutlicher werdenden Details einer Musik finden, die durch häufiges Hören der selben Musik erkennbar werden. Jazz ist wohl schon allein durch die zentrale Bedeutung der Improvisation eine Musik, die in besonderem Maß die belebende Auseinandersetzung mit Neuem verlangt, die also nicht nur bestehende Strukturen im Kopf bestätigt, sondern die die Kreation neuer Bilder von bisher nicht Gehörtem erfordert. Für Miles Davis und John Coltrane war es ein essentielles Anliegen, ihre Musik laufend zu entwickeln, in Bewegung zu halten, sich nicht zu sehr zu wiederholen. Heute setzt das keiner so intensiv und überzeugend fort wie Steve Coleman. Ich hätte mich nie so für Steve Colemans Musik begeistert, wenn sie nicht Qualitäten hätte, die mich sofort ansprachen: die Beweglichkeit, Leichtigkeit der Linien, aufregende Rhythmen, „Groove“, der elegante, „menschliche“ Ton.... Jede seiner CDs enthält Elemente, die mich sofort ansprachen und mein Interesse weckten. Aber ebenso hat mich auch jede CD zunächst einmal verwirrt, mich „oh Gott“ denken lassen. Mit dem Bewusstsein, etwas Außerordentliches zu hören, „arbeitete“ ich mich dann voran, hörte mich ein, „Stück für Stück“, bewegte mich dazu, dachte darüber nach, versuchte, ein „Gefühl“, eine „Struktur“ für das Gehörte zu entwickeln ..... So ist mir Steve Colemans Musik immer vertrauter, bekannter und sehr wertvoll geworden. Ich nehme an, dass dieser Weg zu einer Musik, die einem wichtig ist, der übliche und allen hier vertraut ist. Eine wesentliche Rolle für mein intensives Interesse an Steve Colemans Musik spielte von Anfang an unter anderem auch das Bewusstsein, dass sie eine wichtige moderne Weiterentwicklung des Jazz darstellt. Ich möchte da auch für die Zukunft dranbleiben und es mitkriegen, wenn eine Innovation auf ähnlichem Niveau und von ähnlicher Bedeutung in Gang kommt. Ich hoffe, dass mein Kopf noch lang ausreichend lebendig bleibt, für Neues neue „Strukturen“ zu bilden....... Denn es täte mir schon sehr leid, wenn ich jetzt z.B. in den 60ern leben würde und keinen Zugang zu John Coltrane und dem 2. Miles-Davis-Quintett finden könnte, wenn ich mich mit der Ausrede, Jazz rieche nicht mehr gut, zurückziehen würde. Man wird immer das eine mehr, das andere weniger mögen, aber mit dem Wichtigsten gar nichts anfangen zu können, wäre für mich als Jazz-Fan wie ein Gruß vom Sensenmann. Darum meine ich, um eine Auseinandersetzung mit Steve Coleman und Greg Osby geht einfach kein Weg herum, egal ob die MP3s den Erwartungen an die Klangqualität genügen oder ob einem Steve Colemans Schildkappe gefällt. Das meinte ich mit der Wiener U-Bahn-Werbung. |
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