juergen
12.09.2003, 10:49
Haben wir da nicht einen wichtigen Geburtstag vergessen? Gestern wäre Theoder W. Adorno 100 Jahre alt geworden. Der hatte doch über Jazz auch was interessantes zu sagen:
Jazz
Am 11. September wäre er 100 Jahre alt geworden. Bis dahin zitieren wir täglich Theodor W. Adorno
Es ist nicht großstädtische Entartung, wurzellose Exotik, gewiß nicht, wie Arglose meinen, die Bizarrerie aufpeitschender oder greller Asphaltharmonien, die im Jazz sich darstellt und mit ihm verschwindet. So wenig er mit echter Negermusik zu tun hat, die hier längst industriell geglättet und gefälscht ward, so wenig wieder eignet ihm Destruktives und Bedrohliches; selbst die respektlose Verwertung Beethovenscher oder Wagnerscher Themen, die aufreizen mochte und auf revolutionäre Hintergründe zu deuten schien, ist in Wahrheit lediglich Ausdruck der Armseligkeit einer Musikfabrikation, die derart genormt und auf den Konsum eingestimmt ward, dass das letzte bisschen Freiheit, der Einfall, ihr verloren ging, den sie sich dort stahl, wo sie ihn fand – man könnte an eine Art „Patent-Umgehung“ dabei denken – indem sie die Freude des Gebildeten, sein Bildungsgut in der Bar wiedererkennen zu dürfen, nicht ohne Geschick einkalkulierte.
Aus: Abschied vom Jazz. 1933. In: Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften. Hg. von Rolf Tiedemann unter Mitwirkung von Gretel Adorno, Susan Buck-Morss und Klaus Schultz. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1997. Band 18
(Aus dem „Tagesspiegel“)
Und noch was höchst amüsantes:
Musikkunde
Theodor W. Adorno - Typen musikalischen Verhaltens
Der deutsche Musiksoziologe Theodor W. Adorno unterscheidet folgende Typen musikalischen Verhaltens in der gegenwärtigen Gesellschaft:
1. Der EXPERTE.
Merkmale: Gänzlich adäquates Hören = strukturelles Hören.“Sein Horizont ist die konkrete musikalische Logik ... Ort dieser Logik ist die Technik; dem, dessen Ohr mitdenkt, sind die einzelnen Elemente des Gehörten meist sogleich als technische gegenwärtig, und in technischen Kategorien enthüllt sich wesentlich der Sinnzusammenhang.” Zahlenmäßig ist dieser Typ selten und dürfte auf die Berufsmusiker beschränkt sein.
2. Der GUTE Zuhörer.
Merkmale: “Auch er hört übers musikalisch Einzelne hinaus; vollzieht spontan Zusammenhänge, urteilt begründet, nicht bloß nach Prestigekategorien oder geschmacklicher Willkür ... Er versteht Musik etwa so, wie man eine Sprache versteht, auch wenn man von der Grammatik und Syntax nichts oder wenig weiß, unbewußt, der immanenten musikalischen Logik mächtig.” Auch dieser Typus kommt selten vor.
3. Der Bildungshörer oder Bildungskonsument.
Merkmale: Kenntnisse über Musik, vor allem weiß er viel Biographisches. “Er ist unfähig zum strukturellen Hören. Er konsumiert nach dem Maßstab der öffentlichen Geltung des Konsumierten.” “Er ist der Mann der Würdigung.” Er gebärdet sich massenfeindlich und elitär, hat eine reaktionär-konservative Ideologie, gehört dem gehobenen Bürgertum an. Die Bildungshörer stellen gesellschaftlich eine Schlüsselgruppe dar; denn diese “entscheidet weitgehend über das offizielle Musikleben”.
4. Der EMOTIONALE Hörer.
Merkmale: Er ist weniger starr als der Bildungshörer.Bei ihm ist Fundament die “Berufung auf die Gefühlswerte echter Musik”. Musik hat für ihn auslösende Funktion, Abbau von Triebstauungen. Er verhält sich antiintellektuell. “Musik (ist ihm) Mittel ....zu Zwecken seiner eigenen Triebökonomie.”
5. Der RESSENTIMENT-Hörer.
Merkmale: Protest gegen den heutigen Musikbetrieb und Rekurs auf die Vergangenheit. Sektenhaftes Sich-Ergehen in Bachstunden und Abendmusiken. Eine Abart stellen der JAZZ-EXPERTE und der JAZZ-FAN dar.
6. Der Hörer von Musik als Unterhaltung.
Merkmale: Er ist quantitativ am häufigsten. Auf ihn ist die Musikindustrie geeicht: nivellierte Einheitsideologie. Musik ist für ihn nicht Sinnzusammenhang, sondern eine Reizquelle, ein zerstreuender Komfort. “Die Struktur dieser Art des Hörens ähnelt der des Rauchens.”
7. Der GLEICHGÜLTIGE, UNMUSIKALISCHE, ANTIMUSIKALISCHE
als Folge eines Erziehungsdefekts in früher Kindheit.
Alle diese Typen kommen, wie Adorno sagt, nicht “chemisch rein” vor, aber diese Typologie gibt uns ein Einordnungssystem.
(http://www.ms-stmk.ajs.at/hp/lehrmittel/musikkunde/hoerertypen.html)
J.
:+
Jazz
Am 11. September wäre er 100 Jahre alt geworden. Bis dahin zitieren wir täglich Theodor W. Adorno
Es ist nicht großstädtische Entartung, wurzellose Exotik, gewiß nicht, wie Arglose meinen, die Bizarrerie aufpeitschender oder greller Asphaltharmonien, die im Jazz sich darstellt und mit ihm verschwindet. So wenig er mit echter Negermusik zu tun hat, die hier längst industriell geglättet und gefälscht ward, so wenig wieder eignet ihm Destruktives und Bedrohliches; selbst die respektlose Verwertung Beethovenscher oder Wagnerscher Themen, die aufreizen mochte und auf revolutionäre Hintergründe zu deuten schien, ist in Wahrheit lediglich Ausdruck der Armseligkeit einer Musikfabrikation, die derart genormt und auf den Konsum eingestimmt ward, dass das letzte bisschen Freiheit, der Einfall, ihr verloren ging, den sie sich dort stahl, wo sie ihn fand – man könnte an eine Art „Patent-Umgehung“ dabei denken – indem sie die Freude des Gebildeten, sein Bildungsgut in der Bar wiedererkennen zu dürfen, nicht ohne Geschick einkalkulierte.
Aus: Abschied vom Jazz. 1933. In: Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften. Hg. von Rolf Tiedemann unter Mitwirkung von Gretel Adorno, Susan Buck-Morss und Klaus Schultz. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1997. Band 18
(Aus dem „Tagesspiegel“)
Und noch was höchst amüsantes:
Musikkunde
Theodor W. Adorno - Typen musikalischen Verhaltens
Der deutsche Musiksoziologe Theodor W. Adorno unterscheidet folgende Typen musikalischen Verhaltens in der gegenwärtigen Gesellschaft:
1. Der EXPERTE.
Merkmale: Gänzlich adäquates Hören = strukturelles Hören.“Sein Horizont ist die konkrete musikalische Logik ... Ort dieser Logik ist die Technik; dem, dessen Ohr mitdenkt, sind die einzelnen Elemente des Gehörten meist sogleich als technische gegenwärtig, und in technischen Kategorien enthüllt sich wesentlich der Sinnzusammenhang.” Zahlenmäßig ist dieser Typ selten und dürfte auf die Berufsmusiker beschränkt sein.
2. Der GUTE Zuhörer.
Merkmale: “Auch er hört übers musikalisch Einzelne hinaus; vollzieht spontan Zusammenhänge, urteilt begründet, nicht bloß nach Prestigekategorien oder geschmacklicher Willkür ... Er versteht Musik etwa so, wie man eine Sprache versteht, auch wenn man von der Grammatik und Syntax nichts oder wenig weiß, unbewußt, der immanenten musikalischen Logik mächtig.” Auch dieser Typus kommt selten vor.
3. Der Bildungshörer oder Bildungskonsument.
Merkmale: Kenntnisse über Musik, vor allem weiß er viel Biographisches. “Er ist unfähig zum strukturellen Hören. Er konsumiert nach dem Maßstab der öffentlichen Geltung des Konsumierten.” “Er ist der Mann der Würdigung.” Er gebärdet sich massenfeindlich und elitär, hat eine reaktionär-konservative Ideologie, gehört dem gehobenen Bürgertum an. Die Bildungshörer stellen gesellschaftlich eine Schlüsselgruppe dar; denn diese “entscheidet weitgehend über das offizielle Musikleben”.
4. Der EMOTIONALE Hörer.
Merkmale: Er ist weniger starr als der Bildungshörer.Bei ihm ist Fundament die “Berufung auf die Gefühlswerte echter Musik”. Musik hat für ihn auslösende Funktion, Abbau von Triebstauungen. Er verhält sich antiintellektuell. “Musik (ist ihm) Mittel ....zu Zwecken seiner eigenen Triebökonomie.”
5. Der RESSENTIMENT-Hörer.
Merkmale: Protest gegen den heutigen Musikbetrieb und Rekurs auf die Vergangenheit. Sektenhaftes Sich-Ergehen in Bachstunden und Abendmusiken. Eine Abart stellen der JAZZ-EXPERTE und der JAZZ-FAN dar.
6. Der Hörer von Musik als Unterhaltung.
Merkmale: Er ist quantitativ am häufigsten. Auf ihn ist die Musikindustrie geeicht: nivellierte Einheitsideologie. Musik ist für ihn nicht Sinnzusammenhang, sondern eine Reizquelle, ein zerstreuender Komfort. “Die Struktur dieser Art des Hörens ähnelt der des Rauchens.”
7. Der GLEICHGÜLTIGE, UNMUSIKALISCHE, ANTIMUSIKALISCHE
als Folge eines Erziehungsdefekts in früher Kindheit.
Alle diese Typen kommen, wie Adorno sagt, nicht “chemisch rein” vor, aber diese Typologie gibt uns ein Einordnungssystem.
(http://www.ms-stmk.ajs.at/hp/lehrmittel/musikkunde/hoerertypen.html)
J.
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