
Don Cherry hatte ihn einst „Machine Gun“ genannt. Dies hatte dem
Saxophonisten Peter Brötzmann offensichtlich so sehr geschmeichelt,
dass er so eine seiner wichtigsten Einspielungen nannte. Dennoch ist
es immer wieder faszinierend, welch sanfte Läufe der Berserker an
Saxophonen und Klarinetten sowie dem aus Ungarn stammenden Tarogato
entlocken kann. Beim Duo-Konzert mit dem amerikanischen Kollegen Ken
Vandermark zur 20-Jahr-Feier von „UpArt“ setzt Brötzmann die Hymnik
afrikanischer Beschwörungsformeln gegen eine sonore, fast sakral
wirkende Grundlinie, die Vandermark auf dem Tenorsaxophon anstimmt.
Zuvor hatte der eine Generation jüngere Amerikaner mit rhythmischen
Ostinati knallender Schnalzlaute auf seinem Instrument die
langgezogenen Läufe Brötzmanns strukturiert. Beide Bläser steigern
sich im Verlauf des Stückes in Intensität und Lautstärke zu einem
Crescendo, ähnlich jenem, mit dem die Duo-Partner zum Beginn des
Konzertes voll eingestiegen sind.
Die energetischen und expressiven Stakkatoläufe Vandermarks und
Brötzmanns gleichen einem „Saxophon-Battle“ nach dem Motto lauter,
kraftvoller, aufschreiender. Immer wieder schrauben sie sich auf den
Klarinetten in überspitzt und überblasen in schwindelerregende
Höhen, bis sich die Töne fast schmerzhaft wie Tinnitus in den
Gehörgängen festsetzen. Dazwischen gibt es nahezu lyrische Passagen,
in denen Brötzmann auf dem, der Klarinette ähnelnden Tarogato die
„Melodie“-Linien Vandermarks umspielt, bevor die beiden
Klarinettisten ihre Läufe verweben, Brötzmann eine kantable Linie
bläst und Vandermark in Zirkularatmung einen schier nicht enden
wollenden Lauf mit reichlich Vibrato ausklingen lässt. Extreme
Dynamikspünge kennzeichnen die Duo-Improvisationen, Uni-Sono und
Mehrstimmigkeit die Interaktionen. Jene unauffälligen
Rückbesinnungen auf die Tradition strafen Kritiker Lügen, die
Brötzmann zu stark im europäischen Free-Jazz der sechziger Jahre
hängengeblieben sehen und Ken Vandermarks diesjährige Einspielung
„c.o.d.e.“ als Tribut an die Free-Jazz-Pioniere Ornette Coleman und
Eric Dolphy belegt, dass auch der Jüngere das freie und ungebundene
Spiel in eine zeitgemäße Form transformiert hat.
Dies gilt um so mehr für die Musik von Vandermarks „Frame-Quartet“,
mit dem er im zweiten Teil des Jubiläumskonzertes
(Balkan-?)-Folkore, freien Jazz, elektronische Experimente und
E-Avantgarde auf einzigartige Weise verschmelzen lässt. Es beginnt
mit reinen Electronics, die Percussionist Tim Daisy mit zunächst
swingendem Spiel unterlegt. Vandermark greift mit dem Tenorsaxophon
das Thema auf, zerfasert es, während der Daisy vom Beat zum „Pulse“
wechselt. Cellist Fred Lonberg-Holm liefert sich mit dem Bassisten
Nate McBride auf dem Bass rasende gestrichene wie gezupfte
Wettläufe. Ein anderes Mal leitet die String-Section
kammermusikalisch Vandermarks Klarinettensolo ein. Plötzlich
überraschen ein Dutzend Gongschläge die Zuhörer, bevor das Cello
neutönerisch gestrichen wird. Die Klarinette schreit auf, schraubt
sich in überblasene High-Notes oder schnattert in den Mittellagen.
Die Musik des Quartetts entzieht sich jegliche Einordnung, ist in
seinen Grenzüberschreitungen sowie der künstlerischen Aussage
einzig, scheint intellektuell zu sei und nimmt dennoch emotional
mit.
Vor dem Konzert blicken die Vorsitzende Marli Weißenberger und
UpArt-Fan Reimund Dillmann auf die 20 Jahre des Vereins für
zeitgenössische Kultur zurück. Die Liste der Künstler gleicht einem
„Who is who“ des modernen Jazz. Dillmann bescheinigt der
Vereinsmitgliedern von UpArt „offene Ohren, Kompetenz sowie
konstruktive Streitkultur“ zum Nutzen der Jazz-Freunde.