Das „Tomasz Stanko New York Quartet“ in der Rüsselsheimer Jazzfabrik, 3. April 2017

05.04.2017 11:20 von jazz (Kommentare: 0)

 

Tomasz Stanko - Photo: Mümpfer

 

Zusammengesunken sitzt der 75-Jährige Trompeten-Star Tomasz Stanko auf seinem Hocker, lauscht den Tönen seiner Partner nach und erlebt offensichtlich die Kompositionen neu. Hin und wieder scheint er die Musik mit sparsamen Handbewegungen anschieben zu wollen und wirft ab und zu einen kurzen Akkord ein. Typisch für ihn sind die fast gehauchten und lang gehaltenen Töne in den Finalen. Die Zuhörer des Konzertes der Rüsselsheimer „Jazzfabrik“ sind von Stanko und seinem „New York Quartet“ hellauf begeistert.

 

Einige Freunde nennen Stanko die „Lichtgestalt der dunklen Stimmungen“. Ein Zuhörer beim Konzert des „New York Quartets“ zog Parallelen zwischen dem Polen und Chet Baker, ohne die beiden Trompeter direkt zu vergleichen. Beiden gemeinsam sei eine Melancholie, die durchaus zugleich optimistisch wirke. Beim Rüsselsheimer Auftritt verband der aus Rzeszow stammende Trompeter  Lyrismen mit Free-Jazz, den verhangenen Trompetenton mit stählern strahlenden Attacken bis in die High-Note-Lagen.

 

Reuben Rogers steht die Spielfreude ins Gesicht geschrieben. Der Multi-Instrumentalist und Bassist von der Jungferninsel St. Thomas bereichert die kollektiven Improvisationen tänzerisch elegant straight gezupft und besonders in den Balladen mit dem Bogen gestrichen auf seinem wuchtigen Saiteninstruments. Er freut sich ganz offen sich über jede der harmonisch reizvollen Linien in seinen Soli. Schlagzeuger Gerald Cleaver streicht sanft und sensibel in „Bright moon“ die Felle seiner Trommeln, kann aber auch kraftvoll und vielschichtig in den beiden ausgedehnten solistischen Ausflügen das Trio mit dem Pianisten und dem Bassisten ergänzen. Dann lacht der ansonsten ernst und konzentriert blickende Künstler. Der junge finnische Pianist Alexi Tuomarila besticht mit tastenden Single Notes ebenso wie mit abwechselnd fließendem oder sperrigem Spiel. Stanko selbst bricht beim abschließenden Up-Tempo-Stück in laute Jauchzer aus.

 

Die Trompete ist für ihn, der inzwischen in New York heimisch geworden ist, ein Mittel zur Erweiterung der menschlichen Stimme – lebendig und ausdrucksstark. Seine wunderbare Artikulation, sein Lyrizismus und seine messerscharfe Tonbildung sind kein Widerspruch, sondern bilden eine einzigartige Symbiose. Mit dem leicht rauen und verhangenen Ton sowie den klaren, stählernen Stakkati ist der Trompeter sofort identifizierbar. Das gilt für „Yankiels lid“ ebenso wie für „Cloud“.

 

Im Konzert in Rüsselsheim fesselt das Quartett die faszinierten Zuhörer auf der Hinterbühne des Theaters mit  beseelten, freien Balladen und Up-Tempo-Stücken des Doppelalbums „Wislaw“, zu dem sich Stanko von der Lyrikerin Wislawa Symboska inspirieren ließ. Vor allem aber präsentiert die Band zum Abschluss des ersten Sets das Titelstück der neuesten CD „December Avenue“ sowie im zweiten Teil die meisten anderen Kompositionen wie „Burning hot“, “The street of crocodiles“ oder „Young girl in flower“.

 

Das Publikum feiert den Trompeten-Star und sein Quartett stehend mit Ovationen und wird mit der Zugabe „Ballad for Bruno Schulz“ belohnt.

 

Die erste CD des seit 2012 aktiven New York Quartets„Wislaw“ erschien am 12. Februar 2013, die zweite CD „December Avenue“ ist seit kurzem auf dem Markt.

 

TheJazzPages

Text und Photographie von Klaus Mümpfer

 

 

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