Das New Sanctuary Trio in der Rüsselsheimer „Jazzfabrik“, 31.01.2017

02.02.2017 17:37 von jazz (Kommentare: 0)

 

Photo: Mümpfer

 

 

Eine Lärmorgie bricht über die Zuhörer in „Gennaio“ herein, ein orgastisches Kollektiv von wilder Trompete, drängendem Schlagzeug und verzerrten Gitarrenläufen. Ganz das Gegenteil ist der Febbraio“, eine lyrische Interpretation mit warmem, gedämpftem Trompetenton, zartem Schlagzeug-Klöppelspiel und filigranen Linien auf der Gitarre. Douglas steigt mit dem gestopften Blasinstrument in die hohen Lagen, während Ribot ostinate Akkorde zupft. Doch dann kommt der März ganz untypisch in rasenden Läufen auf dem verzerrten Saiteninstrument und mit attackierendem Spiel auf der Trompete. Hochenergetische Improvisation trifft auf instrumentalen Einfallsreichtum. Das Trio zitiert Petrowitch Mussorgski ebenso wie Carla Bley.

 

Kontrasten bestimmen die Stücke, die das Trio den zwölf Monaten widmet. Die Sommermonate läutet Susie Ibarra mit kleinen Glöckchen ein, Marc Ribot zupft seine Linien und lässt die Gitarre grummeln. Dave Douglas haucht zart in seine Trompete, pfeift ohne und mit dem Instrument, reckt es gen Bühnenhimmel. Der Gitarrist verliert sich in Bluesläufen. Zum Schluss bläst Douglas die Trompete triumphierend und nahezu hymnisch in Duo mit Ribot.

 

Lachend hebt der Trompeter und Komponist ein eng beschriebenes Notenblatt in die Höhe. „Eine Suite mit zwölf Sätzen auf einem Stück Papier“ verkündet der dem entzückten Publikum im intimen Rund der Hinterbühne des Rüsselsheimer Theaters. Das Werk des „New Sanctuary“-Trios Dave Douglas, der Schlagzeugerin Susie Ibarra und des Gitarristen Marc Ribot in der „Jazzfabrik“ besteht aus zwölf Stücken, die jeweils einem Monat des Jahres gewidmet sind. Die Gruppe interpretiert an diesem Abend eine teils energetische, teils lyrische neue Komposition des unermüdlich erfinderischen Douglas, improvisiert mit neuen Klängen und Ansätzen.

 

Improvisation setzt Freiheit voraus. Dave Douglas nutzt deshalb eine Pause zwischen den musikalischen Monaten zu einem politischen Statement. „Wir kommen aus New York. Wir sind Amerikaner, aber haben diesen Kerl nicht gewählt“, sagt er, ohne den Namen Trump ausdrücklich zu nennen. Doch die Botschaft ist eindeutig. „Ihr seid Mitglieder einer freien Gesellschaft. Dazu beglückwünschen wir euch.“

 

Dave hat nach den ersten Stücken die getönte Brille mit der weißen Fassung abgesetzt. Das Licht ließ er dimmen, nachdem er die Fotografen fragte, ob sie ihre Bilder „geschossen“ hätten. Der Bandleader ist eben ein höflicher Mensch, aber auch ein empfindsamer und konzentrierter Künstler.

 

Er bläst selbst aggressiv mit geschlossenen Augen, hört dennoch auf seine Partner. Ribot sitzt zumeist tief über seine Gitarre gebeugt, scheint den Tönen nachzulauschen. Ibarra lacht herzhaft über gelungene improvisationen, klopft mit Stöcken und Besen neben den Fellen auch die Korpusse der Trommeln oder streicht über die Becken. Die Spielfreude ist offensichtlich und wird von den zahlreichen Zuhörern mit offenen Ohren aufgenommen.

 

Das Publikum applaudiert begeistert, lässt sich von der spannenden und abwechslungsreichen Suite mitreißen. “Wir werden wohl im Januar oder noch besser im November wiederkommen“ flachst Douglas nach dem Konzert.

 

New Sanctuary ist ein Angebot auf der Greenleaf Music Subscriber Series. Die CDs können ausschließlich von Abonnenten von Greenleaf Music oder in den Konzerten gekauft werden. New Sanctuary wurde am 8. September 2016 veröffentlicht.

 

 

TheJazzPages

Text und Photographie von Klaus Mümpfer

 

 

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