Der
Swing-Pianist Paul Kuhn wagt sich an den Bebop-Giganten Sonny Stitt und
es gelingt ihm eines der Highlights an diesem mitreißenden
dreistündigen Konzertabend: Das schnelle "Stitt´s Tune"
eröffnet mit einem satten und präzisen Bläsersatz sowie vollem
Big-Band-Sound – obwohl nur zwei Saxophone, zwei Trompeten und eine
Posaune mit von der Partie sind. "Paulchen" sitzt am Klavier,
schlägt die Beine übereinander und führt die Band mit
sparsam-lässigem Akkordspiel in der Manier der großen Big-Band-Leader.
Trompeter Benny Bailey bläst eines jener Soli mit der typischen
geschmeidigen Phrasierung und dynamischen Kontrasten, Peter Weniger
greift in seiner Improvisation auf Melodievariationen zurück, bevor
sich Kollege Gustl Mayer zu einem expressiven, brodelnden Kampf mit ihm
und dem Posaunisten Jiggs Whigham einlässt. Dusko Goykovich greift
erstmals an diesem Abend zum Flügelhorn, das er auch in den kraftvollen
hohen Lage mit warmem Ton spielt, während Benny Bailey in dieser
traditionellen Runde der Solisten mit stählern gleißendem und
vibratoreichen Spiel in High-Note-Regionen steigt. Es ist ein
begeisterndes Finale, nachdem die mehr als 700 Zuhörer in der
ausverkauften Eckes-Halle von Nieder-Olm Paul Kuhn und die Band mit
stehenden Ovationen gefeiert hatte.
Begonnen
hatte das Konzert ganz konventionell mit der Erkennungsmelodie des
Swing: "It don´t mean a thing, if it ain´t got that Swing"
hatte Duke Ellington 1932 versichert und Paul Kuhn griff das Bekenntnis
2003 zum 75. Geburtstag in diesem Konzert des Jazzclubs Rheinhessen mit
seinem Trio freudig auf. "There is no greater love" von Isham
Jones zählt zu den lyrischsten Kompositionen des Swing. Gustl Mayer mit
dem dunklen Balladenton eines Ben Webster führt ein Zwiegespräch mit
Peter Weniger, der aus der lyrisch coolen Schule eines Lester Young
kommt. Doch wenn beide sich einen der an diesem Abend häufiger zu
hörenden Saxophon-Battles liefern, dann wird es kochend heiß wie bei
Eddie Lockjaw Davis. Leicht überblasene Stakkati und Ostinati mit
Melodiekürzeln würzen die Duos. Posaunist Whigham besticht mit seinem
voluminösen warmen Ton und biegsamer Phrasierung, mit seinen
druckvollen Fanfarenstößen. In Greens berühmter Komposition
"Body and soul" bläst Weniger nicht nur in der für ihn
typischen Ambivalenz von Expression und Verinnerlichung, er überrascht
mit kurzer Mehrstimmigkeit auf dem Instrument. Paul Kuhn besticht in
diesem Duo mit sparsamem Akkordspiel und Single-Note-Kürzeln.
"Home" scheint Bailey auf den Leib geschrieben zu sein. Der
warme, leicht heisere Ton schlägt plötzlich in stählernen Glanz um -
und Bailey zitiert zu Freude der Zuhörer ein paar Takte "When the
Saints". Schließlich wagt sich Kuhn an Thelonious Monk, den
Exzentriker des Bebop, und arrangiert "Well you needn´t" auf
seine humorvoll lässige Art. So bekommt die bizarre Klanglichkeit Monks
ein neues Gesicht, ohne seinen Charakter zu verlieren.
Bei
einem Geburtstagskonzert von Paul Kuhn darf die Sängerin Greetje
Kauffeld nicht fehlen. Zum sanften Begleitspiel des Trios mit Paul Kuhn,
dem Bassisten Paul Ulrich und dem Schlagzeuger Willy Ketzer
interpretiert sie einfühlsam die Ballade "My funny Valentine"
oder im Duo mit Kuhn "Young at heart". Ihre biegsame
Phrasierung und Wärme hat nichts an Ausdruckskraft und Charme verloren.
All dies verbindet der routinierte Entertainer und Altersjubilar Kuhn mit verschmitztem Lächeln und humorvollem Geplauder. Mit 75 ist "Paulchen" vielleicht ein bisschen weiser geworden, besitzt nach wie vor musikalische Ausstrahlung. Das Ur-Gestein des deutschen Nachkriegs-Jazz hat nicht – wie etwa Albert Mangelsdorff – den Schritt in die Moderne getan. Er ist dem Swing verbunden geblieben und spielt ihn vital wie eh und je.