„Composer´s
Voice“ – die Stimme des Komponisten. Sie klingt verspielt mit einem
Touch von Romantik und Melancholie in den Piano-Solo „Liebeslied für
Susanna“ – mit einer Einleitung von der schlichten Schönheit eines
Volksliedes. Die Stimme schreit aber auch ekstatisch und voller Kraft
wie in „Persona“ oder in der Zugabe „White“ an diesem Abend beim
Konzert der Rüsselsheimer Jazz-Fabrik in der alten Opel-Werkshalle. Die
Stücke von Composer´s Voice leben von der äußerlichen Polarisierung:
Auf der einen Seite der Bandleader und Pianist Andreas Hertel, der wie
seine Solo-Komposition belegt, eher der Romantik und Melancholie
zuneigt, auf der anderen der frei pulsierende und aufrührerische
Schlagzeuger Jörg Fischer. Verstärkt wird dieses Spannungsfeld durch
die innere Polarisierung, denn Hertel beherrscht und verwendet auf dem
Piano ebenso das sperrige Akkordspiel in der Tradition des Thelonious
Monk, während Fischer durchaus auch einfühlsam seine Trommeln und
Becken swingen lassen kann.
Zwischen
diesen Polen bewegen sich der Saxophonist Alexander Beierbach mit seinen
coltranenesken, traditionsverbundenen, fließenden Linien auf dem Tenor-
und dem Sopransaxophon sowie Uli Holz, der einen erdig klingenden
Kontrabass zupft. Beierbach bleibt auch im Powerplay-Spiel stets leicht
gezügelt, spielt voller Energie, aber nicht expressiv überblasen. So
hat er seinen eigenen Ton gefunden. Holz gestaltet in seinen Soli die
Melodielinien mit vielen harmonischen Verschränkungen und schafft in
Duos mit dem Schlagzeuger reizvolle metrische Gegenläufigkeiten.
„Koans“ meint im Zen-Buddhismus ein unlösbares aphoristisches Rätsel.
Näher am Bebop als an der fernöstlichen Philosophie, führen Ostinati
auf dem Piano unter den Rhythmusfiguren des Schlagzeugs in das Stück
mit den schnellen Sopransaxophonphrasen. Die Kombi-Komposition „Räume/Traumgestalten“
ist typisch für die Integration von Tradition und Avantgarde, mit
rhythmisch ungebundenem Spiel aus dem sich metrische Formeln entwickeln,
mit sonoren Tenorsaxophon-Linien, kraftvollem Akkordspiel auf dem Piano
sowie Spannungsbögen und Intensitätswellen.
Composer´s Voice schafft eine innere Widersprüchlichkeit, die dennoch die in sich geschlossenen Kollektive nicht stört. In der nüchternen Umgebung der Werkshalle genießt der Zuhörer die langgezogenen singenden Linien auf dem Sopransaxophon, die schnellen Single-Note-Läufe in den Höhen über den akzentuierten Bassgriffen auf dem Piano, das stets pulsierende Schlagzeug und den in der Begleitung straight laufenden Bass.
Lyrisch verspielte, balladeske Kompositionen wechseln sich mit schnellen, meist swingenden Stücken ab. Die Musiker verlieren die Tradition nicht aus Augen, reichern sie aber mit Modal-Jazz und freien Improvisationen an, weiten so die Klangräume aus. Diese Freiheitsbewegung hat sich in den zurückliegenden Jahren verstärkt. Die Kompositionen Hertels führen die so unterschiedlich ausgeprägten Musiker zusammen und lassen ihnen zugleich ausreichend Freiraum für ihre individuellen Stimmen. Es gilt eben nicht nur „composer´s voice“ in diesem Quartett.