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Amok Amor in der Jazzfabrik Rüsselsheim, 10. Mai 2016

12.05.2016 10:10 von jazz (Kommentare: 0)

 

 

Foto: Mümpfer

 

Mit dem Quartett „Amok Amor“ ist ein Team herangewachsen, das den Vergleich mit den Stars aus Amerika nicht zu scheuen braucht und seine eigenständige Spielweise gefunden hat. Gewiss, es gibt Wiederholungen in den lyrischen Zwischenspielen des Saxophonisten oder den Stakkato-Läufen des Trompeters, doch sie ermüden nicht, weil sie immer wieder in überraschende Unisono-Passagen oder Altsaxophon-Shoutings mit Bass-Drum-Akzenten einmünden. Zeitweilig jagen sich die Bläser Peter Evans an der Trompete und Wanja Slavin am Altsaxophon in ihren Ruf-Antwort-Spielen, zupft der Bassist Petter Eldh rasante gradlinige und zugleich harmonisch reizvolle Solo-Linien und trommelt der Schlagzeuger Christian Lillinger polyrhythmische Breaks auf den Snares und Toms.

 

Evans bläst mit Zirkular-Atmung auf der Trompete allein oder im Duo mit Slavin ein hochtouriges Schnattern und lässt die Ventile seines Instruments flattern. Die beiden Bläser umspielen sich, die Linien driften auseinander und finden sich dennoch immer wieder in Unisonos oder Crescendi.

 

„Diese Musik wird noch lange in mir nachwirken“, sagt nach dem Konzert von „Amok Amor“ in der Rüsselsheimer „Jazzfabrik“ ein jazzender Saxophonist. Noch die Komposition „Pulsar“ des Amerikaners Peter Evans im Ohr, schwärmt der Besucher von der perfekten Zirkularatmung des Trompeters und den ausdrucksstarken Free-Eruptionen des Saxophonisten Wanja Slavin, die so sehr an die Läufe des Musikers und Free-Jazz-Pioniers Ornette Coleman erinnern, denkt man an die „Change of Century“ aus dem Jahr 1959.

 

Ist es die schiere Virtuosität, die Beherrschung der Instrumente, des Zusammenspiels und des Ideenflusses, dem sich die Musiker von „Amok Amor“ so kreativ und spannend überlassen? Die unterschiedlichen musikkulturellen Hintergründe des deutsch-schwedischen-amerikanischen Quartetts stehen der Geschlossenheit, inneren Logik und Sensibilität in der Kommunikation keineswegs entgegen. Es muss die Offenheit gegenüber den Partnern und deren Seelenverwandschaft sein, die dies ermöglicht. Der Zuschauer bemerkt natürlich die spontanen Absprachen zu Einsätzen und Improvisationen während der langen, fast halbstündigen Stücke. In „Manipulieren 2“, „Resistance“ und „Pulsar“ spielt das Quartett auch bei hohen Tempi festgelegte Patterns, bewegt sich die Rhythmus-Gruppe seltener metrisch frei.

Diese Form des Jazz ist intelligent und energetisch, neutönerisch und gleichzeitig respektvoll gegenüber der Tradition. „Amok Amor“ beweist, wie der Jazz im 21. Jahrhundert klingt: große, geradezu überschäumende Technik, engmaschige Verzahnung der Stimmen, rhythmische Rasanz und Vielfalt der Stilistik. Die Musiker erkunden mit jedem Ton Grenzgänge im Niemandsland zwischen Komposition und Improvisation.

 

Zum Ende des Konzertes outet sich Christian Lillinger. Wer ein Stück nach den „Sons of Engels“ des kinderlosen Friedrich Engels und Karl Marx benennt, wer eine Komposition  „Als Sozialist geboren, als Sozialist sterben“ tauft, der zeigt so viel Selbstironie, dass er irgendeine „Haltung“ mit seinem Kunstwerk nicht verbinden muss.

 

Das Publikum wird durch eine Zugabe belohnt und hat nach dem Konzert Gelegenheit, mit den Musikern Gespräche zu führen.

 

„3sat“ hat das Konzert für eine Dokumentation über „Amok Amor“ mitgeschnitten. Der Film wird im Herbst ausgestrahlt.

TheJazzPages

Text und Photographie von Klaus Mümpfer

 

 

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