
„Ich verweigere mich nicht den Melodien, nur weil ich auch wildere
Dinge spielen möchte“, hatte Henri Texier nach der Gründung seines
„Strada Sextetts“ versichert. Beim Konzert der „Jazzfabrik“ in
Rüsselsheim belegten eine Suite mit „Sacrifice“, „Solo du clown“,
„S.O.S. mir“, „Flaque Lune“ und „Sacrifice d´eau“ auf der einen Site
sowie eine sanfte, melodiöse Zugabe Sommeil Chillou“ diese Offenheit
des Bassisten, der als die „knorrige Eiche des französischen Jazz“
zu Weltruhm kam. In der Tat ist sein Bass-Spiel erdig und voluminös
und vor allem percussiv, aber auch harmonisch verzwickt mit vielen
überraschenden Wendungen und Verzierungen. Henri Texier nimmt die
Doppelrolle des Bassisten, Harmoniegerüste zu schaffen und zugleich
Rhythmusgeber zu sein, vollendet wahr. „Meine Ausgabe ist es, die
Band zusammenzuhalten“, sagt er, weist aber dem Schlagzeuger die
treibende Rhythmisierung zu.
Die
komplexen und verschachtelten Kompositionen offenbaren auch die
stilistische Bandbreite der Strada-Formation, die in Rüsselsheim
wegen eine Unfalls des Posaunisten Gueorgui Kornazov nur als
Quintett auftrat. In seinen Kompositionen bezieht Texier
afrikanische und asiatische Musikulturen ein, explodiert in
Free-Jazz-Eruptionen oder schwelgt in der Folklore seiner keltischen
Heimat. Vor allem seit der Zusammenarbeit mit dem Klarinettisten
Louis Sclavis und dem Schlagzeuger Aldo Romano im Trio „Carnet de
routes“ steht für diese Verbindung aus französischen Wurzel und
zeitgenössischem Jazz der Begriff „folklore imaginaire“ und Henri
Texier ist einer der herausragenden Persönlichkeiten dieses Stils.
In den freien Kompositionen und Passagen fasziniert der Gitarrist
Manu Codjia mit Technik und Ausdruckskraft, die sich in fließenden
Singlenote-Linien ebenso artikuliert wie in flirrenden
Bottleneck-Glissandi. Mal experimentiert der Gitarrist in flächigen
Sounds, dann wiederum übernimmt er in Akkordreihen das Thema von den
beiden Bläsern, die mit Zweistimmigkeit und Uni-Sono-Passagen
oftmals den hymnischen Gruppenklang bestimmen. Texiers Sohn
Sebastien bläst auf dem Altsaxophon nervöse Stakkati, lässt im Duo
mit dem Baritonsaxophonisten Francois Corneloup der Klarinette
geschwätzig plappernd ihren Lauf, bevor beide nach einem
Ruf-Antwort-Spiel gemeinsam ihre Instrumente aufschreien lassen.
Reizvoll kontrastierend folgt auf ein schnelles, aggressives
Altsaxophon-Solo von Texier Junior ein sonor-balladesker Ausflug des
Baritonsaxophons von Corneloup, bevor dieser dann mit steigender
Intesität in die High-Notes steiget. Währenddessen zupft Texier auf
dem Bass Ostinati oder flink marschierende Lines. Mal greift er in
die Seiten unterhalb des Stegs, klopft die Strings mit einem Stöcken
oder zupft höchste Töne neben den Stimmschrauben.
Dazu liefert der ausgewiesene Hochgeschwindigkeits-Schlagzeuger Christophe Marquet unermüdlich das rhythmische Fundament liefert. Er pendelt stetig zwischen afrikanischer Trommelkunst, durchlaufenden Jazz-Beats, polyrhythmischen Ausflügen und freiem „pulse“. Sein perkussives Feuer bilde zusammen mit dem wuchtigen und dennoch hochflexiblen Kontrabass-Spiel den organischen Herzschlag der Gruppe, formulierte kürzlich ein Kritiker. Die Zuhörer der Jazzfabrik begeistern sich für diese mitreißende Kreativität ,die diese Begegnung von Texiers Altersreife und jugendlichem Powerplay der Mitspieler auszeichnet.