Klaus Muempfer Jazznotizen


Alexander von Schlippenbach-Trio auf „Winterreise“ in
der Rüsselsheimer Jazzfabrik, 1. Dezember 2009



Stetiger Energiefluss prägt die Improvisationen des Trios von Alexander von Schlippenbach. In den eruptiven und schnellen Passagen sowieso. Aber auch in den hingetupften Single-Notes des Pianisten, in Paul Lovens sparsamen Schlägen der Sticks auf den Trommelrand sowie in den gehauchten Akkorden und den Atemgeräuschen Evan Parkers auf dem Tenorsaxophon verbirgt sich eine drängende Kraft, die sich schließlich in rasenden Akkordschichtungen auf dem Flügel, in schreienden Stakkati auf den Saxophonen und in pulsierendem Spiel auf den Becken Bahn bricht. Das Schlippenbach-Trio hält das Publikum beim Konzert der Rüsselsheimer „Jazzfabrik“ im Theater bis zum kollektiven Finale in Bann.

Dichte, komplexe und vielschichtige Kollektive kennzeichnen die Musik des Trios, das seit nunmehr fast 40 Jahren mehr Standfestigkeit und kollektives Improvisationsverständnis zeigt, als alle anderen Free-Jazz- Formationen. Auf seiner „Winterreise“ spielt das Trio in Rüsselsheim auch Themen aus der gleichnamigen CD und belegt, dass freies Spiel nicht durch gemeinsame Erfahrungen der Mitwirkenden an Spontaneität und Kreativität verlieren muss, wie der Posaunist und Avantgardist Vinko Globokar einmal behauptet hat. So hebt das Konzert mit rasenden Akkordvariationen auf den Flügel an, die mit ihrer Ostinato-Wirkung Spannung erzeugen. Lovens unterlegt sie mit einem drängenden Pulse, reibt die Stöcke quietschend auf den Becken, während Parker das Tenorsaxophon in Stakkati schnattern lässt. Der Energiefluss der Drei wird immer dann unterbrochen, wenn sich einer – in der Regel Evan Parker - aus dem Kollektiv zurückzieht und einer Interaktion des verbleibenden Duos Platz macht. Klanglich und dynamisch starke Veränderungen sind die Konsequenz. Von Schlippenbach und Lovens stellen sich auf Ruf-Antwort-Spiele ein, die vor allen der Pianist durch Augenkontakt mit dem Schlagzeuger steuert und die er durch Mitsummen vorbestimmt.

Im zweiten Set des Konzerts schlägt von Schlippenbach mit einem weichen Klöppel die Saiten im Innern des Flügels an und variiert die Töne mit dem Pedal, während Parker in seinem Saxophon den Atem stehen lässt und die Klappengeräusche des Instruments einfügt. Lovens schlägt kleine Metallplättchen, bevor der Pianist zu zarten Single-Notes auf dem Piano überleitet, aus denen sich kraftvolle Akkorde sowie rollende Bassfiguren entwickeln. Kurze lyrische Linien werden von kraftvoll angeschlagenen, sperrigen Akkordschichtungen abgelöst, die von explosiven Saxophonstakkati und Powerplay auf den Trommeln und Becken begleitet werden.

Es hieße wohl einen falschen Maßstab anzusetzen, wenn der Zuhörer in einem Konzert des Trios noch nie Gehörtes erwartete. Dass Parker auf dem Sopransaxophon in endlos kreisenden Läufen seine perfekte Zirkularatmung zelebriert, desillusioniert keinen der Zuhörer, weil dies in einem Kontext gemeinsamen Spiels steht. Es ist gerade das uneingeschränkte Verständnis der Musiker im Zusammenspiel, das so sehr fasziniert, weil es dennoch immer wieder neue Interaktionen auf der Basis der gemeinsamen Erfahrungen ermöglicht. Die Musiker atmen kollektiv und bauen gemeinsam pulsierende Spannungsbögen, die sich oft in sanftem Solospiel auflösen. Das gemeinsame Gestalten verhindert dabei auch in den nicht spontanen Kollektiven jegliche Routine oder Ritualisierung.

Text & Photographie Klaus Muempfer im Dezember 2009

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