
Text & Fotografie: Klaus Mümpfer
Die leise, getragene Melodie auf dem Bandoneon schwillt an.
Cello und Tenorsaxofon greifen das Thema auf, führen es fast
klassisch klingend mit verhaltener Melancholie fort, um in einem
beseelten Trio-Klang sensibel aufeinander zuzugehen. „Musik ist
Kommunikation ohne Worte“, sagt der Bandoneon-Virtuose Dino
Saluzzi. „Sie ist nicht das Notenbuch, Musik ist Leben.“ Saluzzi
erzählt von seinem Instrument, das ihm der Vater geschenkt hat,
als er gerade sieben Jahre alt war. Er spricht von dem Gefühl
der Dankbarkeit und Anerkennung für die einfachen Leute seiner
Anden-Heimat, lässt die Knöpfe des Bandoneon klappern und den
Balg seufzen. „Ich liebe den Tango“, hat er stets betont. „Doch
ich muss ihn überwinden, um Neues erzählen zu können.“ Im voll
besetzten Frankfurter Hof demonstriert der Künstler dem
andächtig lauschenden Publikum die unterschiedlichen Stilformen
des Tangos, den er selbst als „Tango Libre“ für die Begegnung
mit anderen Klangwelten und Kulturen geöffnet hat. Es scheint,
als ob der Tango in der Klangwelt Saluzzia aufgegangen ist.

Das Programm „Navidad de los Andes“, mit dem er, sein Bruder
Felix an Tenorsaxfon und Klarinette sowie die Cellistin Anja
Lechner, die Zuhörer in Bann ziehen, bezieht weitab von den
Tango-Klischees Jazz und Klassik in eine Klangwelt ein, die
leise und zeitweilig hauchend mit der Intensität der Winde in
den Anden verglichen wird. Immer wieder wird die Harmonie mit
der Disharmonie des „Tango nuevo“ aufgebrochen, wird der Fluss
der Melodie durch die Sprunghaftigkeit des Tango Rhythmus
unterbrochen. „Trio Lech“ ist eine solche Komposition, die beim
Ojos Negros-Konzert in Lech entstand. In ihr fließen nach einem
stilübergreifenden Solo der Cellistin freier Jazz,
Tango-Folklore und E-Avantgarde zusammen. Bandoneon, Cello und
Saxofon/Klarinette entwickeln aus melancholisch wirkenden
Harmonien filigran schwingende mehrstimmige Passagen, fein
dosierte Dissonanzen sowie weite Melodiebögen. Während Anja
Lechner das Cello percussiv streicht oder zupft, greift Saluzzi
das Bandoneon zurückhaltend mit hohen Akkorden oder lässt das
Instrument verhalten schmauchen. Bruder Felix bläst in „Soledad“
das Tenorsaxofon mit sonorem, fast sakralem, Ton. In sensiblen
Duos griffen jeweils zwei Musiker Melodien aus „Orfeo Negro“
auf. Saluzzi klopft auf dem Korpus des Bandoneons, Lecher
streicht das Cello mit Vibrato. Die Musik wechselt von beseelter
Melodik zu treibender Rhythmik und zurück.
Dass Saluzzi ein begnadeter Geschichtenerzählen ist, zeigt sich
schon zu Beginn der Konzertes in „Ronda de ninos en la Montana“.
Mit seinem Bruder hat er seit der Kindheit musiziert. In Anja
Lechner, die aus dem legendären Rosamunde-Quartett zu ihm stieß,
hat Saluzzi eine Partnerin gefunden, die ebenfalls Grenzen
überschreitet, virtuos improvisiert, aber auch in freien
Passagen ihren unverwechselbaren klaren und warmen Ton bewahrt.
Klaus Mümpfer