
Der inzwischen fast 40 Jahre alte Trompeter Roy Hargrove hat die
Geburt des Bebop selbst nicht erlebt, bleibt aber nach Ausflügen in
Hip-Hop, Funk und anderen Jazz-Ableger tief in der Tradition
verwurzelt. Die ersten Stücke des Konzertes im Rüsselsheimer Theater
deuten auf einen eher unspektakulären Abend hin, doch dann
überrascht das glänzend eingespielte Quintett beim Auftritt im
Rahmen des Rheingau Musik Festivals und in Verbindung mit der
Rüsselsheimer Jazzfabrik mit aufregenden Soli und Kollektiven, die
den souveränen Umgang Hargroves mit dem Bebop verraten, auch wenn
die Abläufe oftmals konventionell und vorhersehbar angelegt sind.
Fließend wechselt der gereifte, selbstbewusste Trompeten-Star von
samtiger Eleganz und aus mittleren Lagen in jubelnde sowie
gestochene und stählern gleißende Highnote-Lagen.
Assoziationen
an Clifford Brown und Maynard Ferguson lassen sich ebenso wenig
verdrängen wie die an Hargroves Entdecker, den Neo-Traditionalisten
Wynton Marsalis. Dass Nachfahr nicht gleichbedeutend mit Epigone
sein muss, beweist der Texaner nachdrücklich. Sein Gespür für
Extravaganz setzt seine Kompositionen – auch wenn sie
Bebop-Standards harmonisch wie rhythmisch nahestehen – in einen
neuen Kontext. Dies ist zudem ein Verdienst des glänzenden Pianisten
Jonathan Batiste, der mit perlenden Singlenote-Ketten und rasenden
Akkordläufen ebenso besticht wie mit tastenden Lyrismen, wenn
Hargrove in sanften Balladen zum Flügelhorn greift und puren
Wohlklang pflegt. Dann schwelgt der Trompeter in lang geschwungenen
Melodiebögen, zu denen die Rhythmusgruppe entspannt swingt.
Mit bestechend harmonischer Raffinesse grundsätzlich in tiefen Lagen
geerdet, greift Bassist Ameen Saleem in seinen Soli die Saiten –
eine Fähigkeit, die trotz hervorragender technischer Abmischung in
der straight marschierenden Begleitung leicht überhört wird.
Pulsierend und kraftvoll treibt Drummer Montez Coleman das Quintett
vor sich her, zeigt seine polyrhythmische Kunst zuweilen in
Solopassagen des Trios mit Bass und Piano.
Wie sehr sich Hargrove und sein Quintett über die Bebop-Tradition
hinaus emanzipiert haben, belegt das Up-Tempo-Stück „comrade“ zum
Beginn des zweiten Sets. Das Quintett pulsiert ungebunden,
integriert Elemente des freien Jazz. Vor allem Saxophonist Justin
Robinson lässt sein Instrument in überblasenen Stakkato-Läufen
aufschreien und röhren, wechselt nahezu nahtlos aus Tiefen Lagen in
die höchsten Lagen, spielt eruptiv und sinnlich. Traumhaft sicher
und sensibel aufeinender abgestimmt erklingen die Uni-Sono-Passagen
von Altsaxophon und Trompete sowie die zweistimmigen Duette, in
denen die beiden Musiker einander umspielen und die Melodielinien
verweben. Andererseits überrascht Hargrove mit Kontrasten, wenn er
attackierenden Saxophonläufen sanfte Trompetenläufe entgegen setzt.
Zum Abschluss reißt das vor Spielfreude strotzende Quintett das Publikum im Rüsselsheimer Theater mit einem groovenden Blues von den gepolsterten Sitzen und schließlich sorgt Pianist Batiste mit Zitaten aus Rag und Boogie sowie sperrigen Akkordschichtungen in der Tradition eines Thelonious Monk für ein humorvolles Glanzlicht, das Hargrove mit einem expressiven Solo in den Highnotes toppt.
