
Text & Fotografie: Klaus Mümpfer
Boogie Woogie-Pianisten müssen ein wenig verrückt sein. Sie
widmen sich mit Leidenschaft ein Leben lang zwölf Takten. Boogie
Woogie-Pianisten müssen zudem ein wenigschizophren sein. Denn
sie spielen mit zwei völlig unabhängig agierenden Händen. Die
linke Hand verselbstständigt sich, weil das, was die rechte tut,
viel zu kompliziert ist, als dass die Basshand noch auf sie
hören könnte. Die rollenden Bässe werden oft mit stetig
wiederholten Riffs und akzentuierten Patterns gegriffen. Die
Rechte legt darüber die melodischen und bluesorientierten
Figuren mit verzierenden Trillern sowie schnellen Notentrauben
in den teilweise höchsten Lagen des Flügels.
Beim Konzert der „Masters of Boogie Woogie“ in der nahezu
ausverkauften Sängerhalle im rheinhessischen Saulheim lauschte
das Publikum gleich drei verrückten und schizophrenen Musikern.
Altmeister Axel Zwingenberger, der frühere Barrelhouse-Pianist
Jan Luley und der junge Michael van den Valentyn spielten auf
Einladung des Jazzclubs Rheinhessen solistisch, im Duo oder Trio
an zwei Flügeln und improvisierten zum Finale gleich zu dritt
auf einem Instrument.
„Boogie Woogie ist ein schnell gespielter Blues“, erläuterte zum
Beginn des mitreißenden Konzerts Jan Luley. Was könnten die
besser und einleuchtender illustrieren als der getragene und
leicht melancholische „How Long Blues“, ein achttaktiger
Standard, sowie der nachfolgende, schier endlose „Boogie du
printemps“ aus der Feder Axel Zwingenbergers.
Wann immer das Publikum glaubt, es seien nun alle Figuren und
Variationen ausgereizt, dann schüttelte Zwingenberger
verschmitzt lächelnd, weitere aus den rasenden Fingern.
Während beim Blues Stimmung und Obertöne mitklingen, wird beim
schnellen Boogie das Pedal fast nie benutzt, was die Musik ein
wenig metallisch klingen lässt. Dafür tappen die Pianisten auf
dem vibrierenden Holzboden der Bühne. Der Rhythmus geht in die
Füße, lässt die Zuhörer mitwippen. Rasende Solo-Einlagen belohnt
das Publikum mit spontanem Applaus. Jan Lulay wirft dann den
Kopf mit dem schwarzen Hut in den Nacken und lacht breit,
Zwingenberger lächelt noch breiter und Valentyn nimmt die Gunst
fast ein wenig verlegen entgegen.
Das an sich schon schwierige Spiel auf den schwarzen und weißen
Tasten muss in den Duo- und Trio-Stücken zudem in „Time“
präzisiert und synchronisiert werden. Da erscheint es fast
zwingend, dass die „Masters of Boogie Woogie“ gerade in den
Trios vor allem improvisieren. Das erleichtert einerseits das
Zusammenspiel, erfordert aber besonders sensible und souveräne
Interaktionen. In „When you are smiling“ zitiert Valentyn mal
kurz „Satin Doll“. Jan Luley geht in einem Medley mit
Kompositionen die James „Little“ Booker, der „Prince of
New-Orleans-Piano“ genannt wurde, mit wuchtigen Bass-Akkorden
und kreisenden Melodiefiguren in den Höhen an, singt in „The
Sunny Side of the Street“. Claude Luters „Creole Jazz“ spielen
die Musiker in einer Boogie Fassung mit eingeschobenen
kreolischen Rhythmen. Über „Margie“ mit dem hohen
Wiedererkennungswert für das Publikum, improvisierten Lulay und
Valentyn in rasenden Läufen. Dass die begeisterten Zuhörer
besonders nach der gelungenen Improvisation der drei Pianisten
an einem Flügel die Musiker nicht von der Bühne lassen wollten,
konnte nicht verwundern.