
„Drei Stunden Jazz im Doppelpack. Zwei kontrastierende
Jazzwelten. Sanft und introvertiert die amerikanische Jazzsängerin
Stacey Kent, funky expressiv der Trompeter und Flügelhornist Nils
Wülker. Und dennoch gibt es Gemeinsamkeiten, wenn es um Melodiosität
und Wärme geht.
Bar-Jazz nannte man die intime und relaxte Form früher, Lounge
klingt heute cooler und weniger abwertend. Geschadet hat dieser
swingende Jazz der Musik eigentlich nie. Heute kultiviert Stacey
Kent jene filigrane Melancholie mit klarer und nur untergründig
brüchiger Stimme. Neben die Standards aus dem Great American
Songbook sind inzwischen Kompositionen getreten, die ihr der
Saxophonist, Komponist und Ehemann Jim Tomlinson auf den zierlichen
Leib geschrieben hat, zu Texten die der britische Schriftsteller
Kazuo Ishiguro lieferte. Beim Konzert in Mainz rissen diese sanften
Pop-Jazz-Preziosen das Publikum zu anhaltenden Beifallstürmen hin.
Da stand die Sängerin mit dem eigenwilligen, aber an Billie-Holiday
erinnernden Timbre in der Stimme, der ausgefeilten Jazz-Phrasierung
und der dramaturgisch geschickten Einbeziehung von Gesangspausen auf
der Bühne des Frankfurter Hofes, der mit seiner besonderen
Atmosphäre die Intimität des Auftrittes unterstreicht. Louis
Armstrongs „What a wonderful world“ interpretiert Stacey Kent auf
eine erfrischende Weise ebenso neu wie eine Jobim-Komposition oder
ein französisches Chanson. Ganz so, wie sie es auch auf ihrer neuen
CD Breakfast On The Morning Tram“ auf faszinierend anrührende Weise
tut.
Die Amerikanerin weiß, wie sie Brücken zu ihrem Publikum schlägt.
Ihre charmant unbeholfene Moderation in deutscher Sprache weckt
Emotionen, die die Zuhörer für ihre Musik und ihre Texte öffnen.
Vielleicht hilft es auch, dass ihre Songs – wie sie selbst sagt –
„traurig und optimistisch zugleich sind“. Und so springt der Funke
schon über, als Pianist Graham Harvey mit ein paar hingetupften
Single-Notes das Konzert eröffnet und Stacey Kent sanft swingend zur
streichelnden Besenarbeit des Drummers Matthew Skelton ihre Stimme
erhebt. Im Hintergrund zupft David Chamberlain „straight“ laufende
Basslinien. Später kommt Jim Tomlinson hinzu, dessen sonores
Tenorsaxophon-Spiel in der guten Tradition der amerikanischen
Balladen-Altmeister verwurzelt ist.
Ein Song, in dem der deutsche Trompeter Nils Wülker aus dem zweiten
Teil des Doppelkonzertes begleitet, lässt erkennen, wie tief Stacey
Kent und ihr Quartett im Jazz verwurzelt sind. Der gemeinsame
Auftritt weckt auch Erwartungen, die Wülker mit Jens Dohle am
Schlagzeug, Lars Duppler am Keyboard, Christian von Klaphengst am
Bass und vor allem dem Altsaxophonisten Jan von Klewitz erfüllen
kann. Stark rhythmusbetont, treibend und funky, mitunter auch
groovend präsentiert das Quintett eine mitreißende Musik zwischen
Bebop und elektronischem Jazzrock mit leichter Pop-Orientierung.
Gewiss, Wülker besticht auch auf dem Flügelhorn mit warmem und
rundem Balladen-Ton von hymnischer Wirkung, gefällt aber besonders
in „Looking up“ beim zweistimmigen Duo mit dem gewitzten und
improvisationsfreudigen Saxophonisten. Balladen spielt er ohne
sentimental zu werden, funky Jazz und Bebop ohne übertreibende
Expressivität. Der 31-Jährige ist ein exzellenter Techniker, der die
Perfektion der Intrumentenbeherrschung der Komposition dienlich
einsetzt und nicht zum Selbstzweck. Vital und kraftvoll klingen die
ausgefeilten Arrangements der erfrischenden Eigenkompositionen. Kein
Wunder, dass das gleiche Publikum, das zuvor die leisen Klängen den
Kent-Gruppe feiert, auch Wülker zu Zugaben zwingt.