Sprache kann wie Musik sein. Der Begriff „Sprachmelodie“ legt
nahe, Gedichte zu vertonen - zumal diejenigen von Hermann Hesse,
dessen Lyrik so stark der Romantik verpflichtet ist, dass ein
Komponist in Versuchung gerät, sie in Romantizismen zu betten.
Die Komponisten und Multi-Instrumentalisten Gernot Blume und
Julie Spencer widerstehen in ihrem Programm „In den Sand
geschrieben“ dieser Verlockung. Blume hat auf jedes Gedicht ist
eine Melodie zugeschnitten, die den Charakter und die Stimmung
sowie die Aussage des Dichters trifft. Bei der geschickten
Auswahl von 19 Gedichten aus dem überaus reichen Werk des
Schriftstellers ist so für thematische wie musikalische
Abwechslung gesorgt – zumal in Blumes Kompositionen neben
Klassik und Romantik auch Jazz, Blues, Soul und Folk einfließen.
Hesse selbst soll zwar einmal geäußert haben, dass ein Gedicht
wenig Wert sei, wenn es die Vertonung nötig habe. Dessen
ungeachtet wohnt seinen Gedichten eine Melodik inne, die es wert
ist, aufgegriffen zu werden.
Viele Künstler haben sich an die Vertonung von Hesses Dichtkunst
gewagt. Das reicht von der legendären Berendt-Produktion mit
Peter Michael Hamels Ensemble „Between“ über die
Lyrik-Bearbeitungen des Komponisten-Duos Richard Schönherz /
Angelica Fleer oder des Sängers und Gitarristen Anselm König bis
zu der 13-jährigen Milene Weigert anlässlich eines
Hesse-Symposiums. Das Programm von Blume/Spencer nimmt in dieser
Reihe einen herausragenden, eigenständigen Platz ein.
Tonkunst, so schreibt Keith Murray in einer Abhandlung „Hermann
Hesse und die Musik“ ziehe sich als ein wichtiges, wenn auch
widersprüchliches Element durch das gesamte Werk des Mannes, der
Höhenflüge und Depressionen, Spiritualität und Polit-Realismus,
Liebes-Schwärmerei und Suizid-Vorstellungen durchlebt hat.
Themen wie Geist und Seele, Individuum und Gesellschaft greifen
Blume und Spencer in ihrem auf das Jahr 2008 zurückgehenden
Programm auf. Musikalisch kontrastieren perlende und zarte
Harfenklänge mit wuchtigen Akkordschichtungen auf dem für diese
Dramatik besonders im Volumen geeigneten Bösendorfer Flügel in
der Binger Villa Sachsen, wenn Blume die Melodie führt.
Julie Spencers filigrane Vibraphon-Sounds heben sich von
expressiveren, und zugleich sonoren Läufen Carl Clements auf dem
Sopransaxophon ab. Für schwebende Sounds sorgt Spencer mit
feinem Bogenstrich auf den Becken und den Klangplatten des
Vibraphons, für leichtfüßige Percussion mit den Besen auf
Trommeln und Congas. Neben der hellen Kopfstimme der Sopranistin
Spencer überzeugt die 1991 geborene Deutsch-Äthiopierin Menna
Mulugeta mit einer warmen Altstimme mit angepasster Dynamik von
leisen Passagen bis zu kraftvollem Shouting. Hesses Gedicht
„Abschied“ interpretieren die Künstler jazzig swingend mit
groovendem Schlagzeug und Bop-Phrasierung auf dem
Sopransaxophon. Andere Vertonungen lehnen sich eher an das Folk-
und Liedermacher-Genre an
Der Komponist Blume hat bei der Vertonung zwar den melodischen
Rahmen vorgegeben, den Mitspielern jedoch Freiraum für
Improvisation gelassen. Diesen nimmt der Pianist in Anspruch,
wenn er „Im Grase liegend“ mit dramatischer Intro aufs Thema
hinführt, bis Spencer und Mulugeta mit sirenenhaften
Duo-Vokalisen den Text ergänzen. Oder wenn in „Heiland“ Blume
auf der Gitarre seine Akkorde greift, Clements auf dem Saxophon
eine expressive Passage einschiebt, Spencer auf den Congas den
Rhythmus intensiviert und Mulugeta kraftvoll die Stimme erhebt.
„In den Sand geschrieben“ ist eine Metapher für die
Vergänglichkeit. Blumes Vertonung, sein Klavierspiel und Gesang
legen die Vermutung nahe, dass es für den Ausdruck von Gefühlen
Archetypen in Sprache und Musik gibt, dass sich ähnelnde
Harmonien und Akkordfolgen bei so unterschiedlichen Komponisten
wie Konstantin Wecker, Reinhard Mey und Gernot Blume
wiederfinden jedoch ohne die Persönlichkeit des jeweiligen
Künstlers zu stören oder gar wie ein Plagiat zu wirken.