
Das ist ein Konzert nach dem Motto „Das eine tun, ohne das andere zu
lassen“. Schnelle Fingerbewegungen und die Leidenschaft von Flamenco
sowie Tango prägen das Konzert des Gitarristen Al DiMeola bei der
Jazzfabrik im nahezu ausverkauften Rüsselsheimer Theater.
Mit seiner „New World Sinfonia“ pflegt der Gitarrist ungeachtet der
Jazz-Rock-Fusion-Vergangenheit erneut seine alte Liebe Flamenco und
Latin vor allem mit der Verehrung des legendären Tango-Erneuerers
Astor Piazzolla. Von dessen emotionaler Melodik getragen sind viele
Stücke, die der Gitarrist mit seinem Sextett präsentiert. Piazzollas
Musik habe ihn vom ersten Ton an magisch angezogen, erinnert sich
DiMeola. Jene „Tango Suite“, die der Argentinier ihm einst
zugeschickt hatte und die die beiden wegen des Todes des Komponisten
nicht zusammen aufnehmen konnten, war an diesem
Abend
in Rüsselsheim nicht zu hören. Doch Fausto Beccalossi trifft mit
seinem Knopfakkordeon und dem sparsam eingesetzten, ausdrucksstarken
Gesang die Intensität der Kompositionen. Andererseits kann es der
inzwischen fast 55-Jährige Gitarrist nicht lassen, immer wieder jene
atemberaubenden Wahnsinnsläufe in die Kompositionen einzubauen, die
den Zuhörer faszinieren. So kommt es schließlich zu einem
High-Speed-Wettstreit von DiMeola und Beccalossi.
DiMeola zählt gewiss immer noch zu den schnellsten Gitarristen der
Welt, hat aber die Reife erlangt, diese Technik nicht im Selbstzweck
erstarren zu lassen, auch wenn er nach einem solchen Solo-Lauf sich
freudestrahlend nach seinen Mitmusikern umsieht.
Deshalb ist es immer wieder ein mitreißendes Erlebnis, die
Saitenläufe des Gitarristen zu verfolgen, auch wenn es in seinem
Spiel musikalisch nicht viel Neues gibt. So sind die explosiven
Schlussakkorde inzwischen ebenso zu einem Markenzeichen geworden wie
die extremen Dynamiksprünge, die im Timing präzisen Breaks und die
rhythmische Perfektion. Jeder Ton sitzt präzise und glasklar, wenn
die Linke rasend schnell über das Griffbrett wandert und die Rechte
stakkatoartig die Saiten anreißt. Was seine „New World
Sinfonia“-Konzerte von früheren Auftritten abhebt , sind insofern
vor allem die Klangfarben, die der sardische Gitarrist Peo Alfonsi
und der italienische Akkordeonspieler Fausto Beccalossi beisteuern.
Reizvoll
ist das kontrastierende Duo-Spiel von Alfonsi und DiMeola. Der eine
übernimmt den Part des filigranen Melodiegebers, der andere lässt
auch in langsameren Stücken die Saiten der akustischen Gitarre
stählern klingen. Raffiniert ineinander verwobene und einander
umspielende Melodielinien der beiden Gitarristen werden nicht selten
auf- und abgelöst durch DiMeolas knallende Flamencoakkorde. In „Café
1930“ schwelgt nach einer sensiblen Gitarren-Intro das Akkodeon in
Tango-Schwermut, während das Gitarristen-Duo sich in der Intensität
steigert und die Band schließlich kraftvoll treibend einsteigt.
Wie ein cantus firmus hebt sich gänzlich neuartig eine Klangfarbe
von der laufenden harmonik ab. Ganz offensichtlich hat der Meister
einen Synthesizer an seine akustische Gitarre abgeschlossen, mit dem
er hin und wieder Sounds wie von Steel-Drums über das Akkordeonspiel
legt. Eine rhythmische tragende Rolle spielen der Percussionist
Gumbi Ortiz, dem DiMeola mit „Gumberio“ gar eine Komposition widmet
und der Schlagzeuger Peter Kaszas. Ortiz Spiel auf den Congas und
der Holzkastentrommel Cajun wird abgerundet durch das zumeist auf
die Becken verlegte Spiel von Kaszas.
Das Publikum feiert DiMeola und die Band stehend mit schier endlosem
Beifall und wird mit „Mediterranean Sundance“ belohnt.