„Es
ist ein ernstes Stück“, vermeldet Frank Möbus. „Schon vom ersten
Klang an“, fügt er nach einer kleinen Pause hinzu. „Ein ganz und gar
ernstes Stück.“ Dann zupft der Vordenker des Trios „Der Rote
Bereich“ eine kurze Melodielinie, weitet sie zu einem elektronisch
verfremdeten Lauf auf den Saiten aus, den Rudi Mahall mit rhythmisch
ostinaten Akkordeinwürfen der Bassklarinette unterlegt. Ein Wechsel
in der Melodieführung bahnt sich an. Mahall schleudert ein
expressives, überblasenes Solo hinaus, kurze Riffs zu den
Akkord-Variationen auf der Gitarre. Und die Basis dieser
Duo-Exkursionen, die jeweils in einen Unisono-Break von Saiten- und
Holzblasinstrument einmünden, ist das stetig pulsierende Schlagzeug
von Oliver Bernd Steidle.
„Anderes Obst“ lautet der ganz und gar
nicht ernst gemeinte Titel dieser Komposition, der eine spontane
Improvisation ohne Titel folgt, die mit einem schnalzenden Knall und
einer kurzen bluesigen Harmoniefigur auf der Bassklarinette
eingeleitet wird. Mahall lässt sein Instrument in hohen Lagen
gurgeln und zwitschern, verfällt in eine zarte Mehrstimmigkeit und
endet in einem scharfen Pfeifton. Möbus begleitet diesen Ausflug ins
freie Spiel mit sanften und getragenen Sounds auf den Saiten,
Steidle streicht zarte Rhythmen mit dem Besen auf den Drums. Das
Stück gewinnt an Dynamik und Intensität, die Sticks knarzen auf den
Becken, die Luftsäule in der Klarinette flattert, die Notenketten
auf der Gitarre vibrieren.
„Wir
spielen Songs über die wir die Kontrolle verlieren“, hat Möbus
einmal gesagt. Die Zuhörer beim Konzert der Rüsselsheimer Jazzfabrik
in der nüchternen alten Opel-Werkshalle A1 glauben eher an ein
gebändigtes Chaos. Unbändige Fantasie bestimmt das Geschehen, die
Lust an der musikalischen Anarchie, unberechenbares Querdenken, das
Ausloten der technischen Möglichkeiten und die Freude an der
Provokation. „Der Rote Bereich“ mutet den Zuhörern ein Stück zu, das
mit heulenden und kreischenden Ton-Frequenzen aus dem E-Bow auf den
Gitarrensaiten die Schmerzgrenze der Gehörgänge tangiert, während
die Bassklarinette orgiastische Stakkati stammelt und das Schlagzeug
rasende Wirbel schlägt.
Mahal windet sich und ist in steter Bewegung, während er auf der
Bassklarinette energetisch nervöse Läufe überbläst, Möbus ist mit
seinen Füßen beständig auf der Suche nach den richtigen Pedalen und
Knöpfen der vielfältigen Elektronik und kniet manipulierend
zwischendurch vor seinem Minisynthi, während dieser mit Hall und
Schleifen kurze Akkordblöcke wiederholt.
Ironie, Dadaismus, Provokation, die
Erfahrungen von Blues bis Free, die Energie des Rock, Formen der
E-Avantgarde, Spielfreude und Kommunikation – all dies bestimmt den
schrullig-schönen Jazz der Berliner Gruppe. Bewusst übertriebene
Naivität kennzeichnet auch die Zwischenmoderationen. „Ist es zu
laut?“, fragt Möbus. „Das liegt nicht an uns“, ergänzt Mahall.
Wieder Möbus: „Der Raum hat eben seine Tücken!“ Dann nach einer
Zugabe, die sich als Persiflage von Zirkusmusik interpretieren lässt
und in der Steidle zirzensisch die Stick wirbeln lässt, sowie nach
einem allerletzten erklatschen Stück auf der Grundlage eines
portugiesischen Fado dürfen die Zuhörer „mit dem Gefühl nach Hause
gehen, dass es doch ein ganz netter Abend war“ – sagt Möbus. Stimmt!
Alles war im grünen Bereich.